Teil III — Der Kampf um die Kontur
Kapitel 24. Die Messung der Rivalin
Alle KapitelDer weiße Korridor des Mirage Omotesandō glich dem eines Krankenhauses.
Nur daß er stiller war als ein Krankenhaus, kälter, teurer. Wand aus mattem Weiß. Boden aus dunkelgrauem Stein, der das Licht verschlang. In der Decke eingelassene Linienleuchten fällen gleichmäßig, wie ein Urteil. Die Luft trug einen Hauch von Zitrusrusche und den geruchlosen Dunst der Desinfektion.
Am Empfang nannte ich meinen Namen. «Himuro Seri. Einen Termin mit Takatsuji Rui-sama.»
Die Frau am Empfang lächelte allzu höflich und ließ mich führen. Der Aufzug trug mich in die oberste Etage. Als die Tür aufging, lag ein Zimmer aus Glas da. Hinten stand Takatsuji Rui.
Eins
Rui stand, den Rücken zum Fenster. Die Straßen von Omotesandō breiteten sich hinter ihrer schmalen Kontur aus. Die silbernen Smartglasses spiegelten die Nachmittagssonne.
«Du kamst.»
Keine Begrüßung. Rui warf mir einen Blick zu und wies mit dem Kinn auf den Stuhl vor mir. Ich setzte mich nicht.
«Takatsuji Rui-san.»
Ich sprach den Namen deutlich. Die Stimme hallte im Glase.
«Eins darf ich fragen.»
«Fragen, sagst du. Seltsamer Zufall. Ich habe auch eins.»
Rui lachte. Nur der Mund bewegte sich. Ein Lächeln ohne Temperatur.
Ich sagte, was ich vorbereitet. Wort für Wort, als kaue ich es.
«Ihr habt die Meßdaten eines meiner Klienten abgesogen. Und die Geschichte, die sein Körper spricht, in die Werbung von Veil gewendet. Das möchte ich zurückhaben. Daten wie Geschichte. Es gehört dem Menschen.»
Rui wartete einen Schlag. Dann sah sie zum Fenster hinaus. Die Zelkoven von Omotesandō schwangen im Wind des Frühsommers.
«Himuro Seri-san.»
Sie wandte sich mir zu.
«Du setzt das Wort Geschichte zu sehr ins Heiligtum.»
«Heiligtum, sagen Sie.»
«Als etwas, das man nicht berühren darf. Das man nicht auf eine Zahl zurückführen darf. So behandelst du es. Das ist ein gefühltes Geschwätz.»
Rui trat an den Tisch in der Mitte des Zimmers. Darauf lag ein dünnes Tablet. Sie schnippte mit dem Finger über den Schirm.
«Ob dein Geschichte-Lesen wahrhaft die Menschen rettet. Oder ob es bloß Sentiment ist, eine sanfte Lüge, eine Selbstbefriedigung. Kannst du das erweisen.»
«Erweisen.»
«So. Erweis. Die Zahl kann erweisen. Sie hat Wiederholbarkeit. Hat dein Lesen das.»
Ich biß mir auf die Lippe. Ich wollte antworten und fand das Wort nicht. Was Rui sagte, hatte in einem Sinne recht. Die Geschichte hat keine Wiederholbarkeit. Mißt man denselben Körper, so wechselt das Lesen mit dem Licht des Tages. Das war Stärke und Schwäche zugleich.
«Du weißt es nicht, nicht.»
So deutete Rui mein Schweigen.
«Dann wollen wir den Beweis antreten.»
Zwei
Was sie vorschlug, war eine öffentliche Messung vor Augen.
«Dasselbe Ziel mißt du und ich, zugleich. Ich zahlmäßige es durch den Ganzkörperscan von Veil. Du liest, mit diesem — Contura, nicht. Und das Ergebnis legen wir beide alsbald vor.»
«Vor.»
«So. Ich rufe einige Zuschauer in dies Zimmer. Zwei vom Veil-Personal. Ein Begleiter von dir. Einen dritten, der unparteiisch ist. Wir sehen, wessen Lesung den Menschen stärker trifft.»
«Das ist —»
«Willst du fliehen?»
Ruis Augen verengten sich. Unter den Smartglasses lief kaltes Licht.
Fliehen durfte ich nicht. Die Tatsache, die ich im dreiundzwanzigsten Kapitel erfahren — Veil hatte die Meßdaten meines Klienten ausgesogen und die daraus gesponnene Geschichte, als wäre es die eigene Analyse, in die Werbung gewendet — durfte ich nicht auf mir beruhen lassen. Und träte ich hier zurück, so würde Rui in der Welt ausrufen: Sentiment, wie ich dachte.
«Abgemacht.»
Ich nahm an.
«Doch eine Bedingung.»
«Sprich.»
«Das Ziel darf nur gemessen werden, wenn es selbst erlaubt. Und das Gelesene wird nicht veröffentlicht, wenn es der Mensch nicht will. Diese beiden will ich gewahrt haben.»
Rui sah ein wenig erstaunt. Dann nickte sie klein.
«Deine sittlichen Gebote, nicht. Gut. Ich nehme sie an. Aber —»
Sie hob das Tablet.
«Was, wenn das Ziel von selbst wünscht, veröffentlicht zu werden.»
«… Dann folge ich dem Willen des Menschen.»
«Wohlan, laßt uns rufen.»
Drei
Als Ziel ward Mizushima Kaede gerufen, eine Assistentin von Veil. Vierundzwanzig. Etwa in meinem Alter.
Kaede stand neben Rui, ein wenig angespannt. Ein zarter Körper, weiße Bluse, navyblaue Hose. Die Schulter ein wenig zusammengezogen. Eine Gewohnheit derer, denen der Spiegel schwer ist — ich kannte sie. Weil wir gleich alt, erkannte ich sie wieder.
«Kaede. Wir wollen deinen Körper messen. Öffentlich, vor Augen. Geht das.»
Kaede zögerte einen Augenblick und nickte dann.
«Ja. Wenn Takatsuji-san mich ansieht.»
In der Stimme lag Furcht, Abhängigkeit und ein Hauch von Bangigkeit. Dies entging mir nicht. Dieses Mädchen hatte seinen Wert der Bewertung durch Rui übergeben. Ward die Zahl gut, atmete sie auf. Ward sie schlecht, zerbrach sie. So lebte sie.
Als Zuschauer traten einige ein. Zwei vom Personal Veils. Und als meine Begleitung war Sono Kiryū gekommen. Sono lehnte am Eingang an die Wand, die Arme verschränkt. Als sie meinen Blick traf, nickte sie klein. Das Zeichen: laß es mir überlassen.
Als Dritter ein Journalist eines Branchenblattes. Rui hatte ihn bestellt. Der Unparteiischkeit willen, sagte sie. Ich wußte, wohin diese Unparteilichkeit sich neigte. Doch ich hatte keinen Grund, zu wehren.
Vier
Die Messung ging nebeneinander her.
In der Mitte des Zimmers standen zwei gläserne Kabinen. Links der Ganzkörperscan von Veil. Rechts ein leerer Raum — dort würde ich die Kontursicht mit Contura aufrichten.
Rui bewegte sich zuerst.
«Kaede, zieh dich aus.»
Ein kurzer Befehl. Kaede öffnete die Knöpfe der Bluse und zog die Hose aus. Im Sportbh und den Knapphosen stand ihr schmaler Körper im weißen Licht.
Rui schlug auf die Tasten des Scans. Blaues Licht leckte Kaedes Körper vom Scheitel bis zur Sohle in einem Wimpernschlag.
Auf dem Schirm floß die Zahl wie ein Wasserfall.
«Größe eins einsundsechzig. Gewicht neunundvierzig Komma zwei. Körperfett zweiundzwanzig Komma eins. Muskelmenge sechsunddreißig Komma acht. BMI achtzehn Komma neun. Grundumsatz eins zwei acht Kalorien.»
Ruis Stimme war eine Vorlesung. Ohne Wölbung. Sie reihte nur die Zahlen.
«Seitendifferenz — rechte Schulter einundvierzig Komma drei. Linke Schulter vierzig Komma acht. Rechtes Bein einundfünfzig Komma zwei. Linkes Bein fünfzig Komma acht. Ein leichtes Neigen nach rechts. Die Spur der geführten Hand.»
Und sie fuhr fort.
«Beauty-Score — Hautelastizität zweiundsiebzig. Blutfarbe achtundsechzig. Formabweichung achtundfünfzig. In den oberen zehn Prozent derselben Altersgruppe.»
Zuletzt wandte Rui den Schirm den Zuschauern zu. Dort drehte sich das dreidimensionale Modell von Kaedes Körper. Zahlen klebten als Etikett auf jedem Körperteil.
«Gesamtbewertung. Formabweichung achtundfünfzig, Körperfett zweiundzwanzig Komma eins. Etwas schmaler als die Norm. Muskelmenge unter der Norm. Verbesserungsraum vorhanden. Empfehlung — zwölf Stunden Muskeltraining im Monat, Erhöhung der Eiweißaufnahme auf sechzig Gramm am Tag.»
Rui legte das Tablet hin.
«Soweit.»
Es war genau. Eine kalte, vollkommene Genauigkeit. Der Journalist schrieb eifrig mit. Das Veil-Personal nickte. Zahlen sind leicht verständlich. Objektiv. Überzeugend.
Mir ward der Hals trocken.
Kaede stand in der gläsernen Kabine und sah hinauf zu ihrem Körper, der Zahlen trug. Was lag in ihrem Gesicht? Nicht Erleichterung. Nicht Furcht. Vielmehr — es ähnelte der Resignation. Ach, so ist mein Körper, das Gesicht, mit dem die Zahl den Menschen erklärt. Das Gesicht, das ich einst im Spiegel so oft getragen.
Fünf
«Du bist dran.»
Rui sah mich an.
Ich trat in die rechte Kabine. Ich fragte Kaede ein zweitesmal um Erlaubnis.
«Mizushima-san. Darf ich Ihren Körper lesen.»
Kaede sah verblüfft. Bei Ruis Messung hatte niemand um Erlaubnis gebeten. «Äh, ja. Bitte.»
Ich richtete Contura auf. In der Tiefe hinter den Schläfen die Stimme von Coh.
«Seri. Ich messe. Ich sende das Licht.»
Blaßblaue Teilchen sickerten aus meiner Hand. Sie lösten sich in die Luft und fuhren behutsam über die Oberfläche von Kaedes Körper.
Schulter. Schlüsselbein. Brust. Taille. Gesäß. Oberschenkel.
Das Licht zog einen Ring um den Körper. Zahlen stiegen in die Luft. Sie stimmten weithin mit den Zahlen von Rui überein. Schulterbreite, Brustumfang, Taillenumfang, Hüftumfang. Ein Maß ist ein Maß. Auch die Kontursicht von Contura, auch die Meßtaufe ruhen auf dem Boden der Zahl.
Doch von hier an ward es anders.
Die Zahlen platzten, alle zugleich, in Lichtteilchen. Sie wirbelten, sammelten sich, wurden eine Linie, wurden Schrift.
Und in der Luft erhob sich der Lichtkörper in der Gestalt von Kaedes Körper.
Ich betrachtete die Kontur.
Ein schmaler Körper. Die Schulter nicht breit. Doch rechts allein ein wenig mehr Spannung. Links die Schulter ein wenig eingezogen. Die Brust dünn. Die Linie von der Taille zum Gesäß sanft. Und der Hals ein wenig vorgebeugt. Zusammen mit der Schulter war der ganze Körper vorgeneigt und zusammengezogen.
«Kannst du lesen, Seri», flüsterte Coh.
«Ich kann.»
Ich antwortete. Und las.
Sechs
«Mizushima-san.»
Ich wandte mich Kaede zu. Die Stimme bebte ein wenig. Doch die Worte traten deutlich heraus.
«Ihr Körper spricht.»
Rui verschränkte die Arme und lehnte an der Wand. Bitte, sagte sie spöttisch und öffnete die Hand.
Ich sprach.
«Ihre rechte Schulter ist ein wenig breiter als die linke. Das mag die Spur der geführten Hand sein. Wie Takatsuji-san sagte. Doch daß die linke Schulter eingezogen ist, das kommt nicht allein von der geführten Hand.»
Ich wies auf die linke Schulter der Lichtkontur.
«Hier ist sie zusammengezogen. Als schütze sie jemanden. Oder als verstecke sie sich vor etwas. Der Körper bildet ab, was das Herz unbewußt tut. Sie fürchten sich vor etwas. Sie versuchen, den Körper klein zu machen, unsichtbar.»
Kaedes Augen öffneten sich.
Ich fuhr fort.
«Der Hals steht vor. Das ist die Gestalt dessen, der lange nach unten geblickt hat. Auf den Schirm, oder auf die Miene eines anderen. Ihr Körper fragt die Gestalt: Ist alles gut? — so sieht er aus.»
«Halt —»
Kaede stockte der Atem.
«Und die Linie von der Taille zum Gesäß. Sie ist sanft und rund. Das ist die Gestalt der Sanftheit. Sie hatten ursprünglich einen Körper, der die Menschen aufnehmen konnte, weich. Jetzt ist er hart geworden. Der Muskel geronnen in Anspannung. Der Körper versucht, sich selbst zu schützen.»
Zuletzt sprach ich das Insight. Die Schrift in der Luft ward hell.
Dein Körper hat sich allmählich zusammengezogen, um der Bewertung eines anderen zu genügen. Doch diese Weite ist noch nicht erloschen.
Sieben
Kaede weinte.
Ohne Laut, nur die Tränen liefen. In der gläsernen Kabine hielt sie sich selbst an den eigenen Armen fest.
«… Wieso.»
Kaedes Stimme war heiser.
«Wieso wissen Sie das. Ich habe es niemandem gesagt. Niemandem.»
«Weil Ihr Körper sprach.»
Ich sagte es leise.
«Was Sie nicht in Worte faßten, das sagte der Körper an Ihrer Statt. Ich habe es nur gelesen.»
Rui regte sich.
«… So so.»
Sie hob das Tablet auf.
«Die Zahlen stimmen mit meinem Scan überein. An Genauigkeit unterliege ich nicht. Doch dein Lesen berührt eine Dimension, die die Zahl nicht hat. Das erkenne ich an.»
Es war ein Wort, das der Rui unähnlich war. Sono hob am Rand der Wand die Braue.
Doch alsbald nahm sie die Kälte zurück.
«Aber weil das einen Menschen rettet, heißt das nicht. Dein Lesen ist rührend. Kaede hat geweint. Doch was bleibt, nachdem die Tränen versiegt sind. Was ist morgen anders, wenn sie in den Spiegel sieht. Deine Geschichte lockt eine Träne, aber ändert sie den Körper? Stellt sie auf eigene Beine?»
Rui wandte sich Kaede zu.
«Kaede. Willst du weinen und es dabei bewenden lassen. Oder willst du diese Zahlen zur Verbesserung gebrauchen. Wähle.»
Kaede wischte sich die Tränen und sah Rui an. In ihren Augen lag ein Zweifel. Der Körper, der an Abhängigkeit gewöhnt war, findet es leichter, der Zahl zu folgen. Denn die Geschichte ist schwerer zu fassen als der Befehl.
«Ich —»
Kaede wollte reden und hielt an.
Dann sah sie mich an.
«Himuro-san, nicht.»
«Ja.»
«Das eben Gelesene. Die Weite ist noch nicht erloschen. Ist das wahr. Kann ich noch weiten.»
«Ja.»
Ich nickte.
«Ihr Körper ist jetzt zusammengezogen. Doch die Kraft zu weiten trägt er. Wie Sie sie brauchst, das dürfen Sie entscheiden.»
Kaede lächelte ein wenig. Ein Lächeln, halb Weinen, unsicher. Doch es schien, als stünde sie ein wenig mehr auf den eigenen Beinen, als noch vorhin vor Rui.
Acht
Die Zuschauer gingen. Der Journalist schrieb eifrig mit und ging. Das Veil-Personal ging wortlos. Nur Sono blieb und reichte mir Wasser.
«Seri. Hast du gesiegt?»
Sono fragte leise.
«Ich weiß nicht.»
Es war wahr. Ruis Zahlenanalyse war genau. Mein Insight hatte Kaede ins Herz getroffen. Doch Ruis Frage — was bleibt nach den Tränen — war scharf. Die Geschichte bewegt den Menschen eine Weile. Doch ob sie währt, weiß man nicht. Die Zahl ist kalt, aber morgen und übermorgen liegt sie da.
Rui stand in der Ecke des Glaszimmers und trug etwas in das Tablet ein. Als sie fertig war, trat sie an mich.
«Himuro Seri-san.»
«Ja.»
«Deine Kraft erkenne ich an. Aber sie läßt sich auf eine Zahl zurückführen.»
«Zurückführen.»
«Das Zusammenziehen der linken Schulter, die Vorlage des Halses, die Muskelanspannung. Alles läßt sich als Zahl geben. Der Winkel der Haltung, die Stelle der Muskelverhärtung. Was du Geschichte nennst, ist bloß die literarische Übersetzung einer genauen Zahlenanalyse. Dem, was ich tue, im Wesen gleich. Nur mit der Würze des Gefühls. Mehr nicht.»
Ich wollte widersprechen und hielt an. Was Rui sagte, hatte in einem Sinne recht. Zahl und Geschichte, vielleicht hatten sie dieselbe Wurzel. Vielleicht sprachen sie denselben Körper nur in verschiedenen Worten.
Doch anders, dachte ich auch.
Der Blick, mit dem Kaede mich ansah. Die Stimme, die fragte: Kann ich noch weiten. Das gebiert keine Zahl. Die Zahl sagt Verbesserungsraum. Doch sie sagt nicht Du darfst noch weiten. Diesen Unterschied mußte ich erweisen. Noch hatte ich es nicht erwiesen.
«Takatsuji-san.»
Ich fragte am Schluß.
«Haben Sie je den eigenen Körper gemessen.»
Ruis Hand hielt an. Einen Wimpernschlag, einen ganz kurzen, schwankten die Augen. Dann kehrte das kalte Lächeln zurück.
«Jeden Tag. Vollkommen verwaltet.»
«So.»
Ich drängte nicht weiter. Etwas war seltsam, das spürte ich. Doch jetzt fehlte mir das Mittel, es zu prüfen.
Neun
Mit Sono ging ich dem Bahnhof von Omotesandō zu. Es ward Abend. Die Zelkoven warfen lange Schatten.
«Seri.»
Sono fragte.
«Diese Rui — das ist nicht Sieg und Niederlage.»
«… Ja.»
«Dein Lesen war stark. Das Mädchen weinte. Doch jene wich bis zuletzt nicht zurück. Auf Zahl zurückzuführen, sagte sie. Ist das bloß eine Starre?»
«Ich weiß nicht.»
Ich murmelte.
«Nur dies begriff ich. Rui hat meine Kraft anerkannt. Doch sie glaubt zugleich: Auf Zahl zurückzuführen. Bis ich das wende, kommt die geraubte Geschichte nicht zurück. Solange sie glaubt, derselbe Stoff, nur mit Zahlen wirksamer zu leisten, hört sie nicht auf.»
«Was tust du.»
Ich hielt den Schritt an. Der Eingang des Bahnhofs lag vor mir. Die Menschen gingen und kamen. Jeder Körper trug seine Geschichte.
«Das nächste Mal muß ich Größeres erweisen. Daß die Geschichte etwas trägt, das sich nicht auf die Zahl zurückführen läßt. Nur ins Herz zu treffen, genügt nicht. Der Körper muß sich ändern. Und daß es sich mit der Zahl allein nicht erklären läßt.»
Sono verschränkte die Arme und dachte nach.
«… Eine große Arbeit.»
«Ja.»
Ich legte die Hand an die Tasche, in der Contura lag. Kaltes Metall. Doch Cohs Nähe ward als leichte Wärme spürbar.
«Doch es muß sein.»
Der nächste Schritt. Zu erweisen, daß die Geschichte den Menschen wandelt. Und daß die Bühne dieses Erweises schon nahe war, ahnte ich.
Der Abendhimmel über Omotesandō mischte Orange, Violett und Indigo. Ich trat neben Sono die Treppe des Bahnhofs hinab.
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Auf der Rückfahrt las ich einen Satz, der ohne mein Zutun auf dem alten Schirm von Contura aufgetreten war.
Maschine ist nur das Messen. Das Lesen ist der Mensch.
Ob Coh mir das Wort hinterlassen hatte. Oder ob die Großmutter es einst aufgezeichnet. Ich wußte es nicht. Doch diesen Satz barg ich in den Grund der Brust.
Morgen trete ich an. Um den Sieg der Geschichte zu erweisen.
([Kapitel 25. Der Sieg ohne Kern] fortsetzen)
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