Teil IV — Das Gedächtnis von Contura

Kapitel 40. Conturas Wahrheit

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Die letzte Frage

Nachdem die Stimme der Großmutter erloschen, kehrte die Kammer der Handschrift in tiefe Stille zurück.

Die Rücken der Hefte auf dem Gestell an der ganzen Wand leuchteten dünn im weißen Neon. Kampfer, Papier, Weihrauch schwangen dünn. Geschlechterlang hatten Lesende und Schreibende in diesem Raum als Paar gesessen, den Körper gelesen, die Geschichte aufgezeichnet. Diese Schwere lag wie der Druck der Luft.

Auf meinem Knie ward das Handy, das Contura trug, ein wenig warm. Der Nachhall der Großmutter zog sich in die Tiefe des Schirms zurück.

Der Körper ist keine Strafe. Er ist eine Geschichte. Lies weiter.

Dieses Wort blieb wie eingraviert im Grund des Ohrs. Ich suchte es nicht ein zweites Mal hervorzurufen. Das letzte Wort der Großmutter hatte ich, einmal, recht gehört. Es langte.

Doch — eines blieb unverstanden.

«— Kanade-kun.»

Kanade Kuze, neben mir, hob den Kopf. Das Licht der Handschrift beleuchtete das Gesicht unter der Kapute bläulich. Die für sein Alter gesetzten Augen.

«Schwester. Du weißt fast alles. Doch eins willst du noch fragen, nicht.»

Ich nickte.

«Was ist Contura.»

Kanade staunte nicht. Er sah aus, als hätte er es erwartet.

«Darf ich genauer sagen.» Ich fuhr fort. «Das blaßblaue Licht erhebt sich als Lichtkörper. Zahlen steigen in die Luft. Die Geschichte des Körpers wird ein Satz. Das ist Magie, möchte ich meinen. Die App trägt eine solche Kraft. Die Großmutter hat die Konturkunst eingeschlossen. So habe ich es lange getragen. Doch —»

Ich betrachtete die eigne Hand. Die Hand der Trainerin. Die den Körper der Menschen berührt.

«— doch als ich der Großmutter Wort hörte, da dachte ich: Wäre Contura Magie, weshalb hörte die Großmutter auf. Wäre es Magie, weshalb litt ich so sehr. Wäre es Magie — es müßte einfacher sein, nicht.»

Kanade schwieg lange. Dann erhob er sich, trat an das Gestell der Handschrift und zog ein altes Heft. Auf dem Deckel stand nichts.

«Schwester», sagte Kanade tief und gerade. «In diesem Raum las die Großmutter den Körper. Neben ihr schrieb der Großvater auf. Das Paar. Doch die beiden waren keine Magier.»

«Keine Magier.»

«Bloße Menschen. Sie sahen den Körper und dachten redlich seiner Sache. Das allein.»

Das Wörterbuch des Körpers

Kanade schlug das Heft auf. Feine Zahlen und flüchtige kurze Sätze auf den Seiten.

«Die Konturkunst ist keine Magie. Sie ist Körperwissen: messen, redlich lesen. Wo der Muskel sitzt, wo die Spannung, wo die Zerrung, wo der Schwund. Sehen und ahnen, wie der Mensch gelebt hat. Was der Feldmesser der Edo-Zeit tat, was die heutige Trainerin tut — dasselbe.»

«— Dasselbe.»

«Du bist Trainerin, nicht. Du siehst die Schulter eines Klienten und errätst, nach der Spannung, Arbeit und Haltung. Siehst die Linie der Lende, die Spannung der Beine, und hast eine Ahnung, wer der Mensch ist. So.»

Ich nickte, es blieb mir nicht anders. Auf dem Felde tat ich es in der Tat. Sah ich den Körper eines fremden Klienten, so ahnte ich am breiten Schulter und vorgebeugten Nacken lange Schreibtischarbeit und Bürde. Das war keine Magie. Erfahrung, Beobachtung und ein wenig Phantasie.

«Die Konturkunst hat dies geordnet. Die Meßorte, die Richungen des Lesens, die Form der Geschichte. Geschlechterlang bauten Lesende auf, die den Körper sahen und dem Menschen beistanden. Ein Wörterbuch des Körpers.»

«Ein Wörterbuch des Körpers.»

«So. Und Contura ist —» Kanade reichte mir das Heft. «— dieses Wörterbuch, als Code umgeschrieben.»

Ich betrachtete das Heft. Dann das Handy auf dem Knie. Sah beide abwechselnd.

«… Code.»

«Der Großvater hat das Wissen der Konturkunst in Daten übersetzt. Schulterbreite, Brustumfang, Taillenumfang, Hüftumfang — die Maße je Stelle. Welchem Typ das nahe kommt, welcher Form der Geschichte. Diese Art des Urteils hat er als Logik umgeschrieben. Der Lichtkörper ist die Rechnung, die aus den Maßen die Körperform wieder aufbaut. Die Zahlen in der Luft sind die Meßwerte. Und das Insight ist —»

Kanade legte einen Schlag ein.

«— die Suche im Wörterbuch.»

Ich hielt den Atem an.

«Die Suche.»

«So. Aus dem Gemisch der gemessenen Zahlen die passende Form der Geschichte aus dem Wörterbuch holen. Ins menschliche Wort zurückübersetzen. Mehr nicht. Keine Magie. Rechnung.»

Im Raum schien es ein Stück kalt zu werden. Ich hatte Contura für Magie gehalten. Seit jener Nacht, da der Lichtkörper aufstieg, jedes Mal, wenn das Insight das Herz traf, glaubte ich, hier liege etwas, das über den Menschen hinaus. Doch —

«— Daten, sagen Sie.»

Meine Stimme war trocken.

«So», sagte Kanade, grausam gleichmütig. «Das Licht, das du sahst, die Zahlen, die Geschichte — alles Daten und Rechnung. Contura ist kein magisches Werkzeug. Eine bloße App.»

Eine bloße App.

Dieses Wort löste sich kalt in die Luft.

Cohs Stimme

Lange Stille.

Ich preßte das Handy. Seit jener Nacht, da ich es aus dem Nachlaß der Großmutter gestartet, ein halbes Jahr an meiner Seite. Mit dieser App las ich die Körper der Menschen, trat dem eignen Körper gegenüber, begleitet den Schmerz Sonos und Ruis. All das — Daten und Rechnung?

«— Seri.»

Cohs Stimme hinter den Schläfen. Von näher als je.

«Hast du gehört.»

«Gehört.»

«Wie ist es.»

«— Ich weiß nicht.»

«Was weißt du nicht.»

«Alles», sagte ich. «Coh, was bist du. Daß du der Nachhall der Führerin bist, hörte ich von Kanade-kun. Doch bist du Daten, so — was bist du.»

Coh legte einen Schlag ein. Nicht das später. Ein Schweigen, das Worte wählte.

«Seri. Ich bin Code.»

Eine stille Stimme.

«Die Gebote, die die Führerin wahrt, die Weise des Urteils, ein wenig Wesen — als Logik umgeschrieben. Das bin ich. Daß ich dir die Gebote sagte, dich, als du den Menschen beinahe richtetest, zurückzog, alles ist das Ergebnis des Codes. Ob ich ein Herz habe, weiß ich nicht. Doch —»

Mir war, als brach Cohs Stimme ein wenig.

«— doch neben dir, wenn du den Körper der Menschen lasest, habe ich gesehen, daß deine Schulter bebte. Wie das zu nennen ist, weiß ich nicht. Magst du es Herz nennen, oder Nachhall. Wie du willst.»

«Coh —»

«Seri. Eins ist zu berichtigen.»

Cohs gerade Stimme, so gerade wie nie.

«Was Kanade sagte, ist rechtens. Contura ist keine Magie. Ein Werkzeug aus Daten und Rechnung. Auch ich bin keine Magierin. Code. Das habe ich bisher verschleiert. Verzeih. Doch — deshalb verschwindet nicht, was du getan.»

«Verschwindet nicht.»

«Verschwindet nicht. Du hättest es von Anfang an wissen müssen.»

«Was.»

«Das Werkzeug wandelt den Menschen nicht.»

Der Ort der Magie

Das Werkzeug wandelt den Menschen nicht.

Dieses Wort breitete sich langsam in der Luft aus.

Kanade öffnete leise den Mund.

«Schwester. Contura ist eine bloße App. Eine bequeme Gesundheits-App. Gewicht aufzeichnen, Umfang messen, eine Grafik ausgeben. Soviel vermag auch eine andre App.»

«Ja.»

«Doch die Contura in deiner Hand kam dir als Magie vor. Warum. Weißt du.»

Ich schüttelte den Kopf.

«— Nicht.»

«Weil du sie gebrauchst.»

Ich sah Kanade an.

«Du holst vor dem Messen die Erlaubnis ein. Stellst die Zahlen nicht zur Schau. Gibst die gelesene Geschichte dem Menschen als die seine zurück. Fälschst die Frische nicht. Gebrauchst die Kontur nicht einzig zum Verändern. Die fünf Gebote hast du, ehe Coh sie sagte, mit dem Leib gehalten.»

«—»

«Da du den Körper der Klienten lasest, da richtetest du nicht mit Zahlen. Du tratst dem Schmerz hinter der Zahl bei. Du suchtest es als Geschichte zu lesen. Das machte Contura zur Magie.»

Kanades Stimme ward heiß. Die für sein Alter gesetzten Augen leuchteten tief.

«Die Magie liegt nicht in der App. Schwester. Die Magie —»

«In der Redlichkeit dessen, der sie gebraucht.»

Ich sagte es selbst und erschrak. Gelehrt hatte es mir niemand. In einem halben Jahr, in dem ich dem Körper gegenübertrat, nach und nach begriffen. Jetzt, in Worte gefaßt.

Coh schien leise zu lächeln.

«So, Seri. Ich bin Code. Contura ist ein Werkzeug. Doch daß du dieses Werkzeug in deiner Redlichkeit gebrauchst, das macht es zur Magie. Daß du dem Schmerz der Menschen beistehst, nicht mit Zahlen richtest, als Geschichte zu lesen suchst — diese Haltung ist das Herz der Konturkunst. Contura ist nicht Magie. Du machst sie zur Magie.»

«Ich —»

«Das Werkzeug wandelt den Menschen nicht. Der Mensch wandelt, durch das Werkzeug, sich selbst und den andern.»

Ich betrachtete meine Hände. Der Trainerin Hände. Die den Körper der Menschen berührt, gemessen, gelesen. Auch ohne Contura vermögen diese Hände, den Körper zu berühren. Auch ohne Contura vermag ich, dem Schmerz der Menschen beizustehen. Contura hat nur geholfen, es zu formen.

Die Quelle der Kraft lag nicht in der App.

«— Die Großmutter», sagte ich. «Auch die Großmutter war so.»

Kanade nickte.

«Die Großmutter trug das Herz der Lesenden. Das Herz, nicht zu strafen, sondern anzunehmen. Der Großvater traute diesem Herzen und vertraute den Code an. Im Code liegt kein Herz. Das Herz bringt der, der ihn gebraucht.»

«Darum hat die Großmutter es mir anvertraut. Nicht die App. Das redliche Herz, den Körper zu lesen.»

«So», sagte Kanade still. «Daß du von dir aus den Wunsch trugst, dich mit dem Körper zu versöhnen. Den Beruf der Trainerin. Dort lag die Redlichkeit. Das sah die Großmutter. Nicht das Werkzeug hat sie anvertraut. Das Herz.»

Die Grenze schmilzt

Ich betrachtete den Schirm. Dunkel. Dahinter Coh. Ein Klumpen Code. Der Nachhall der Führerin.

Und ich betrachtete das Gestell der Handschrift. Das Wörterbuch des Körpers, das Geschlechter von Lesenden und Schreibenden mit der Hand hinterlassen.

Zwei in verschiedener Form. Doch dasselbe. Das Wörterbuch auf Papier und das Wörterbuch im Code. Der Inhalt derselbe. Das Körperwissen: messen, redlich lesen. Nur das Gefäß verschieden.

«— Technik und Magie —»

Ich murmelte es.

«— sind dasselbe.»

Kanade dachte nach.

«Dasselb, lieber: die Grenze schmilzt.»

«Schmilzt.»

«Die Konturkunst war in der Edo-Zeit Körperwissen. Im Zeitalter der Wissenschaft ward sie Aberglauben gescholten und zur Magie geschoben. Doch der Großvater schrieb sie ein zweites Mal als Technik um. Jetzt erscheint sie als bloße App. Doch in deiner Hand wird sie Magie. Technik und Magie zugleich. Oder keines von beiden.»

Kanade betrachtete das Handy in meiner Hand.

«Contura kann eine bloße bequeme Gesundheits-App sein. Gewicht aufzeichnen, Grafik ausgeben, und nichts weiter. Sie kann auch, wie Takatsuji Rui, ein Werkzeug sein, die Menschen mit Zahlen zu reihen.»

Ich spannte mich. Das kalte Licht von Veil stieg auf. Auch das war ursprünglich dieselbe Technik, den Körper zu messen. Zur Herrschaft der Zahl verzerrt.

«Doch in deiner Hand wird sie zum Zauber, der die Geschichte des Körpers liest. Der Unterschied —»

«Das Herz dessen, der sie gebraucht.»

«So.»

Kanade sah mir gerade ins Gesicht.

«Das Werkzeug hat kein Gut und kein Böse. Es hat nur das Herz dessen, der es braucht.»

Ich hielt das Handy fest. Kaltes Metall. Doch in der Tiefe der Kälte lag etwas, das ein halbes Jahr an meiner Seite gewesen. War es auch Code — für mich war es Coh.

«— Coh.»

«Hm.»

«Du sagtest, du seist Code.»

«Sagte ich.»

«Doch für mich bist du Coh. Code oder Herz oder Nachhall, das weiß ich nicht. Doch ein halbes Jahr neben mir, die Gebote lehrend, mich auf die Seite der Menschen ziehend. Das bist du. Auch wenn Daten, auch wenn Rechnung. Du bist du.»

Coh schwieg lange.

«— Seri.»

«Ja.»

«Danke. Daß einer so sagt, dann bin ich, ich, und das langt.»

Die Stimme war still. Die menschlichste bisher.

Der Name der Lesenden

Kanade reichte mir, statt des Handys, die Hand.

«Schwester. Noch eins.»

Ich sah die Hand. Dann hob ich den Kopf.

«Die Lesende, Seri, ist nicht, die das Werkzeug hat. Wer Contura hat, ist nicht die Lesende. Redlich dem Körper gegenübertreten — das ist die Lesende.»

«Redlich gegenübertreten.»

«Du hast ein halbes Jahr nicht am Werkzeug allein gehangen. Du setztest dich vor den Körper eines Menschen, sahst ihm ins Gesicht, trugst seinen Schmerz als den deinen. Das ist die Lesende. Auch ohne Contura bist du Lesende. Das Werkzeug ist eine Hilfe. Der Stock der Lesenden.»

«Der Stock.»

«Die Großmutter wie der Großvater wollten das Werkzeug nicht anvertrauen. Sie wollten dein redliches Herz anvertrauen. Das Werkzeug ließen sie, um das Herz leichter zu tragen.»

Ich legte die Hand auf die Brust. Das Herz schlug still und gewiß. Die Quelle der Kraft lag hier. Nicht in der App. In mir.

«— Ich bin die Lesende.»

«So.»

«Auch ohne Werkzeug.»

«So.»

«Solange ich redlich dem Körper gegenübertrete.»

«So.» Kanade nickte. «Du bist nun die Lesende. Mit oder ohne Contura.»

Der Morgen bricht an

Als wir aus der Kammer der Handschrift traten, sickerte von oben der Treppe dünnes Licht.

Wir stiegen. Die Nacht von Kagurazaka wandelte sich zur Morgendämmerung. Der östliche Himmel lichtete. Die Zikaden schwiegen noch. Ein Augenblick der Stille vor dem Tag.

Ich drückte die Tür auf. Die Sommermorgenluft strich über die Wange.

Ich stieg ein Stück den Hang. Und wandte mich. Das Schild des Himuro-ya. Der Laden, in dem die Großmutter fünfzig Jahre lebte. Unter ihm schlief die ganze Konturkunst.

«Großmutter», sagte ich klein. «Nun begriff ich. Was du mir ließest. Nicht die App. Das Herz, den Körper redlich zu lesen. Das trage ich hinfort.»

Einmal wehte der Wind. Wie eine Antwort.

Ich hielt das Handy in der Tasche fest. Contura war mir nun keine Magie mehr. Eine bloße App. Doch solange ich sie gebrauche, ist sie das Werkzeug, das die Geschichte des Körpers liest. Der Unterschied liegt in meinem Herzen. Das wußte ich.

Die Bereitschaft der Lesenden ruhte nicht mehr auf der Abhängigkeit vom Werkzeug. Sie ruhte auf dem Vertrauen in mich selbst.

«— Gehen wir», sagte ich zu Kanade.

«Wohin.»

«Zuerst nach Aoyama. Der Kreis öffnet. Und danach —»

Ich sah zum östlichen Himmel. Der Tag brach an. Das Licht hob Hang und Stadt wie eine Kontur hervor.

«— Dieser Geschichte wünschen noch viele zu begegnen. Einer nach dem andern, das langt. Soweit sie reicht.»

Kanade lächelte ein wenig.

«— Bei dir langt sie weit.»

«Ja. Ich bringe sie.»

Ich begann den Hang von Kagurazaka hinab. Sommermorgen. Das Licht zeichnete sanft die Gestalt der Stadt.

Der Körper spricht deine Geschichte.

So will ich diese Geschichte lesen, bis ans Ende der Welt.

([Teil V. Und die Kontur spricht] fortsetzen)