Teil V — Und so spricht die Kontur
Kapitel 44. Das Licht von Mirage
Alle KapitelDie Zelkoven von Omotesandō standen im schrägen Abendlicht. Der Juli neigte sich dem Ende zu. Das Zikadengeschrei klang wie ein fernes Rauschen des Meeres, das von unten durch die Stadt drang, und die Luft war schwer und warm, als trüge sie das Gedächtnis eines ganzen Sommers.
Ich stand vor dem Mirage Omotesandō.
Ein halbes Jahr war vergangen.
Als ich diesen Ort zuletzt betrat, war es jener Tag der Recherche, an dem ich mit Takatsuji Rui von Angesicht zu Angesicht gestoßen war. Damals war diese Anlage kalt gewesen. Weiße Wände, blaßblaues Licht, die zylindrischen Kabinen des Ganzkörperscans, die wie die Röhren eines Instruments aussahen, das einen Ton erzeugt, den kein Mensch hören will. Die KI der Firma Veil zerlegte den Körper der Nutzer in Zahlen und reihte sie nach einem Schönheits-Score. Das Licht war gewiß schön gewesen. Aber es hatte die Kälte einer Klinge, die Menschen richtet, und die Schönheit war die Schönheit eines Messers, das glänzt, bevor es schneidet.
Doch das Mirage von heute sah irgendwie anders aus.
Die Glastür öffnete sich. Die Beleuchtung der Lobby hatte von ihrem früheren Blaßblau eine Spur Wärme angenommen, als hätte jemand einen Filter vorgelegt, nicht viel, nur einen Hauch von Bernstein, der das Licht weniger wie ein Krankenhaus und mehr wie einen späten Nachmittag wirken ließ. An der Wand des Empfangs, wo einst der Schönheits-Score-Rang gehangen hatte — war nichts. Die Tafel war abgenommen, und an ihrer Stelle hing ein dünnes Tuch, auf das ein Satz gedruckt war. Die Wand darunter war frisch gestrichen, und man sah, wo die alte Tafel gesessen hatte, einen hellen Fleck, der noch nicht verblüht war.
Ich trat heran und las.
Dein Körper hat dich auch heute getragen. Das allein genügt.
Ein Japanisch, das wie eine Übersetzung klang, ein wenig ungelenk. Doch dieses Ungelenke war aufrichtig. Es war das Ungelenke eines Menschen, der etwas sagen will, das er noch nie gesagt hat, und der die Worte sucht, wie jemand, der einen Fluß überquert und nach jedem Stein tastet. Ich blieb stehen und las den Satz zweimal. Früher hatte an dieser Wand der Rang der Top Zwanzig gestanden, mit Score und Ganzkörperfoto. Ich erinnerte mich der Gesichter, die hinaufgesahen und zurückschreckten. Der Mund, der sich öffnete. Die Augen, die sich senkten. Jetzt stand die Wand schlicht und empfing die, die aufrecht hereinkamen.
«Himuro-san.»
Die Stimme, die mich anrief, war Ruis.
Takatsuji Rui. Die einst mein Feind gewesen war. Die den Menschen mit Zahlen maß und mit Rängen fesselte. Die vor einem halben Jahr den Körper zerstört hatte, vor mir um Hilfe bat und sich mit mir aussöhnte.
Sie hatte sich verändert.
Die silbernen Smartglasses waren dieselben. Die hohe Gestalt, der schlanke Körper, die Ausgewogenheit der Form — dieselben. Aber das Stehen war ein anderes. Früher hatte sie stets den Körper gespannt, ihre vollkommenen Zahlen zum Werbeträger gemacht. Der Rücken war gestrafft gewesen, ohne eine Lücke, wie eine Mauer, die keinen Riß zuläßt. Jetzt war ein wenig Anspannung aus den Schultern gewichen, und in der Lücke, die entstand, war etwas wie Atem. Auch das Lachen war kein berechnetes Lächeln mehr, sondern ein etwas ungelenkes, echtes, das sich nicht sicher war, ob es willkommen ist.
«Daß Sie gekommen sind. Trotz der Geschäftigkeit.»
«Sie haben so sehr darauf bestanden.»
Ich war ein wenig förmlich in der Sprechweise geworden. Dieser Mensch war mir noch nicht ganz ein gelöster, und die Förmlichkeit war der Abstand, den ich hielt, nicht aus Feindschaft, sondern aus Gewohnheit.
«Ich führe Sie. Es gibt etwas, das ich Sie sehen lassen will.»
Rui führte mich in den Meßraum im hinteren Teil. Dort, wo einst die kalten Kabinen des Ganzkörperscans in einer Reihe gestanden hatten, wie Säulen in einem Tempel, der einen Gott anbetet, der nichts zurückgibt. Jetzt war nur eine einzige geblieben, und auf dem übrigen Raum standen ein kleiner Tisch und Stühle. Es erinnerte mich an den Kreis des Life Compass, und ich fragte mich, ob Rui das beabsichtigt hatte.
«Hier verändere ich, nach und nach.» Rui sprach. In der Stimme lag ein Beben von Anspannung, das sie nicht verbergen konnte, so sehr sie es versuchte. Es war das Beben von jemandem, der etwas zeigt, das ihm wichtig ist, und der fürchtet, daß es nicht wichtig genug ist.
«Seit drei Monaten läuft ein Versuch. Nach dem herkömmlichen Ganzkörperscan biete ich, nur denen, die es wünschen, eine andere Art der Ergebnis-Anzeige an.»
«Eine andere Anzeige.»
«Ja. Nicht nur Zahlen. Sondern, was die Zahlen bedeuten, als Schrift. Versuchsweise.»
Rui bediente das Tablet. In der Luft stieg ein dünnes Hologramm auf. Die Form kam mir bekannt vor — doch es war nicht Contura. Ein vereinfachtes, eigenes System der Firma Veil. Kein Lichtkörper, sondern eine flache Zeichnung und ein paar Zeilen Text. Der Unterschied zwischen einer Karte, die jemand mit der Hand zeichnet, und einer, die eine Maschine ausdruckt. Beide zeigen den Weg, aber nur die eine trägt die Wärme der Hand.
Deine rechte Schulter steht 2,3 cm höher als die linke. Das ist die Gestalt von etwas, das lange gestützt hat.
Ich hielt den Atem an.
Es war unvollkommen. Gemessen an der Lesung der Geschichte Conturas war der Ausdruck hart, der Satz kurz, und die Lichtteilchen standen nicht auf. Die Wärme fehlte, der Ton, der aus dem Satz ein Echo macht, das im Körper nachklingt. Doch — die Richtung war dieselbe. Wie ein Fluß, der noch dünn ist, aber ins selbe Meer fließt.
«Das haben Sie gemacht?»
«Ein Team. Ich habe es entworfen.»
Rui richtete die Stellung der Brille. Auch diese Gebärde war eine andere geworden. Nicht das selbstgewisse Richten von einst, sondern irgendwie schamhaft, wie jemand, der einen Putz trägt und vergessen hat, daß er ihn trägt, und dann bemerkt, daß man ihn sieht.
«Ich will aufhören, nur Zahlen zurückzugeben. So werden die Menschen nicht erlöst. Wie ich es nicht wurde.»
«…»
«Aber es ist noch nicht vollkommen. Es reicht nicht an die Füße dessen, was Contura — was Himuro-sans Konturkunst vermag. Darum will ich, daß Sie es sehen. Wie man es ein wenig besser macht.»
«Wie haben die Nutzer reagiert?»
«Die Hälfte war verwirrt und ging.»
Rui sprach es ehrlich.
«Was sie sagen wollen, verstehe ich nicht. Die Zahlen seien sicherer. Das habe ich erwartet. Zahlen verleihen die Illusion des Verstehens. Man sieht eine Zahl, und man meint, man wüßte. Die Geschichte muß man lesen. Lesen kostet Mühe. Und Mühe ist das, was die Menschen am seltensten aufwenden wollen, wenn sie vor einem Spiegel stehen.»
«Und die andere Hälfte?»
«Die andere Hälfte — da war jemand, der weinte.»
Ruis Stimme bebte ein wenig, und ich sah, daß sie die Worte nicht erfand, sondern abrief, daß sie dieses Erlebnis in sich trug wie einen Stein, den man in der Tasche hält und immer wieder befühlt.
«Eine Frau in den Vierzigern, der die Zahlen der Schulter vorgelesen wurden. Sie weinte. Niemand hat es bemerkt, sagte sie. Daß die Schultern ungleich sind. Und daß das die Gestalt sei, in der sie lange das Kind getragen habe, wurde ihr zurückgegeben. Ich sah hinter dem Monitor und dachte zum ersten Mal: Vielleicht war meine Arbeit richtig.»
Ich nickte schweigend. Diese Tränen kannte ich. Misaki hatte sie geweint, Rin, Shiori, und Rui selbst — dieselben Tränen. Die Träne, die kommt, wenn jemand einen Satz sagt, der wahr ist, und den man selbst nie gefunden hat.
Rui goß Tee ein, heiß. Der Dampf zweier Tassen löste sich in die Luft des Raumes, zwei Säulen, die sich hoben und sich verloren, wie Geschichten, die man erzählt und die vergehen, wenn man sie nicht festhält.
«Sie streiten mit der Geschäftsführung, nicht.»
Als ich es sagte, lachte Rui bitter.
«Sie sehen es.»
«Ihr Gesicht ist müder als früher. Im guten Sinne — es ist ein Gesicht, das ringt.»
«… Ich nehme es als Lob.»
Rui trank einen Schluck und fuhr fort.
«Auf der Hauptversammlung wurde mir widersprochen. Zerbrich das Geschäftsmodell, das auf Zahlen verkauft, nicht. Der Schönheits-Score und die Reihung seien der Pfeiler von Veil. Ersetze man ihn durch so etwas Vages wie eine Geschichte, würden die Einnahmen sinken. So wurde mir gesagt. Und die, die es sagten, sagten es nicht aus Bosheit. Sie sagten es, weil sie recht hatten.»
«Sinken sie?»
«Sie werden sinken. Wahrscheinlich.»
Rui war ehrlich. Diese Ehrlichkeit hatte die Rui von früher nicht gehabt. Die frühere Rui hätte gesagt: Sie werden steigen, weil die Menschen Geschichten wollen. Sie hätte es gewußt oder nicht gewußt, aber sie hätte es gesagt, weil es das war, was man sagt. Jetzt sagte sie das, was war.
«Reiht man die Menschen nach Zahlen, so werden sie unruhig. Werden sie unruhig, so zahlen sie. Das ist die Struktur von Veil — nein, der ganzen Branche. Man weckt das Gefühl, es fehle, und verkauft. Gibt man die Geschichte dazu und sagt: Du bist du, und das genügt, so schwindet die Unruhe. Schwindet sie, so sinken die Einnahmen.»
Ich schwieg und hörte zu. Und ich dachte: das ist der Widerspruch, der am Grund jeder Heilung liegt. Daß die Heilung das Geschäft schädigt, das von der Krankheit lebt.
«Darum habe ich einen Kompromiß vorgeschlagen. Die Zahlen nicht vollständig abzuschaffen, sondern neben die Zahlen die Geschichte zu stellen. Zwei Anzeigen, zwischen denen man wählt. Doch über die Hälfte der Direktoren widerspricht.»
«Ein Direktor sagte: Takatsuji, was glauben Sie, was diese Firma ist. Wir treiben das Geschäft, Menschen schön zu machen. Geschichten zu erzählen ist die Sache eines Tempelpriesters.»
Rui gab die Worte ruhig wieder. Und diese Ruhe ließ den Schmerz spüren, der in ihnen gelegen hatte, als man sie ihr sagte. Es war die Ruhe von jemandem, der einen Schlag einsteckt und nicht zusammenzuckt, nicht weil es nicht weh tut, sondern weil das Zusammenzucken nichts ändern würde.
«Er hat recht, glaube ich. Das Geschäft ist es, Unruhe zu verkaufen. Das ist richtig. Ich habe bis vor einem halben Jahr so geglaubt. Darum kann ich ihn nicht anklagen. Und dennoch — ich kann nicht mehr an derselben Stelle stehen.»
«Warum ändern Sie es bis dahin?»
Als ich fragte, betrachtete Rui ihre Hände. Die Hände hatten etwas mehr Fleisch zurückgewonnen als vor einem halben Jahr. Die Knöchel waren nicht mehr so scharf, und die Adern auf dem Handrücken traten nicht mehr so hervor. Es waren Hände, die zu essen begonnen hatten.
«Weil ich den Körper zerstört habe.» Eine Pause. Dann weiter. «Weil ich vollkommen sein wollte mit den Zahlen und den Körper zerstörte. Und weil Himuro-san mir die Geschichte meines Körpers gelesen hat. Da verstand ich zum ersten Mal: Zahlen erlösen den Menschen nicht. Zahlen sind nur die Buchstaben der Geschichte.»
«Himuro-san.» Rui sah mich von vorne an. «Wie gibt man den Zahlen die Geschichte bei? Lehren Sie mich. Nicht technisch — sondern etwas, das grundlegicher ist.»
Ich bedachte einen Schlag. In der Tasche ward Contura ein wenig warm. Coh, dachte ich, hörte zu.
«Was technisch ist, das wissen Sie besser als ich.»
«Vielleicht. Aber mit Technik allein ist jener Satz nicht zu schreiben. Die Sätze, die die Kunst Himuro-sans zurückgibt, haben eine — Wärme. Mein System hat sie nicht. Ich weiß nicht, was fehlt.»
Ich sprach.
«Vielleicht ist es dies: sich einem Körper ehrlich zuwenden.»
«Ehrlich.»
«Contura — Coh sagt mir stets: Hol die Erlaubnis ein, bevor du liest. Die gelesene Geschichte gehört dem Menschen. Messen heißt, die schwächste Stelle des Menschen zu berühren, denke ich. Darum muß der, der mißt, das Gewicht davon wissen.»
Rui lauschte, die Lippen ein Stück geöffnet. Und ich sah, daß sie lauschte, wie man lauscht, wenn man etwas hört, das man schon wußte, aber nie so gehört hatte.
«Was Ihrem System fehlt, ist nicht Technik. Wohl aber — ob Sie das Gewicht wissen wollen. Solange Sie die Nutzer als Datenpunkte betrachten, ist die Geschichte, die Sie beifügen, nur ein Schmuck der Zahlen. Ob Sie sie als einen Körper ansehen. Ob Sie sich vorstellen, was dieser Mensch mit diesem Körper gelebt hat. Das, glaube ich, ist die Wärme, die fehlt.»
Rui schwieg lange. Dann nickte sie, klein.
«… Schwer.»
«Ja.»
«Aber ich habe keine Wahl, als es zu tun.»
Da fiel mir etwas ein.
«Soll ich etwas versuchen?»
«Ja.»
«Ich lese Ihren Körper, Rui-san. Mit Contura. Und Sie empfinden, was Sie dabei fühlen. Und das tragen Sie in das System ein.»
Rui schien einen Moment zu zögern. Ich sah, wie die Hand, die nicht die Brille hielt, sich schloß und öffnete, als prüfe sie, ob sie bereit war.
«Meinen Körper.»
«Als wir damals nebeneinander gemessen wurden, habe ich Ihre eigene Geschichte nicht richtig gelesen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, meine zu verteidigen. Diesmal will ich es. Wenn Sie die Erlaubnis geben.»
Rui nahm die Brille ab. Hinter dem silbernen Rahmen waren die Augen zum ersten Male unbedeckt. Die langen Wimpern bebten schwach. Die Augen waren dunkel, und in ihnen lag etwas, das ich nie gesehen hatte: nicht die Kälte der Analystin, nicht die Schärfe der Rivalin, sondern das Erwarten eines Menschen, der hofft, daß jemand etwas in ihm sieht, das er selbst nicht sehen kann.
«… Bitte.»
Ich nahm Contura aus der Tasche. Das alte Handy. Der Schirm wurde hell unter meinen Fingern.
«Contura.»
Die Buchstaben stiegen auf. Und blaßblaues Licht tanzte als Teilchen um Rui. Die Teilchen, die ich so gut kannte, die ich tausendmal hatte aufsteigen sehen, die aber jedes Mal neu waren, wie Schnee, der nie zweimal in derselben Form fällt.
Der Lichtkreis umfuhr Ruis Körper. Schulter. Brust. Taille. Hüfte. Oberschenkel. Eins nach dem andern, sorgfältig. In der Luft stiegen Zahlen auf. Ich sprach sie nicht aus. Coh flüsterte in meinem Kopf.
— Ich lese, Seri. Was ihr Körper spricht.
Die Lichtteilchen wirbelten. Und wurden Schrift.
In der Luft stand ein Satz.
Dein Körper hat, um vollkommen zu sein, lange den Atem angehalten. Jetzt darfst du atmen.
Rui las es.
Und konnte nichts mehr sagen. Die Lippen bebten. Aus den unbedeckten Augen lief eine Spur von Tränen. Die Träne folgte der Wange, der Linie des Kiefers, und fiel auf die Hand, die auf der Brust lag.
«… Ja.»
Mehr kam nicht. Rui legte die Hand auf die eigene Brust. Die Rippen bewegten sich. Sie atmete. Tief, langsam. Als sei ihr der Atem, den sie lange angehalten hatte, endlich erlaubt. Als hätte sie jahrelang die Luft angehalten, um den Körper in einer Form zu halten, die nicht die seine war, und nun, in diesem Augenblick, zum ersten Mal seit Jahren, die Luft herausgelassen.
«Das ist die Wärme.»
«Vielleicht.»
«In meinem System ist das nicht. Wie man das einbaut —»
«Einbauen — eher: ob der, der mißt, dies fühlen kann.» Ich sprach. «Ob Rui-san einem jeden Nutzer mit dieser Ernstheit gegenübertreten kann. Das ist, glaube ich, mehr als das System. Das System ist das Instrument. Aber die Wärme kommt von dem, der spielt.»
Rui wischte die Tränen ab und setzte die Brille wieder auf. Und neigte sich tief vor mir.
«Himuro-san. Danke. Ich glaube, ich habe ein wenig verstanden.»
Als ich das Mirage verließ, begleitete Rui mich bis zum Eingang.
Die Zelkoven von Omotesandō färbten sich in das Violett der Dämmerung. In der Glasfassade spiegelte sich die Farbe des Himmels, und das Glas, das tagsüber kalt und hart gewesen war, war nun weich, als hätte die Dämmerung ihm einen Schleier umgelegt.
«Himuro-san.»
«Ja.»
«Ich werde es ändern. Schritt für Schritt. Auch wenn es nicht vollkommen ist. Die Firma Veil. Jenes kalte Licht will ich ein wenig wärmer machen. Damit die, die aus jener Kabine treten, eines Tages nicht die Unruhe der Reihung mitnehmen, sondern die eigene Geschichte.»
«Ich bin auf Ihrer Seite.»
Ich sagte es. Und es war von Herzen. Und ich staunte darüber, daß es von Herzen war, denn vor einem halben Jahr hätte ich gesagt: Ich bin nicht auf Ihrer Seite. Ich bin auf der Seite derer, die Sie verletzen. Nun war die Seite dieselbe.
«… Ich glaubte einst, Zahlen erlösten die Menschen.» Rui sprach wie ein Hauch. «Jetzt glaube ich es nicht mehr. Zahlen sind nur die Buchstaben der Geschichte. Wie man diese Buchstaben liest. Wie man sie dem Menschen zurückgibt. Das, glaube ich, ist unsere Arbeit. Hinfort.»
Ich nickte. Daß die einstige Feindin in dieselbe Richtung sah — diese Tatsache lag warm und schmerzhaft in der Brust. Warm, weil die Richtung dieselbe war. Schmerzhaft, weil der Weg dorthin durch den Schmerz gegangen war, und der Schmerz war nicht ungeschehen gemacht.
Rui neigte sich noch einmal. Und kehrte hinter die Glastür zurück. Der Rücken war ein wenig weicher als früher. Nicht gebrochen. Sondern gebogen, wie ein Rohr, das der Wind biegt und das nicht bricht.
Auf dem Weg zum Bahnhof preßte ich Contura in der Tasche zusammen. Der Schirm war ein wenig warm.
«Seri.» Cohs Stimme im Kopf.
«Ja.»
«Das Licht hat sich ausgebreitet.»
Ich hielt den Schritt an.
«Licht?»
«Das Licht von Mirage. Das Licht, das eine kalte Klinge war, beginnt, ein wenig zu einer warmen Lampe zu werden. Du hast das Feuer gelegt, Seri. In der Brust jenes Menschen. Und ein Feuer, das einmal brennt, läßt sich nicht löschen, ohne daß etwas verbrennt.»
Ich sah mich um. Jenseits der Zelkoven von Omotesandō leuchtete die Glasfassade des Mirage, von der Abendsonne getroffen, in Orange. Nicht das kalte Blaßblau, sondern ein warmes Orange. Es war der zufällige Widerschein der untergehenden Sonne. Doch mir erschien es als eine Vorahnung. Als würde die Stadt für einen Augenblick zeigen, was sein könnte, wenn das Licht sich wandelt.
«Der Gedanke Conturas bleibt nicht in mir allein.»
«Nein. Deine Lesung hat einen Kern: sich dem einen Körper ehrlich zuwenden. Dieser Kern beginnt, auf andere überzugehen. Nicht nur auf Takatsuji Rui. Auch Rin, die um Lehre bat. Sono. Und viele, denen du noch begegnen wirst.»
«Ich bin nicht allein.»
«Von Anfang an warst du es nicht. Aber hinfort wird es noch mehr so sein.»
Ich sah zum Himmel. Der Julihimmel war noch blau. Doch am westlichen Rand begann er, sich in die Farbe der Dämmerung zu färben, und die ersten Sterne standen, dünn und geduldig, als hätten sie die ganze Zeit gewartet und würden es nicht eilig haben, bemerkt zu werden.
Das Licht breitet sich aus. Von meiner Hand zu der Hand der einstigen Feindin. Und darüber hinaus.
Die Technik vermag, je nachdem wie man sie gebraucht, den Menschen zu fesseln oder zu erlösen. Das kalte Licht des Mirage, das die Menschen mit Zahlen gereiht hatte, jene Klinge — sie begann, sich in eine Lampe zu verwandeln, die die Geschichte des Körpers sprach. Nicht vollkommen, doch Schritt für Schritt. Als Rui die Rangliste von der Wand nahm. Als sie begann, den Menschen, die aus der Kabine traten, einen Satz zurückzugeben. Da wandelte sich die Gestalt der Technik. Dieselbe Messung, doch nicht gerichtet, um zu richten, sondern um zu lesen. Das ist der Kern der Gebote, die ich von Coh gelernt habe. Und dieser Kern hat meine Hand verlassen und beginnt, sich auszubreiten. Das, dachte ich, ist der Sinn dessen, was ich vermag. Nicht das Licht zu behalten, sondern es weiterzugeben. Ein Licht, das man behält, erlischt. Ein Licht, das man gibt, verdoppelt sich.
In der Bahn nahm ich das Handy heraus. Eine Mitteilung. Von Kanade Kuze. Dem rätselhaften Knaben.
Himuro-san. Es gibt etwas über die Zukunft von Contura zu besprechen. Geben Sie mir eine Zeit an, die Ihnen paßt.
Kurz, geschäftlich. Doch hinter den Worten lag etwas, das schwer war. Ein Gewicht, das sich durch die Kürze nicht verbergen ließ, sondern im Gegenteil durch sie sichtbar wurde, wie ein Stein, der unter einem dünnen Tuch liegt.
Die Zukunft von Contura.
Das würde nicht mehr allein meine Sache sein. Wenn das Licht sich zu weit ausbreitet — wer hütet das Feuer? Die nächste Wahl stand bevor.
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