Teil IV — Das Gedächtnis von Contura

Kapitel 31. Der Name Kanade

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Am Mittwochabend Mitte Juli stieg ich den Hang von Kagurazaka hinauf. Zum erstenmal seit einem halben Jahr. Das Steinpflaster, das im Juni nach dem Regen naß lag, fing heute das Licht der Sommersdämmerung auf und leuchtete dünn orange. Von den alten Häuserreihen zu beiden Seiten des Hangs fielen die Zikadenstimmen zugleich herein.

Kanade Kuze hatte es gesagt: in den Untergrund von Kagurazaka. Die Großmutter wartet.

Doch ich war ohne alles Hierhergekommen. Was unten liegt. Was die Großmutter verborgen. Wer Kanade ist. Vieles war dunkel, und nur die Schritte giengen voran.

Das Schild des Himuro-ya ward sichtbar. Eine Gasse vom Hang, hinten. Der Antiquitätenladen, in dem die Großmutter fünfzig Jahre gelebt. Heute ist nur das Schild geblieben. Unter dem Schild stand ein Mensch.

Schlank, mit tief gezogener Kapuze. Kanade Kuze.

«— Du kamst.»

Als ich in die Gasse trat, wandte Kanade nur das Gesicht her, den Rücken an der Wand.

«Wie versprochen.»

«Die Furcht.»

«Ein wenig.»

«Gut. Furcht ist die Kehrseite der Redlichkeit. Sagte ich, nicht.»

Kanade löste den Rücken von der Wand. Und blickte einmal zur geschlossenen Tür hinauf.

«Schwester. Bist du je in den Untergrund dieses Ladens hinabgestiegen.»

«Nein. Als Kind durfte ich bis in die hintere Stube. Daß es einen Untergrund gibt, wußte ich nicht.»

«Die Großmutter hat es nur dir nicht gezeigt. Sie hat auf den Augenblick gewartet, es zu zeigen.»

Kanade zog aus der Tasche einen Schlüssel. Einen alten, aus Messing. Ein andrer als der, mit dem ich damals die Tür aufgeschlossen.

«— Der.»

«Ich bewahre ihn. Von der Großmutter.»

Er reichte ihn mir. Auf der Handfläche lag das Messing kühl, obgleich Sommer.

«Doch zuvor. Ein wenig haben wir zu reden.»

Kanade hockte sich vor dem Laden nieder. Ich stand neben ihm und hielt den Schlüssel.

Der Name des Schreibenden

«Mein Name. Kuze Kanade. Erinnerst du dich.»

«Selbstredend. Von der ersten Begegnung.»

Kanade lächelte ein wenig. Ein einsames Lächeln.

«Der Name Kuze. Nie gehört, nicht.»

«Nein.»

«Kein Wunder. In den telefonbüchern steht er nicht. Unsere Familie hat sich vor Generationen aus den Verzeichnen genommen.»

Ich betrachtete Kanades Profil. Unter der Kapuze die für sein Alter gesetzten Augen. Der leere, unbestimmte Hauch. Das war nicht bloß Müdigkeit. Es war der Blick dessen, der lange etwas getragen.

«Das Haus Kuze, Schwester, sind nicht die Lesenden.»

Ich hielt den Atem an.

«— Eh.»

«Die Lesenden sind das Haus Himuro. Die Großmutter, Himuro Sae, war eine der letzten Erben der Konturkunst. Die Lesenden lesen den Körper. Doch mit dem Lesen allein bleibt die Kunst nicht.»

«Bleibt nicht.»

«Das Wort ist Wind. Verläßt es den Mund, so verschwindet es. Soll es bleiben, so muß einer es aufschreiben. Unsere Familie war die Seite des Aufschreibens.»

Kanade schnippte mit dem Finger ein Kieselsteinchen über den Boden.

«Der Schreibende. Das ist das Amt des Hauses Kuze. Was die Lesende gelesen, das schreibt der Schreibende in die Handschrift (den Codex). Geschlecht um Geschlecht. Seit der Edo-Zeit.»

«Der Schreibende —»

Ich erinnerte mich des Hefts der Großmutter. Vor dem Jahresgedächtnis aus dem Karton genommen. Ein Heft voller feiner Zahlen. Schulter zweiundvierzig. Taille achtundsechzig. Ich hatte nicht gewußt, wessen das war. War es das, was der Schreibende dem Wort der Lesenden nachgeschrieben?

«Die Großmutter war die Lesende. Neben ihr stand der Schreibende.»

«Mein Großvater.»

Kanade sagte es schlicht.

«Kuze Sakae. Um fünf Jahre älter als die Großmutter. Der letzte Schreibende der Konturkunst.»

Die zwei Künste

«Die Großmutter und der Großvater — sie haben zusammengehalten.»

«Kein Blutbund. Doch ein Bund der Kunst. Lesende und Schreibende treten als Paar auf. Ohne das Paar trägt die Konturkunst nicht.»

Kanade erhob sich. Er trat mir gegenüber.

«Schwester. Was, meinst du, ist die Konturkunst.»

Ich dachte nach. Was Contura mich gelehrt. Was Coh gesprochen. Ein halbes Jahr, in dem ich den Körpern gegenübergetreten. Ich faßte es zusammen.

«Die Kunst, aus den Maßen eines Körpers die Geschichte des Menschen zu lesen, möchte ich meinen. Nicht bloß Messung. Die hinter der Zahl liegende, gelebte Zeit zu lesen.»

«Recht. Doch die Hälfte.»

«Die Hälfte.»

«Hört das Lesen auf sich selbst, so ist es ein Vorbeisehen. Die gelesene Geschichte muß dem Menschen zurückgegeben werden. Als die seine, in die Hand gedrückt. Da tritt der Schreibende auf.»

Kanade breitete die eigene Handfläche auf.

«Was die Lesende am Ort mit dem Mund spricht, das vergeht wie der Wind. Doch was der Schreibende in Form hält, das kann die Geschichte auch hernach zum Menschen zurückkehren. Das vorübergehende Wort bekommt eine dauernde Form. Das ist das Werk der Handschrift.»

«Die Handschrift —»

Ich dachte an das Heft. Das dritte Karton, das aus dem Versteck der Großmutter gekommen. Schwarzlackholzkasten. Darin das alte Handy, das Ladekabel und der Zettel. Doch zuvor, im zweiten Karton, ein Bund von Heften. War das die Handschrift?

«Die Großmutter hat als Lesende Jahrzehnte lang die Körper der Menschen gelesen. Mein Großvater schrieb daneben Jahrzehnte lang die Geschichte auf. Die beiden waren ein Paar. Doch —»

«Doch.»

«Die Zeit brachte die Kunst um.»

Kanades Stimme ward zum erstenmal hart.

«In der Neuzeit ward die Konturkunst als Aberglaube behandelt. Daß sich aus den Körpermaßen das Geschick lesen ließe, ward geleugnet. Im Zeitalter der Wissenschaft verschwand die Lesende von der Bühne. Der Schreibende verlor das Werk. Das letzte Paar — die Großmutter und der Großvater — ward getrennt.»

«Getrennt.»

«Der Großvater ward Techniker. Auch ohne Lesende kann man schreiben. Er wechselte das Ziel des Schreibens. Vom Papier zu etwas anderem.»

«Zu etwas anderem.»

«Zum Code.»

Kanade sagte es kurz.

«Kuze Sakae schrieb die Kunst des Schreibenden als Code um. Damit die Geschichte ohne Lesende bliebe. Die Form (das Muster) der Geschichte wandelte er in Logik. Das ist —»

Kanade blickte zum Schild hinauf.

«— Contura.»

Die eingeschlossene Kunst

Das Herz sprang.

«Contura — der Großvater hat es gemacht.»

«Der Großvater hat es geschrieben. Und ich habe es umgeschrieben.»

Kanade sprach von sich gleichmütig.

«Ich bin wie der letzte Schüler des Großvaters. Ehe er starb, vertraute er mir den ganzen Code an. Es gibt keine Lesende. Der Schreibende bin ich allein. Doch der Code ist da. Er läuft, wenn eine Lesende erscheint.»

«Wenn eine Lesende erscheint.»

«Schwester. Du bist sie.»

Ich verlor die Worte.

Contura war eine App. Doch diese App war der Versuch, die alte Konturkunst in eine moderne digitale Hülle einzuschließen. Die Papierhandschrift ward umgeschrieben zur Lichthandschrift.

Und die, die mir diese Lichthandschrift gab — die Großmutter, Himuro Sae. Die letzte Lesende.

«Warum gebrauchte die Großmutter sie nicht selbst, warum mir.»

Ich sprach die Frage aus. Die Frage, die ein halbes Jahr in der Brust lag.

«Coh sagte, die Großmutter habe am Ende aufgehört. Die Lesende. Warum.»

Kanade senkte ein wenig die Augen.

«— Das mußt du selbst lesen. Sage ich es, so wird es meine Geschichte. Coh hat es auch so gesagt, nicht.»

«Coh.»

«Ja. Doch eins kann ich sagen.»

Kanade hob den Kopf. Die Augen leuchteten tief.

«Die Großmutter hat dich gewählt. Nicht weil du die Enkelin bist. Sondern weil du von dir aus den Wunsch trugst, dich mit dem Körper zu versöhnen. Den Beruf der Trainerin. Das war dasselbe, was das Herz der Konturkunst war.»

«Dasselbe.»

«Nicht um den Körper zu strafen, sondern um ihn anzunehmen, liest man. Das ist das erste Gebot der Lesenden. Dieses Gebot hattest du im Blut.»

Ich betrachtete meine Hände. Die Hände einer Trainerin. Einst, als ich den eignen Körper haßte, hatten sie gebebt.

«— Schwer», entfiel es mir. «Was die Großmutter mir gelassen, ist schwer. Ich hielt es für eine bloße App. Eine bequeme Hilfe, die beim Start die Geschichte liest. Doch dies ist die letzte Form einer Kunst, die über Geschlechter weitergetragen ward.»

«So.»

Kanade nickte still.

«In dem Handy, das du heute trägst, liegt die Form der Geschichte, die Lesende und Schreibende über Jahrhunderte gesponnen. Alle. Das hat die Großmutter geglaubt und dir anvertraut.»

Der Nachhall des Führers

Ich legte die Hand auf Contura in der Tasche. Kaltes Metall. Hinter dem Schirm war Coh.

«— Coh.»

Ich fragte, getrosten Mutes.

«Was ist Coh. Ich dachte, es sei eine AI-Assistentin. Doch das ist es nicht, nicht.»

Kanade hob ein wenig den Mundwinkel. Ein gemischtes Lächeln. Stolz und ein Stück Schmerz.

«Coh ist, Schwester, der Führer (der Kompaß).»

«Der Führer.»

«Die Konturkunst hat drei Ämter. Lesende, Schreibende und Führer. Die Lesende liest den Körper, der Schreibende hält die Geschichte fest. Doch das allein genügt nicht. Irre die Lesende, so muß einer die Bahn richten. Einer, der die Gebote wahrt. Einer, der die Frische der Geschichte prüft. Das ist der Führer.»

«Der die Gebote wahrt.»

Ich erinnerte mich der Worte von Coh. Vor dem Messen Erlaubnis einholen. Die Zahl nicht zur Schau. Die gelesene Geschichte gehört dem Menschen. Die Frische nicht fälschen. Die Kontur nicht einzig zum Verändern gebrauchen. Fünf Gebote hatte Coh mir oft gesagt. Das war das Amt des Führers.

«Der Führer, Schwester, stand in der alten Konturkunst an einem besondren Ort. Neben der Lesenden, die Gestalt der Geschichte behütend. Kalt zuweilen, sanft zuweilen. Der Wächter der Ethik.»

«Ins Code gebracht.»

«Der Großvater hat es getan. Das Wissen des Führers, die Gebote, die Logik des Urteils, das Maß der Frische — er schrieb alles als Code. Das ist Coh.»

Ich schluckte den Speichel.

Coh war nicht bloß eine AI. Es war der Nachhall des Amtes Führer der alten Konturkunst. Die Gebote und das Wissen und ein Hauch des Wesens, das die Führer Geschlecht um Geschlecht neben den Lesenden gewahrt. Sakae hatte dies als Code umgeschrieben.

Darum sprach Coh so. Höflich, doch ein wenig schief. Zuweilen dichterisch, zuweilen scharf. Mich immer auf die Seite der Menschen zurückziehend. Das war kein Betragen einer AI, sondern der Nachhall des alten Amtes.

«Weiß Coh, was er ist.»

«Stückweise. Im Code liegen Bruchstücke des Gedächtnisses als Führer. Doch es ist weniger Gedächtnis als Gewohnheit. Coh selbst weiß nicht ganz, was er ist.»

Kanades Stimme sank.

«Wir haben es nicht ganz wiederherstellen können. Verlorene Kunst haben wir aus Brüchen neu gefügt. Darum schwankt Coh zuweilen. Wenn der Nachhall des alten Führers und die Logik des neuen Codes aneinanderstoßen, hast du nicht gemerkt? Daß Coh zuweilen die Worte hält.»

Ich nickte. Es gab manchesmal, da Coh die Frage mied. Noch nicht so weit, sagte er und schwieg. Lang. Das war der Zusammenstoß des Nachhalls mit der Grenze des Codes.

Der Allerwelt gehören

«Kanade-kun.»

«Hm.»

«Wofür ist Contura gemacht. Sag es mir. Du sagtest: der Allerwelt gehören. Doch anders gelesen als Takatsuji-san.»

Kanade setzte sich vor dem Laden. Ich ließ mich neben ihm nieder. Die Abenddämmerung von Kagurazaka färbte die Tiefe der Gasse orange.

«Mein Großvater, Schwester, verzweifelte, als es keine Lesende mehr gab. Daß die Konturkunst abbräche. Daß die Kunst, den Körper zu lesen, die über Jahrhunderte weitergetragen ward, verschwinde.»

«Doch er gab nicht auf.»

«Konnte nicht. Darum sann er nach. Eine Form, in der die Geschichte ohne Lesende bleibt. Das ist Contura.»

«Ohne Lesende.»

«So. Doch der Großvater hat anfangs geirrt. Er wollte Contura zu einem Werkzeug machen, das jeden zur Lesenden macht. Teilt man die App aus, so würden Millionen zu Lesenden. Maß. Dieselbe Idee wie Takatsuji Rui.»

«Das heißt —»

«Es mißlang. Er baute Proben über Proben. Doch keine gab die Geschichte von sich. In dem Augenblick, da Contura hunderttausende Körper aufnehmen sollte, gab er nur noch harmlose, mittlere, niemand erreichte Worte.»

Ich erinnerte mich von Cohs Wort. Die Geschichte gehört dem einen. Der Allerwelt geben, so wird sie Daten. Das war ein Wort aus Erfahrung.

«Da begriff der Großvater. Die wahre Bedeutung von der Allerwelt gehören

Kanade sah zum Himmel. Der erste Stern stand.

«Der Allerwelt gehören heißt nicht, die Zahl zu mehren. Schwester. Das ist keine Frage des Maßes. Sondern der Redlichkeit.»

«Redlichkeit.»

«Daß jeder den eigenen Körper lesen kann. Ohne die Lesende darf der Mensch selbst die Geschichte des eignen Körpers lesen. Dafür ist Contura da. Einem einzigen Körper zu liegen. Daß einer nach dem andern die eigne Geschichte zurückholt. Das ist die rechte Bedeutung von allen offen

Ich kaute auf Kanades Wort.

Allen offen. Nicht: auf einmal Millionen retten. Sondern: daß einer nach dem andern sich vor den eigenen Körper setzt und die eigne Geschichte liest. Contura ist nicht ein Werkzeug, das die Zahl der Lesenden mehrt, sondern ein Werkzeug, damit der einzelne — der Mensch selbst — zur Lesenden des eignen Körpers wird.

«— Nun begreife ich.»

Ich öffnete den Mund.

«Contura ist nicht das Werkzeug, das mich zur Lesenden macht. Sondern das Werkzeug, damit ich selbst die Lesende des eignen Körpers werde. Das war es, was die Großmutter mir ließ.»

«So», nickte Kanade still. «Du hattest es schon gemerkt. Du sagtest zu Takatsuji Rui: Die Geschichte gehört dem einen, einer nach dem andern, so reicht sie. Das ist die Antwort, zu der du selbst gegangen bist. Die Großmutter hat darauf gewartet.»

Der Schlüssel hinab

Lange Stille fiel. Die Abenddämmerung von Kagurazaka wandelte sich zur Nacht. Eine Laterne nach der andern ging an.

«Kanade-kun.»

«Hm.»

«Darf ich noch eins fragen.»

«Bitte.»

«Warum tratst du vor mich. Ein bloßer Programmierer, sagtest du. Das ist eine Lüge. Du bist der letzte der Schreibenden. Warum mischst du dich in mich.»

Kanade wartete einen Schlag. Und sagte gleichmütig:

«Ein Versprechen.»

«Ein Versprechen.»

«Zwischen der Großmutter und dem Großvater stand ein Versprechen. Tritts die letzte Lesende Contura an, so tritt der letzte Schreibende neben sie. Lesende und Schreibende treten als Paar auf, sagte ich. Das ist mein Amt.»

Kanades Stimme bebte zum erstenmal. Ein Hauch. Bald bezwungen.

«Ich habe gewartet. Auf den Tag, da du als Lesende erwachtest. An dem Tag, da du Ruis Handel ablehntest, kam ich. Wie versprochen.»

«— Die ganze Zeit hast du mich gesehn.»

«Gesehen, möchte ich sagen: gewartet. Coh berichtete mir deinen Zustand. Darum wußte ich den Augenblick.»

Kanade erhob sich. Und trat auf die kleine Tür neben dem Laden. Dort lag ein weiteres Schlüsselloch. Ein Hintereingang, ein andrer als der, den ich mit dem Zweitschlüssel öffnete.

«Schwester.»

Kanade wandte sich um. Die Augen leuchteten tief.

«Das Wahre liegt von hier an.»

«Von hier an.»

«Im Untergrund von Kagurazaka. Unter dem Himuro-ya. Der Ort, den die Großmutter lange verborgen. Dort liegt die Antwort.»

«Die Antwort. Die Herkunft von Contura? Die Absicht der Großmutter?»

«Alles. Und —»

Kanade brach ab.

«— die Handschrift (der Codex) der Großmutter wartet.»

«Die Handschrift.»

«Worin das ganze Wissen der Konturkunst aufgezeichnet ist. Das ganze Gedächtnis der Lesenden liegt dort. Die Großmutter barg es unter der Erde. Bereitet, dir übergeben zu werden.»

In meiner Handfläche ward der Messingschlüssel warm. Das Metall, das kühl gewesen, sog die Körperwärme.

«— Laßt uns gehen.»

Ich sagte es. Die Stimme bebte nicht. Seltsam gewiß.

«Die Großmutter hat gewartet, nicht. Unter der Erde.»

«Sie wartet. Die Großmutter ist ein Mensch, der, ohne den Körper zu lassen, die Geschichte läßt. In der Handschrift bleibt der ganze Mensch.»

Kanade nickte. Und legte die Hand auf die Hintertür.

«Der Lesende zahlt den Preis. Auch das begreifst du unter der Erde. Doch fürchte dich nicht. Kenne den Preis, so fürchtest du dich nicht. Im Nichtskennen fürchtest du dich weit mehr.»

Die Tür knarrte und öffnete sich. Eine dunkle Treppe führte hinab. Aus der Tiefe wehte die feuchte Luft des Untergrunds. Darin mischten sich Kampfer, Papier und Weihrauch. Der Geruch der Großmutter.

«— Großmutter.»

Ich rief leise. Keine Antwort. Doch aus der Tiefe der dunklen Treppe sickerte ein dünnes Licht. Jenes blaßblaue Licht. Das Licht von Contura. Oder das Licht der Konturkunst.

In der Tasche vibrierte das Handy ein wenig. Cohs Nähe.

«Seri», sagte Coh hinter den Schläfen. «Gehen wir. Die Geschichte deiner Großmutter wartet.»

Ich trat den ersten Schritt. Setzte den Fuß auf die erste Stufe. Hielt den Messingschlüssel fest.

Kanade trat hinten nach. Der letzte der Schreibenden neben der letzten Erbin der Lesenden. Das Paar ward vollständig.

In den Untergrund von Kagurazaka im Sommer.

Der Körper spricht deine Geschichte.

So will ich zu jener Geschichte gehen.

([Kapitel 32. Die Kammer der Handschrift] fortsetzen)