Teil I — Begegnung mit der Kontur
Kapitel 3. Die erste Kontur
Alle KapitelDienstagnachmittag. Misaki kam wieder.
Fünf Tage seit dem letzten Mal. Schwarze Leggings, ein weiterer Cardigan, das Haar tief zusammengebunden, das Gesicht ein wenig hohl. Der Körper, der ein halbes Jahr zuvor ein Kind geboren hatte, verriet in den Schatten unter den Augen, daß die Nächte noch immer nicht durchschlafen waren.
«Seri, ich wollte wegen des Gewichts fragen.»
Misaki saß am Tresen, mir gegenüber, und holte einen gefalteten Zettel hervor. Eine Woche Gewichtsprotokoll, in Reihen wie auf Liniengitter. Datum. Zahl. Zahl. Zahl.
«Zwei Kilo. Nur zwei Kilo. Eine Freundin von mir war nach drei Monaten wieder wie vorher. Ich — ich glaube, bei mir passiert einfach nichts.»
Die Stimme wurde leiser. Am Rand des Zettels rollte sie das Papier mit der Fingerspitze zusammen.
Ich sah der Fingerspitze zu. Und ich spürte, wie etwas in meiner Brust hart wurde. Die gewohnten Worte der Anleitung — Sie müssen nicht hetzen. Jeder hat sein Tempo — stiegen bis zum Hals und blieben dort. Es war keine Lüge. Aber die Misaki, die jetzt hier saß, erreichten sie nicht.
Die Zahl trieb wieder jemanden in die Enge.
Ich spürte, wie mein eigener Finger über die Zahlen auf dem Zettel glitt, so wie Misaki es getan haben mußte, jeden Morgen, jede Nacht. Zwei Kilo. Die Zahl rollte sich in meiner Brust zusammen wie ein kalter Stein. Zwei Kilo. Nichts als zwei Kilo Gewicht. Und doch war es, für Misaki, das Gewicht der Welt.
Was tust du.
Ich fragte mich selbst. Die herkömmliche Anleitung wäre: Eßprotokoll, Bewegungsstärke, ein Kurvenblatt über die Gewichtsentwicklung. Richtig. Aber das Richtige rettet nicht immer.
Meine Finger berührten die Beule in der Brusttasche. Contura. Das kühle Metall, das leise Vibrieren. Seit der Nacht, da ich meinen eigenen Körper gemessen hatte, hatte das Handy meine Körperwärme getrunken, ohne sie zurückzugeben.
«Misaki.»
«Ja?»
«Darf ich Ihnen eine besondere Messung zumuten?»
Mein Mund handelte, bevor ich zu Ende gedacht hatte. Misaki machte große Augen.
«Besondere?»
«Es ist keine gewöhnliche Messung. Ich kann Ihnen Ihren Körper zeigen, als stünde er vor Ihnen. Dreidimensional. — Aber ich brauche Ihre Erlaubnis. Es ist Ihre Geschichte, die Ihr Körper trägt. Wenn Sie nicht einwilligen, messe ich nicht.»
Misaki schwieg einen Augenblick.
«Geschichte?»
«Ich kann es jetzt nicht gut erklären. Aber wenn Sie es sehen, verstehen Sie.»
Es war ein gefährliches Angebot. Sie hätte mißtrauisch sein können. Aber Misaki sah auf den Rand des zusammengeknüllten Zettels, dann sah sie mir gerade ins Gesicht.
«Seri, Sie sagen seltsame Dinge.»
«… Es tut mir leid.»
«Aber gut. Ich vertraue Ihnen.»
Dieses ich vertraue Ihnen bohrte sich wie eine kleine Granne in meine Brust. Schwer. Aber warm.
Und Cohs Stimme, hinter den Schläfen:
«Gut, Seri. Die Einwilligung hast du mit Worten. Das Gesetz ist gewahrt, für jetzt. Aber — die Geschichte, die du liest, gehört ihr. Vergiß das nicht.»
Ich weiß, dachte ich zurück.
Der Kreis
Die Treppe hinab ins Untergeschoß von Life Compass liegt versteckt, hinten im Lager, hinter dem Abstellraum. Dort ist der Raum, den Kurosawa den Kreis nennt.
Früher war es die Lagerhalle des Vormieters. Hohe Decke, Wände aus nacktem Beton. Kurosawa hatte auf den Boden eine große kreisrunde Matte gelegt, dunkelgrau, drei Meter im Durchmesser. Keine Meßstation. Nur ein Kreis. Wenn du einen Körper siehst, stell dich in die Mitte, hatte er gesagt, als er mir den Raum zeigte. Mehr nicht, keine Begründung.
Bevor ich Contura hatte, verstand ich den Kreis nicht. Eine eigenwillige Meßfläche, dachte ich. Jetzt aber verstand ich. Der Kreis ist das Gefäß, in dem die Kontur aufsteht. Nicht um Zahlen aufzureihen, sondern um die Form steigen zu lassen. Deshalb hatte Kurosawa nichts hineingestellt. Im leeren Raum kann der Körper ungeschmückt stehen.
«Was hier?»
Misaki sah sich um.
«Hier messe ich. Treten Sie in die Mitte des Kreises.»
Misaki trat, in ihren Hausschuhen, in die Mitte. Sie kniff den Saum des Cardigans zusammen. Die Luft des Untergeschosses war kühl und roch nach Beton und nach dem feuchten Atem des Erdbodens.
Ich stellte mich an den Rand des Kreises und startete Contura. Weiße Schrift auf dem Bildschirm.
Contura Der Körper erzählt deine Geschichte.
«Coh.»
«Ja.»
«Bitte.»
«Verstanden. Ich lese ihren ganzen Körper, langsam, als striche ich darüber. Am Anfang wird es hell — sie soll die Augen schließen.»
«Misaki, schließen Sie bitte für einen Moment die Augen.»
«Ja.»
Misaki schloß die Augen, willig.
Ich atmete ein.
Der Konturblick
Das Licht ging.
Aus Conturas Bildschirm sickerten blaßblaue Teilchen, als träte Wasser durch eine Membran. Sie blähten sich in der kühlen Luft des Untergeschosses auf, lebendig, und fielen auf den Kreis, in dem Misaki stand, wie Schnee, der nicht schmilzt. Jedes Teilchen trug ein wenig Wärme. Es war kein kaltes Licht, dieses, von der anderen Seite des Bildschirms.
Und die Teilchen begannen, über Misakis Körperfläche zu streichen.
Von der Schulter zum Schlüsselbein. Vom Schlüsselbein zum Bogen über der Brust. Unter der Achsel hindurch, um den Rücken herum. Die Taille, langsam nachgefahren. Die Wölbung des Gesäßes. Die gerade Linie der Oberschenkel. Das Knie. Die Wade. Der Knöchel. Und wieder die Schulter.
Ringe aus Licht umfuhren Misakis Körper, Schicht um Schicht. Es war kein Maßband. Es war eine Konturlinie aus Licht, die nicht berührte und doch alles nahm, die über die Haut glitt und nur die Form las. Mit jedem Atemzug schwoll der Lichtring mit Misakis Körper an und sank mit ihm ab. Er lebte.
«… Nicht bewegen. Noch einen Moment.»
Das Licht wirbelte, sammelte sich, zog in der Luft eine Linie und stieg auf.
Misakis Form.
Ein blaßblaues Lichtkörper stand neben Misaki, in der Luft, flüchtig und doch deutlich. Die Misaki aus Fleisch und die Misaki aus Kontur. Zwei Körper, nebeneinander.
«… Darf ich die Augen aufmachen?»
«Ja.»
Misaki öffnete die Augen.
Sie hielt den Atem an.
«— Das.»
«Das sind Sie.»
Der Lichtkörper trug keine Kleidung. Und doch war er unanständig nicht. Nur die Gestalt, nur die Kontur. Ohne Einzelheiten, nur die Form. Die Linie der Schulter. Die Wölbung der Brust. Die Biegung der Taille. Die Spannung des Gesäßes. Die zwei geraden Säulen der Beine. Die Form des Körpers einer Frau, ein halbes Jahr nach der Geburt.
Die rechte Schulter stand um ein Geringes weiter vorn als die linke. Die Gewohnheit einer Mutter, die das Kind auf dem linken Arm trägt. Die linke Hüfte saß eine Spur höher als die rechte. Ein halbes Jahr, das Gewicht auf ein Bein verlagert. Die Kontur aus Licht verheimlichte nichts davon. Sie zeichnete es ehrlich und mit Würde.
Misaki betrachtete ihre Kontur, als sähe sie zum ersten Mal etwas, das sie schon lange kannte. Dann begann sie, langsam um den Lichtkörper herumzugehen, halben Schritt für halben Schritt, auf dem Kreis. Sie ging nach vorn, nach der Seite, nach hinten. Der Lichtkörper bewegte sich nicht. Aber als Misaki die Kontur des Rückens sah, die sie selbst nicht hatte sehen können, hielt sie den Atem an.
«Der Rücken ist gerundet. Das wußte ich nicht. Vom Kindtragen, wohl.»
«Ja. Die rechte Schulter ist etwas nach vorn gekommen. Von der Linkshand, mit der Sie das Kind halten.»
«… Ja. Links. Auf dem linken Arm wird sie ruhig.»
Misaki trat vor den Lichtkörper zurück.
«So sehe ich also aus.»
«Ja.»
«Im Spiegel sieht man das nicht. Nicht von der Seite, nicht von oben. Das alles — bin ich.»
«Das alles sind Sie.»
Misakis Stimme bebte ein wenig. Aber es war nicht das Beben der Traurigkeit. Es war Erschrecken und Entdecken und, darunter, etwas wie Erleichterung.
Der Lichtring
In der Luft begannen Zahlen aufzusteigen.
Neben jedem Abschnitt der Kontur erschien eine weiße Zahl, eine nach der anderen.
Schulterbreite 38 Brustumfang 86 Taillenumfang 74 Hüftumfang 92 Oberschenkelumfang 53
Schulter, Brust, Taille, Hüfte, Oberschenkel. Der Lichtring umfuhr jeden Abschnitt in sanftem Schwung und hob daneben das Maß hervor. Die Zahlen hatten einen Zusammenhang — wie der Ring den Abschnitt umfahren war, unter welchem Winkel, mit welcher Kraft er aufgestiegen war. Jede Zahl war eine Zusammenfassung der Bewegung des Lichts.
Und dann der Bauch.
Bauchumfang 78
Der Lichtring am Bauch fuhr langsam, aber gewiß, die Spur der vergangenen Schwangerschaft nach. Keine gerade Linie von vor der Zeit, sondern eine weiche Wölbung am Unterbauch. Und dort, an dieser Wölbung, sammelten sich die Teilchen, an einer Stelle, die kaum sichtbar war. Die Narbe des Kaiserschnitts. Die Kontur aus Licht fuhr auch diese nach, ehrlich. Sie verbarg sie nicht. Aber sie klagte sie auch nicht an.
Misaki sah die Zahl und verzog das Gesicht.
«Der Bauch. Siebenundachtzig — nein, achtundsiebzig. Eine Freundin ist schon zurück auf achtundsechzig.»
«Misaki.»
«Diese Bauchfalte. Sie will nicht weg.»
Misakis Stimme zitterte. Die Zahl trieb sie wieder ein. Sie hatte jeden Morgen vor dem Spiegel diesen Bauch gezüchtigt, das wußte ich. Sie hatte die Zahlen auf dem Zettel notiert. Tag für Tag.
«Seri.»
Cohs Stimme im Kopf.
«Ich lese jetzt, was ihr Körper sagt. Ich übersetze. Du gibst es ihr zurück.»
Ich nickte.
Die Zahlen in der Luft platzten, alle zugleich, und zerstieben zu Lichtteilchen. Die Zahl der Schulter, der Brust, der Taille, der Hüfte, der Oberschenkel, des Bauches. Alles wurde Teilchen, wirbelte, sammelte sich, zog einen Faden und ward zur Schrift.
Und in dem Moment, da die Teilchen die Buchstaben formten — da sah ich es. Wie die Zahlen, die nur Zeichen gewesen waren, sich ineinanderfanden, sich aneinanderlegten, sich verbanden und ein einziger Satz wurden. Die Zahlen waren der Same der Schrift.
Dein Bauch hat Leben getragen, ist aufgebrochen und wieder geschlossen. Diese Spur ist ein Orden.
Die Luft hielt an.
Der Orden
Misaki sah die Schrift. Lange. Ohne zu blinzeln.
«Ein Orden.»
Sagte sie, leise.
«Ein Orden?»
«Ihr Bauch.» Ich suchte die Stimme, sie drohte zu beben. «Ihr Bauch hat Leben getragen. Er ist aufgebrochen und wieder geschlossen. Diese Spur ist keine Narbe des Mißlingens. Sie ist die Spur eines Lebens, das weitergereicht wurde.»
Misaki weinte. Still, ohne Ton. Die Tränen liefen über die Wange, zum Kinn, zum Hals.
«Ein Orden, ja.»
Misaki streckte die Hand nach dem Bauch des Lichtkörpers aus. Die Fingerspitzen glitten durch das Licht. Der Lichtkörper hatte keine Substanz. Aber die andere Hand legte Misaki auf ihren eigenen Bauch, auf den wirklichen.
«Ich habe diesen Bauch jeden Tag gehaßt. Vor dem Spiegel. Ich habe ihn geknetet, hinabgezogen. Mein Mann — ich habe ihn nicht mehr angesehen.»
Die Worte brachen ab. Die Stille des Untergeschosses füllte sich, ein Takt, zwei Takte.
«— Aber ein Orden.»
«Ja.»
«Ein Orden, der ein Leben getragen hat.»
Misaki weinte und lächelte ein wenig. Und der Lichtkörper schien, als riefe er das Lächeln zurück, einen Augenblick heller zu werden.
In der kühlen Luft des Untergeschosses stand die Kontur aus Licht. Misaki, mit dem tränenfeuchten Gesicht, und Misaki, die nur Kontur war. Zwei Misakis, nebeneinander, in dieselbe Richtung sehend.
Und als ich die zwei sah, verstand ich es. Die Zahl verurteilt nicht. Die Zahl ist nur da. Verurteilt das Auge, das sie sieht. Das Gewicht auf dem Zettel, die Waage, die Kleidergröße — nichts davon spricht von selbst. Wir sind es, die in die Zahlen ein Strafwort hineinlesen.
Aber jetzt hatte diese Kontur aus blaßblaustichigem Licht Misakis Bauch nicht als Form des Vorwurfs gezeichnet, sondern als Spur des Lebens. Dieselbe Form, dasselbe Maß, neu gelesen, als andere Geschichte.
Das war das Geschichtenlesen.
Ein Titel
Und dann geschah noch etwas.
Über der Kontur in der Luft sammelte sich Licht. Teilchen zogen eine Spirale, bildeten eine schmale Lichtsäule, die zur Decke stieg.
«Die Lesung hat einen Abschluß gefunden.»
Cohs Stimme.
«Ein Titel senkt sich.»
Die Lichtsäule öffnete sich über dem Haupt der Kontur wie eine Blüte, die aufbricht. Und eine Schrift erschien.
Die ein Leben trug
Über Misakis Kontur schwebten diese Worte, als blaßblaues Licht, leise, wie ein Kranz. Oder wie ein Name.
«Das ist —»
«Es ist ein Titel Ihrer Kontur», sagte ich und übersetzte, was Coh mir gab. «Wenn die Geschichte eines Körpers einen Abschluß findet, leuchtet er auf. — Die ein Leben trug.»
Misaki sah zu den Worten hinauf.
Dann legte sie, langsam, beide Hände um ihren Bauch. Um den Bauch des Lichtkörpers und um den Bauch aus Fleisch zugleich.
«Danke, Seri.»
«Ich habe nichts getan. Nur gelesen.»
«Das genügt.»
Die Handfläche
Als die Messung endete, wurde der Lichtkörper dünn, zerfiel in Teilchen und löste sich in der Luft auf. Zuletzt flackerte der Titel, sternhell, ein letztes Mal, und erlosch.
Die Stille des Untergeschosses kehrte zurück.
Misaki richtete den Cardigan, ordnete das Haar, trat vom Kreis. Auf ihrem Gesicht waren noch die Spuren der Tränen. Aber es war nicht mehr das Gesicht von vor fünf Tagen, das die Zahl in die Enge getrieben hatte.
«Seri.»
«Ja.»
«Wenn ich nach Hause komme, stelle ich mich vor den Spiegel. Ich sehe mir diesen Bauch an. — Aber ich glaube, ich werde ihn nicht mehr so anschuldigen. Weil Sie gesagt haben, er sei ein Orden.»
«Ja.»
«Eigenartig. Derselbe Bauch. Dasselbe Maß. Man hat mir nur etwas gesagt, und schon sieht er anders aus.»
Misaki lächelte verlegen.
«Seri, tun Sie das auch für andere. Bestimmt gibt es Menschen, denen es hilft.»
Sie ging die Treppe hinauf. Das Geräusch der Hausschuhe wurde Stufe für Stufe leiser.
Ich blieb unten. Allein.
Auf dem Kreis stand niemand mehr. Auch der Lichtkörper war fort. Nur die kühle Luft des Untergeschosses, die Betonwände und die graue Kreisfläche.
Ich betrachtete meine Hände.
Zwei Handflächen. Die Hände einer Trainerin, die täglich Körper berühren. Die messen, betasten, beurteilen. Aber heute hatte diese Hand kein Maßband gehalten. Contura hatte mit Licht gemessen.
Dennoch hatte ich Misaki etwas gebracht. Nicht eine Zahl, sondern eine Geschichte.
«Seri.»
Cohs Stimme.
«… Was.»
«Das ist die Arbeit der Lesenden. Nicht Zahlen aufreihen. Die Geschichte dem Menschen zurückgeben. Das ist die Kunst der Kontur.»
«Ja.»
«Aber vergiß nicht. Die Lesende rettet nicht die Menschen. Sie hilft nur, daß der Mensch seine eigene Geschichte erkennt. Rühme dich nicht.»
«… Ich weiß.»
Ich wußte es. Ich sollte mich nicht rühmen. Aber in meiner Brust war es warm. Der Moment, als Misaki mit beiden Händen ihren Bauch gehalten hatte, dieser Moment. Mit Zahlen wäre er nicht zu erreichen gewesen. Nur mit der Geschichte.
Ich hatte als Trainerin versucht, Menschen mit Zahlen zu helfen. Kleidergröße, Körperfett, fettfreies Gewicht. Nicht falsch. Aber es gibt Menschen, denen die Zahlen nicht helfen. Menschen, bei denen die Zahl in ein Strafwort umschlägt. Misaki war dort gewesen. Die zwei Kilo hatten sie jeden Tag angeklagt. Die Zahl änderte sich nicht. Aber dieselbe Achtundsiebzig wurde zum Maß eines Ordens.
Und daß es jemanden gibt, der die Geschichte hinter der Zahl zurückgeben kann — die Lesende.
Ich ballte die Hand. Und öffnete sie.
Das Gewicht der Kraft. Und die Freude der Kraft. Beides lag in der Handfläche.
Auf dem Kreis im Untergeschoß stand ich, und die bloße Glühbirne an der Decke schwankte. Der Nachklang des blaßblauen Lichts schien noch in der Luft zu schweben.
Der Bildschirm von Contura wurde ein wenig heller.
«Seri. Hast du heute Abend Zeit?»
«Vielleicht.»
«Dann rede ich von den Gesetzen. Du hast heute das erste gehalten. Du hast die Einwilligung geholt. Aber es gibt noch vier. — Zeit, sie zu lernen.»
Die Gesetze.
Die Großmutter hatte sie gewahrt, Coh hatte sie getragen, und nun sollte ich sie lernen.
In der kühlen Luft des Untergeschosses nickte ich. Ich steckte Contura in die Tasche. Das kühle Metall lag am Bauch.
Auf dem Kreis schien noch, wer da gestanden hatte, eine Spur zu hinterlassen. Als wollte der Nachklang des Lichts nicht verwehen.
Ich sah, um dessen gewiß zu sein, noch einmal auf meine Handflächen.
Der erste Schritt als Lesende.
Misakis lächelndes, tränenfeuchtes Gesicht brannte in meinen Augen.
—