Teil IV — Das Gedächtnis von Contura
Kapitel 39. Saes Stimme
Alle KapitelEs war die Nacht des Jahresgedächtnisses.
Am Hang von Kagurazaka, halb oben, hielt ich an. Der feuchte Wind des Juni. Das Steinpflaster wieder naß. Wie vor einem Jahr in jener Nacht. Doch die Farbe der Luft in dem Hang, zu dem ich aufsah, war eine andre, gewiß.
Ich saß hinten im Versteck des Himuro-ya. Die Handfläche auf die Reisigmatte gelegt. Kampfer, Papier, Weihrauch, der Resthauch. Contura auf die Matte gelegt. Das blaßblaue Licht des Schirms füllte langsam das Dunkel.
«Coh.»
«Hm.»
«Hier, nicht.»
«Hier.» Cohs Stimme hinter den Schläfen. Ein wenig ferner als sonst. «Das Versteck des Himuro-ya liegt dem Ort am nächsten, an dem Contura zuerst geschrieben ward. Sae saß auf dieser Matte und schrieb das erste Gebot ein.»
Ich drückte die Handfläche auf die Matte. Hier hatte die Großmutter gesessen. Dieselbe Matte, im selben Dunkel, den Irrtum bereuend, eins nach dem andern die fünf Gebote gehauen. Als läge ihre Wärme noch im Grund der Matte.
«Seri. Wir steigen in die tiefste Schicht hinab.»
«Die tiefste Schicht.»
«Der innerste Grund von Contura. Was du bisher gemessen, gelesen, bestanden hast, war die Oberfläche. Noch tiefer. Was Sae zuletzt einschloß.»
Das Herz schlug.
«Was liegt dort.»
Coh wartete einen Schlag. Die Teilchen auf dem Schirm schwangen.
«Saes Stimme.»
Hinab
Der Schirm von Contura wandelte sich.
Nicht das gewohnte Licht der Kontursicht. Teilchen sickerten aus dem Schirm und lösten sich in die Luft des Verstecks. Doch heute nacht färbte sich der Raum selbst in Licht. Wand, Boden, Decke trugen blaßblauen Ton. Die physische Wand wich, schien fort.
Mein Leib lag auf der Matte. Im Dunkel des Verstecks. Doch das Bewußtsein sank in das Licht.
«Coh. Das ist —»
«Die Tiefe», sagte Coh, ferner. «Der Grund der App. Was der Schreibende schrieb, schläft, wie es war. Die Oberfläche ist für den Gebraucher übersetzt. Hier ist der Ort des Originals vor der Übersetzung.»
Im Licht begann etwas sichtbar zu werden.
Schrift. Feiner Pinsel auf Reisipapier. Satz für Satz der Handschrift der Konturkunst schwebte im Licht. Und hinter der Schrift, noch tiefer —
Eine Stimme.
Die Stimme
Zuerst ein Rauschen.
Wind, der Papier umblätterte. Kampfer, Weihrauch. Und jemand, der leise etwas sagte.
Ich kannte diese Stimme.
Als Kind hatte ich sie jedes Wochenende gehört. Die Stimme, die über die Brille lachte, mir über den Kopf strich und sagte: Seri, wieder gewachsen. Die Stimme, die, ein Heft schreibend, wie für sich murmelte.
«Großmutter.»
Ich hielt den Atem an.
Die Stimme kam näher.
«— Seri.»
Sie rief meinen Namen.
Der Großmutter Stimme. Die ich, seit einem Jahr, kein zweites Mal zu hören geglaubt hatte. Ob Aufzeichnung, ob Nachhall, ob Gedächtnis, das Form annahm — ich wußte es nicht. Doch es war, ohne Zweifel, der Großmutter Stimme. Warm, still, voll Liebe.
«… Großmutter.»
Mir ward zum Weinen. Doch ich biß mir auf die Lippe, nicht zu weinen. Ich mußte hören. Das Wort, das die Großmutter mir als letztes ließ.
Lesen heißt zurückgeben
Die Stimme der Großmutter begann.
«Seri. Daß diese Stimme dich erreicht, heißt: Du hast Contura schon viel gelesen.»
Ich nickte. Ob es langte, wußte ich nicht. Doch ich nickte.
«Daß du dies hörst, heißt: Du weißt um meinen Irrtum. Um die Frau des Schneiders. Daß ich die gelesene Geschichte ohne Erlaubnis des Menschen nach außen trug.»
Ich wußte es. Auf der abgebrochenen Seite der Handschrift hatte ich den Irrtum der Großmutter kennengelernt. Die Güte überschätzt, das Recht nicht angezweifelt, die Geschichte eines fremden Körpers wie die eigne getragen — jener Irrtum.
«Ich, Seri, konnte mir damals nicht verzeihen. Daß Güte verletzt, begriff ich zum ersten Mal. Daß die Kraft der Lesenden rette, hatte ich nicht angezweifelt. Das war Hochmut.»
Der Stimme bebte ein wenig. Die Schrift im Licht schwang mit.
«Doch in langer Zeit begriff ich eines.»
Ich hielt den Atem an. Den abgebrochenen Pinsel der Handschrift erinnerte ich mich.
— Da begriff ich endlich. Lesen heißt nicht Vorbeisehen. Es heißt Zurückgeben. Doch ehe ich das begriff, hatte ich —
Da brach die Schrift ab. Die Tinte gesickert. Hatte sie nicht schreiben können. Hatte angesetzt und den Pinsel gehoben.
Hier hatte die Großmutter schreiben wollen. Und, nicht schreibend, der Stimme hinterlassen.
«Lesen heißt nicht Vorbeisehen. Es heißt Zurückgeben.»
Die Stimme schrieb nach.
«Die Lesende ist nicht eine, die vorbeiseht. Sie ist eine, die die gelesene Geschichte dem Menschen zurückgibt. Das lernte ich von der Frau. Das Wort, das sie mir in die Brust stieß, werde ich mein Leben nicht vergessen.»
Die Luft des Verstecks ward einen Augenblick kalt. Und dann wieder warm.
«Seri. Du trägst die Geschichten der Menschen weiter, die ich nicht zu Ende las, nicht.»
«… Ja.»
«Misaki nach der Geburt. Ōyama nach dem Rücktritt. Das Model Shiori. Kenta, der die Lende schmerzte. Ren, der am Geschlecht trug. Die Zwillinge Kaede und Tsubaki. Mai, die tanzte. Und Sono-chan. Und Rui-san. Eins nach dem andern bist du ihnen entgegengetreten — diese Lesungen habe ich gesehen.»
Ich riß die Augen auf.
«Gesehen.»
«Gesehen. Aus Contura heraus, die ganze Zeit. Daß du die Gebote hieltst, Erlaubnis holtest, lasest und zurückgabst. Daß du dich neu maßt und dich mit der eignen Kontur zu versöhnen suchtest. Daß du dich im Schmerz der andern so vertieftest, daß du dich selbst fast vergessen hättest.»
In der Tiefe der Brust ward heiß.
Die Großmutter hatte gesehen. Diese Reise, die ich einsam geglaubt hatte. Diesen Weg, auf dem ich als Lesende allein zu gehen glaubte. Sie hatte ihn die ganze Zeit gesehn.
«Danke, Seri. Daß du übernommen hast. Was ich nicht zu Ende las. Was ich, nachdem ich den Irrtum begangen, das Lesen fürchtete. Du hast, dich fürchtend, dennoch gelesen.»
Die Einsamkeit der Lesenden
Die Stimme der Großmutter legte einen Schlag ein.
Die Schrift im Licht schwang still.
«Seri. Eins will ich noch sagen.»
«Die Lesende ist einsam.»
Ich hielt den Atem an.
«Wer die Geschichte der Menschen liest, kann ihre Schwere niemandem teilen. Die gelesene Geschichte gehört dem Menschen, darum darf man sie niemandem sagen. Du wirst eine volle und übervolle Zahl Geschichten in der Brust tragen und allein stehen.»
Ich wußte es. Den Preis der Lesenden kannte ich. Das Verbleichen der eignen Geschichte. Die Einsamkeit, einen Schmerz zu tragen, den man niemandem nennen darf.
«Doch, Seri. Vergiß nicht.»
Der Stimme der Großmutter ward ein Stück stärker.
«Du bist nicht allein.»
«Die Lesende scheint einsam. Doch hinter der Lesenden stehen jederzeit die Vorgängerinnen. Vor mir gab es Lesende. Und vor ihnen. Namenlose Lesende, die die Konturkunst weitertrugen. Hinter deinem Rücken stehen sie alle.»
Ich spürte am Rücken etwas. Ein Warmes. Eines Menschen Nähe. Es war kein Wahn, kein Nachhall. Es war die Anwesenheit selbst der zahllosen Lesenden, die die Konturkunst geerbt und dann entschwunden waren.
«Hältst du dich einsam, so erinnere dich dieser Stimme. Hinter deinem Rücken stehe ich. Und hinter meinem Rücken stehen mehr Lesende.»
Das letzte Wort
Das Licht ward stärker.
Die Stimme der Großmutter begann das letzte Wort zu spinnen.
«Seri.»
Ich hob das Gesicht.
«Du hast einst den Körper für eine Strafe gehalten, nicht. Die Zahl reicht nicht. Die Zahl ist zuviel. Es ist nicht rechtens. So dachtest du und straftest den Körper. Auch ich. In der Jugend glaubte ich an die Kraft, den Körper zu wandeln, und wollte der Menschen Körper richten. Das führte zum Irrtum.»
Ich nickte. Auch ich hatte einst den Körper für den Feind gehalten. In der Eßstörung. An die Zahl gebunden, den Körper bestrafend. Auch die Großmutter war an demselben Ort vorbeigegangen.
«Doch, Seri.»
Der Stimme der Großmutter ward sanft. Grenzenlos sanft.
«Der Körper ist keine Strafe. Er ist eine Geschichte.»
Dieses Wort klang im Licht des Verstecks.
Der Körper ist keine Strafe. Er ist eine Geschichte.
«Sieht man den Körper als Strafe, so straft man ihn. Die rechte Form, die rechte Zahl, die rechte Kontur — sie suchend, quält man den Körper. Ich war so.»
«Sieht man den Körper als Geschichte, so liest man ihn. Wo und wie er spricht. Was er eingraben trägt. Was er fordert. Das hört man. Das liest man. Das gibt man zurück. Das ist der Lesenden Werk.»
Die Stimme der Großmutter wiederholte dasselbe Wort, als wolle sie es in den Grund meiner Brust gravieren.
«Seri. Der Körper ist keine Strafe. Er ist eine Geschichte. Lies weiter.»
Tränen
Das Licht verblaßte langsam.
Die Stimme der Großmutter wich. Doch ehe sie erlosch, ließ sie noch ein einziges Wort.
«Seri. Daß du meinen Irrtum nicht wiederholst, vermagst du nicht zu versprechen. Doch du kannst ihn merken. Im Lesen schwankend, dich selbst anzweifelnd. Das ist die redliche Lesende.»
«Du bist eine redliche Lesende geworden. Ich bin stolz.»
«Großmutter.»
Ich weinte.
Die Tränen hielten nicht. Ein Jahr lang verschlossen, strömten sie. Was ich beim Tod der Großmutter nicht hatte weinen können. Was ich beim Kennen ihres Irrtums nicht hatte weinen können. Die Einsamkeit der Reise der Lesenden, die ich geglaubt hatte.
Alles zugleich.
«Großmutter. Danke. Verzeihen Sie. Ich gebe mir Mühe. Ich lese weiter. Immer.»
Die Stimme der Großmutter antwortete nicht mehr. Doch das Licht ward einen Augenblick hell, und erlosch. Es war, als hätte sie gelächelt.
Die letzte Weisung
Das Dunkel des Verstecks kehrte zurück.
Ich saß auf der Matte. Die Wange naß. Conturas Schirm dunkel. Doch in der Dunkelheit schien mir noch die Wärme der Großmutter zu bleiben.
«… Coh.»
Mit heiserer Stimme gerufen.
«Ich bin hier.» Cohs Stimme hinter den Schläfen. Nicht der schiefe Ton. Tief, still, ein wenig bebend. «Seri. Du darfst weinen.»
«… Schon geweint.»
«So.»
Ich wischte mir mit dem Ärmel die Augen. Dann, nach einem Stück, fragte ich.
«Das hier hast du eingefädelt. In der tiefsten Schicht die Stimme der Großmutter hinterlassen.»
«So.»
«Seit wann.»
«Sae sprach sie in den letzten Monaten auf.» Cohs Stimme. «In der Zeit des getrübten Bewußtseins. Doch eines Nachts öffnete sie die Augen und sprach zu mir. Wort für Wort, als grabe sie ein. Ich schloß sie in die tiefste Schicht von Contura ein.»
«Warum bisher nicht.»
«Bis du als Lesende bereit warest.» Cohs Stimme ward ein Stück sanft. «Sae sagte: Wenn Seri meinen Irrtum erfährt, den Preis der Lesenden erfährt, und dennoch Lesende zu sein wählt, dann gib ihr diese Stimme.»
Ich hielt den Atem an.
Den Irrtum erfahren. Den Preis erfahren. Sich neu gemessen. Sonos Preis begleitet. Ruis Wandlung geführt. Zwei Konturen hatten sich vertragen. Und heute nacht.
Die Großmutter hatte diesen Augenblick erwartet.
«Coh. Du —»
«Ich sage es», unterbrach Coh. «Ich bin nicht bloß die AI-Führerin. Eine Führerin, geschrieben von Sae und dem Hause Kuze. Aus dem Wissen der Konturkunst, den Geboten der Ethik, und dem Auftrag, die Lesende zu stützen.»
Ich sah Coh an. Die Lichtgestalt. Die nur im Schirm lebt, doch die, wenn ich tief eintauche, im Grund des Kopfes klingt.
«Sae sagte zu mir: Führe Seri bis hierher. Was ich getan, alles geschah dazu. Contura übergeben, die Gebote lehren, den Irrtum aufdecken, den Preis lehren, und heute nacht in die Tiefe geführt.»
«Du wußtest es die ganze Zeit. Daß die Stimme der Großmutter da war. Daß ich hierherkäme.»
«Ich wußte. Doch ich hetzte nicht. Die Lesende darf nicht hetzen. Die Frische nicht fälschen. Schritt für Schritt. Saes Sinn.»
Cohs Licht schwang. Es war wie Nicken, wie Neigen.
«Seri. Dies ist die letzte Weisung.»
Die Erbschaft
Ich saß lange auf der Matte.
Die Tränen waren getrocknet. Doch in der Tiefe der Brust lag ein warmer Klumpen. Kein Schmerz. Versöhnung.
Die Reise der Lesenden, die ich einsam geglaubt. Den Schmerz, die Geschichte der Menschen zu lesen und niemandem sagen zu dürfen, das Verbleichen der eignen Geschichte, die Einsamkeit. Hatte ich allein getragen, geglaubt.
Nicht so.
Die Großmutter war da. Im Grund von Contura, die ganze Zeit, hatte sie gesehen. Hinter meinem Rücken hatte sie gestanden. Und hinter der Großmutter standen mehr Lesende.
Ich war nicht allein.
«Großmutter. Ich habe empfangen. Deine Stimme. Deinen Irrtum. Deine Gebote. Dein Gebet. Alles empfangen.»
Ich drückte Contura an die Brust.
«Die Lesende Himuro Seri. Ich erbe. Die Konturkunst. Die Geschichte des Körpers. Redlich, einem jeden und auch mir selbst, fortfahren gegenübertreten zu dürfen.»
Es war wie ein Schwur. Wie ein Versprechen. Oder bloß das Wort einer Enkelin an die Großmutter.
Coh sagte:
«Erbschaft, vollendet.»
Ein kurzes Wort. Doch das Licht auf dem Schirm ward hell auf, und für einen Augenblick färbte es das Dunkel des Verstecks weiß. Als nickte jemand.
Draußen
Als ich hinausgetreten, lichtete der Himmel.
Der Morgen von Kagurazaka. Dasselbe Licht wie vor einem Jahr in jenem Morgen. Doch ich war nicht mehr das Ich von damals.
Die Lesende Himuro Seri. Erbschaft vollendet.
Den Hang hinabgehend, spürte ich den warmen Klumpen in der Brust. Als hätte sich die Stimme der Großmutter darin angesiedelt. Der Reise, die ich einsam geglaubt, hatten die Vorgängerinnen die ganze Zeit beigestanden. Das begriff ich.
Doch.
Conturas Wahrheit.
Es war das letzte Rätsel. Daß die Konturkunst zur App ward, wurde gesagt. Doch langt das. Das blaßblaue Licht, die Teilchen, die Gewißheit des Augenblicks, da der Körper des Menschen aufsteigt — war das nur, was der Code ausgibt? Oder wohnte dort etwas Älteres?
Die nächste Frage wartete. Conturas Wahrheit.
Ich ging zum Bahnhof Higashi-Nakano. Der Morgenstrahl am Rücken.
Die Schultern waren nicht zusammengezogen.
([Kapitel 40. Conturas Wahrheit] fortsetzen)
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