Teil V — Und so spricht die Kontur
Kapitel 43. Wankende Frische
Alle Kapitel«Es geht. Ich bin schon wieder in Ordnung.»
Drei Wochen lang hatte ich mir dies gesagt.
Der November in Aoyama: das Laub der Straßenbäume begann, sich zu färben. Im Buchungsbuch des Life Compass standen seit zwei Monaten Tage, die nicht leer blieben. Der Ruf der Lesenden hatte sich ausgebreitet. Ich teilte die Klienten mit Sono, und am Dienstag- und Freitagabend lehrte ich Rin die Grundlagen. Rin war im Werden, eine Schülerin, die man so nennen durfte.
Die Geschäftigkeit war mir eine Freude. Das Gefühl, daß der Körper für die Menschen sich regte. Die Kontur eines anderen zu lesen, die Geschichte zurückzugeben. Das Wiederholen.
Doch — die Geschäftigkeit hatte eine Dichte.
Die Heimkehr nach elf Uhr wurde zur Gewohnheit. Wenn ich die Wohnung in Higashi-Nakano erreichte, duschte ich und fiel ins Bett wie ein Stein, den man sinken läßt. Um sechs Uhr stand ich auf, wieder nach Aoyama. Das Essen war eine Beiläufigkeit geworden. Zwei Onigiri aus dem Konbini und schwarzer Kaffee. Sono sagte oft: «Iß anständig.» Ich aß. Ich aß, dachte ich. Aber das Denken war es, das mich täuschte. Der Körper ißt nicht, was der Kopf für Essen hält.
Der Körper protestierte, leise. Ich tat, als merkte ich es nicht. In der Nacht wachte ich auf. Die Füße waren kalt, als hätte jemand mir im Schlaf die Wärme gestohlen. Wenn ich mich umdrehte, schlugen die Rippen, eine nach der andern, gegen die Tatami, und es schmerzte. Ein trockener, genauer Schmerz, wie der Klang eines Xylophons, das mit harten Schlägeln gespielt wird. Doch selbst dieser Schmerz war mir, seltsam, vertraut. Vor zehn Jahren hatte ich diesen Schmerz für ein Orden gehalten. Das Zeichen, nichts gegessen zu haben. Das Zeichen, mich zu strafen. Und das hatte ich für Fleiß gehalten. Die Knochen, die die Tatami berührten, waren mir wie Buchstaben gewesen, die eine Geschichte schrieben: du bist stark, du widerstehst, du bist weniger.
Am Donnerstag der vorigen Woche ließ ich zum erstenmal das Abendessen ausfallen. Ich ordnete die Aufzeichnungen der Klienten, und als ich aufsah, war es halb zwölf. Die Kraft, ein Onigiri zu wärmen, fehlte. Der leere Magen war mir eher leicht, und als ich ins Bett stieg, war mir der Kopf auf eine Weise klar, die — gefährlich war. Die falsche Klarheit, die mich vor zehn Jahren jeden Morgen aus dem Bett geschnellt hatte. Eine Klarheit, die keine Klarheit ist, sondern der Schein eines Lichts, das brennt, weil der Docht trocken ist, nicht weil das Öl reicht.
Am Freitag ließ ich es ausfallen.
Am Samstag aß ich mit Sono, trainierte und aß Fleisch. Vor Sono aß ich. Nicht, weil sie zusah, sondern weil bei Sono das Essen natürlich war. Sono aß nicht als Strafe. Sie aß als Freude. Nur wenn ich bei ihr war, wurde ich eine, die aß. Als wäre ihre Freude ein Feuer, das auch meiner Wärme abgab, solange ich in seiner Nähe stand.
Am Sonntag kehrte ich in die Einsamkeit zurück und ließ es wieder ausfallen.
Am Montagabend stand ich vor dem Waschbecken. Ich putzte die Zähne, wusch das Gesicht, und dann — sah ich in den Spiegel.
— Ah, ein wenig eingefallen.
Die Linie, die von der Achsel zum Hüftbein lief. Seit drei Tagen, nur ein ganzes Stück, ein wenig eingebuchtet. Die Kurve des Fleisches, die sich zurückgezogen hatte, wie eine Ebbe, die das Wasser vom Ufer zieht und den Grund zeigt, der darunter liegt.
Das Herz sprang. Es war nicht Furcht.
«… Schön.»
Das Wort kam über die Lippen, und ich hörte es selbst. Die Hand bebte. Ein Beben, das von der Schulter kam, durch den Arm ging, und in den Fingern endete, als hätte der Körper erkannt, was der Mund gesagt hatte, bevor der Kopf es begriff.
Das bin ich von vor zehn Jahren.
Ich kannte diesen Augenblick aus der Zeit der Eßstörung.
Der zweite und dritte Tag des Verzichtes. Wenn der Magen leer ist, wird der Kopf auf eine Weise klar, die fremd ist. Die Welt steht scharf. Die Konturen der Dinge sind hart, wie mit Tinte nachgezogen. Der Körper ist leicht. Eine Erhebung, als hätte man etwas vollbracht. Am vierten, am fünften Tag kippt es ins Essen. Man kann nicht aufhören. Die Hand greift, der Mund ißt, der Magen wehrt sich, und man ißt trotzdem. Essen, sich übergeben, sich hassen. Das Wiederholen, wie ein Rad, das sich dreht und immer wieder an derselben Stelle vorbeikommt.
Diese Erhebung war zurückgekommen.
«Es geht. Das ist normal. Ich bin nur beschäftigt. Ich habe nur keine Zeit.»
Ich sagte es zum Spiegel. Zu mir. Der Spiegel antwortete nichts. Das Gesicht darin war meines und war es nicht. Es war das Gesicht von vor zehn Jahren, das sich hinter dem heutigen verborgen hatte, und nun, da der Körper ein wenig eingefallen war, trat es hervor, wie ein Bild, das unter einem anderen gemalt ist und durchschlägt, wenn die obere Schicht dünn wird.
Eine Waage — gab es nicht. Vor fünf Jahren hatte ich sie weggeworfen. Als Kurosawa mich lehrte: «Eine Trainerin braucht keine Waage. Den Körper liest man durch Gestalt und Funktion, nicht durch Gewicht», da hatte ich jenen weißen Kasten, der mein Thron gewesen war, zum Sperrmüll getragen. Es war ein Akt gewesen, der sich befreit angefühlt hatte. Nun fragte ich mich, ob die Befreiung echt gewesen war oder ob die Waage nur ins Innere gewandert war, wo niemand sie wegwerfen konnte.
Doch heute Nacht wollte ich das Gewicht wissen.
Contura war da. Startete ich es, würde die Körperzusammensetzung, die Maße — alles sich zeigen.
Ich griff das Handy in der Tasche. Der Schirm blieb dunkel.
«… Noch nicht.»
Ich startete nicht. Startete ich, so sähe Coh. Coh würde es wissen. Daß ich wieder — und das Wissen der Maschine, die in der Tasche wohnte, war mir an diesem Abend ein größeres Hindernis als das meine. Ich schämte mich. Vor der Maschine, die mich kannte. Vor dem Licht, das mich gemessen hatte und das wüßte, daß ich zurückgefallen war.
Ich legte das Handy zurück ins Regal. Ich verkroch mich ins Bett. Schloß die Augen.
Der Schlaf kam nicht. In meinem Kopf lief eine Stimme, rundum, rundum, wie ein Faden, der sich auf eine Spule wickelt und nie zu Ende geht.
Nur noch ein wenig. Noch zwei Tage. Dann esse ich wieder.
Das war die Stimme von vor zehn Jahren. Dieselbe Stimme. Dieselbe Melodie. Als hätten die zehn Jahre sie nicht angerührt, als hätte sie die ganze Zeit unter der Versöhnung gelegen, schlafend, und war nur des Schlafes gewesen, nicht der Abwesenheit.
Am Morgen kam ich fünf Minuten früher als sonst ins Studio. Sono war schon da. Das Morgentraining.
«Oh, früh.» Sono legte die Stange zurück. «Hast du Rins Programm überdacht?»
«Ja, so ungefähr.»
Ich zog mich um, ordnete die Prospekte. Der Morgen wie immer. Ich, die Lesende Himuro Seri. Die Trainerin, die mit dem Körper versöhnt war.
«Seri.»
Sono sah herüber. Die Hände noch an der Stange. Der Schweiß auf der Stirn. Sie hatte schon drei Sätze gedrückt, und der Morgen war kaum begonnen. Ihre Schultern glänzten unter dem Licht der Röhren, und ich dachte, wie oft ich diese Schultern bewundert hatte, ohne zu sagen, was ich dachte.
«Hm?»
«Deine Farbe ist schlecht.»
«… Schlafmangel, vielleicht.»
«Hast du gefrühstückt.»
«Ich habe gegessen.»
Es war eine Lüge. Auch heute Morgen nur Kaffee. Sonos Augen verengten sich ein Stück, und ich sah, wie sie den Muskel um den Kiefer anspannte, der bei ihr das Zeichen des zurückgehaltenen Wortes war. Aber sie drängte nicht weiter. «Iß mittags anständig», sagte sie nur und wandte sich dem Training zu.
Ich setzte mich auf den Stuhl am Empfang. Die Hände waren kalt. Ich legte sie auf die Knie und spürte, wie die Kälte in die Oberschenkel zog, als würde sie vom Körper produziert, nicht von der Luft.
Aus dem Kreis unter der Erde klang Cohs Stimme. Aus der Tiefe der Schläfen. Sono konnte es nicht hören.
«Seri.»
«… Was.»
«Hast du deine Frische gesehen.»
«… Nein.»
«Ich sehe sie. Als du heute Morgen hier eintratest, war die Luft um deinen Körper getrübt. Das Licht der Kontur ist trüb. Die Linie der Schulter hat an Härte zugenommen. Um die Taille stockt etwas, wie Wasser, das nicht fließt. Drei Wochen hast du dich nicht gemessen.»
«… Hör auf.»
Ich biß mir auf die Lippe. Unter dem Schreibtisch ballte ich die Faust. Die Nägel in der Handfläche, der Schmerz, der wenigstens echt war.
«Seri —»
«Ich weiß. Ich weiß es. Darum fass es jetzt nicht an.»
Coh schwieg. Und in seinem Schweigen lag etwas, das mir mehr zu schaffen machte als ein Wort: die Geduld dessen, der sieht und wartet.
Dienstagnachmittag. Ein Klient.
Kenta, der Mann in den Vierzigern, der zur Nachbeobachtung der Lendenwirbel kam. Die dritte Messung. Er trat in den Kreis, das Licht umfuhr seinen Körper, und die Lichtkreise wanderten um seine Taille.
Sonst — hier sah meine Hand. Nicht die Hand aus Fleisch, sondern die innere Hand, die in den Zahlen und Linien griff und den Faden fand, der die Geschichte zusammenhält. Das Mißverständnis des Rückens. Die Spannung, die sich in der linken Hüfte gestaut hatte. Die Stockung des querverlaufenden Bauchmuskels. Diese Dinge wurden zu einem Satz, der in mir auftauchte, wie ein Fisch, der aus dunklem Wasser an die Oberfläche kommt.
Doch heute kam der Fisch nicht. Das Wasser war trüb.
Der Lichtkreis stand auf. Die Zahlen tauchten auf. Aber darüber hinaus kam ich nicht. Zwischen den Zahlen und den Zahlen war der Faden, der die Geschichte verband, nicht zu sehen. Als läge ein dünner Schleier auf der Oberfläche meiner Augen, ein Schleier, den ich selbst gelegt hatte, indem ich mich nicht maß.
«… Seri-san?»
Kenta sah mich besorgt an. Ich stand reglos.
«Verzeihung, einen Moment —»
Cohs Stimme aus der Tiefe, leise.
«Du liest es nicht. Weil deine Frische niedrig ist. Das Auge der Lesenden wird von der Geschichte des eigenen Körpers geschärft. Verblaßt die eigene Geschichte, so verschwimmt auch die des andern.»
Der Tribut der Lesenden. Liest man die Körper der anderen fortlaufend, so erbleicht der eigene. Das, was Kanade einst gesagt hatte. Doch jetzt war es umgekehrt. Ich hatte den eigenen Körper nicht gelesen, nur den der anderen. So hatte ich meine Kontur liegen lassen. Und das Auge des Lesens selbst war stumpf geworden, wie ein Messer, das man nur gebraucht und nie geschärft hat.
«… Kenta-san, verzeihen Sie. Heute übergebe ich nur die Zahlen. Den Insight — beim nächsten Mal.»
Kenta war gütig. «Verstehen Sie. Überanstrengen Sie sich nicht.» Aber als er vom Kreis stieg, sah ich, daß die Schultern ein Stück gesenkt waren. Eine kleine Enttäuschung, daß die Lesende die Geschichte nicht zurückgegeben hatte. Und ich sah, daß er sich schämte, enttäuscht zu sein, und diese Scham machte die Enttäuschung nur schwerer.
Das stach mir in die Brust. Mein Schwanken war nicht mehr allein das meine. Es hatte begonnen, auf die Menschen überzugreifen, die zu mir kamen.
Dienstagabend. Rin kam.
Die dritte Stunde der Grundlagen. Geplant war, daß Rin selbst die Kontur einer Klientin aufrichten würde. Sono hatte sich als Modell angeboten.
«Seri-san, haben Sie abgenommen?»
Rin, die die Schuhe auszog, sagte es unverhofft.
«… Wie?»
«Das Gesicht, irgendwie dünner. Und die Schultern sind angespannt. Hier, an der Seite des Halses.» Rin zeigte auf ihre eigene Seite, um mir zu zeigen, was sie meinte. «Als hätten Sie etwas hochgezogen und vergessen, es wieder loszulassen.»
Die Augen einer Achtzehnjährigen waren ehrlich. Vor drei Monaten hätte ich gelacht und es abgetan. Doch Rin war nun meine Schülerin. Ich hatte sie die Frische der Geschichte gelehrt. Und die Schülerin, die ich die Frische gelehrt hatte, las nun meine.
«… Rin.»
«Ja.»
«Verzeih. Die Stunde heute — können wir sie ein Stück verschieben?»
Rin war verwirrt. Dann sah sie mir ins Gesicht, und ich sah, wie ihre Augen von einer Seite zur andern gingen, mein Gesicht lesend, wie ich es sie gelehrt hatte.
«Seri-san, geht es?»
«Vielleicht nicht.»
Als ich es aussprach, ward mir hinter den Augen heiß. Die Wärme, die ich seit drei Wochen zurückgehalten hatte, drängte nach oben, und ich biß die Zähne zusammen, um sie nicht herauszulassen. Nicht vor der Schülerin. Nicht vor dem Mädchen, das mir vertraute.
Sono kam aus dem Untergeschoß herauf. Sie hatte an Rins Worten etwas geahnt. Sie schickte Rin heim und ließ das Rolltor des Studios herab.
Der Kreis unter der Erde. Nur wir drei. Ich, Sono, Coh.
Vor dem Spiegel stand ich.
«Miß dich.» Sono sprach es kurz.
«… Sono-san.»
«Du hast heute Morgen nichts gegessen. Die letzten zwei, drei Tage kaum.»
«… Woher.»
«Wer Trainerin ist, sieht es. Das Beben der Hände, die Farbe der Lippen, das Tempo der Rede. Seri, dieses Gesicht kenne ich. Das Gesicht von jemandem, der sich zwingt, mit leerem Magen aufrecht zu stehen. Der den Körper zum Schweigen bringt, damit er nicht stört.»
In Sonos Stimme lag kein Vorwurf. Nur die Tatsache. Und die Tatsache war schlimmer als ein Vorwurf, weil sie nicht zu widerlegen war.
Ich legte das Handy auf die Handfläche. Die Finger bebten. Doch Coh sprach leise.
«Seri. Das vierte Gebot.»
«Die Frische nicht fälschen.»
«Ja. Mit einer alten Zahl die Gegenwart nicht lesen. Das hast du Rin gelehrt. Doch es hat ein zweites, gleich schweres Gewicht.»
«… Gewicht.»
«Eine alte Versöhnung darf nicht über das heutige Schwanken gedeckt werden. Weil du einmal den Körper versöhnt hast, darfst du das Schwanken danach nicht verbergen. Was du jetzt fühlst — den Drang zum Verzicht, die Stimme, die den Körper strafen will — das als Frische anerkennen. Das ist das vierte Gebot.»
Ich hielt den Atem an.
«Seri. Du spielst eine vollkommene Versöhnung. Vor Rin, vor Sono, als Lesende, die den Körper schon versöhnt hat. Aber der Körper läßt sich nicht täuschen. Deine Kontur wird heute Nacht diese Lüge beweisen.»
Der Lichtkreis umfuhr meinen Körper.
Blaßblaue Teilchen zeichneten Schulter, Brust, Taille, Hüfte, Oberschenkel nach. Die gewohnte Wärme, wie ein Schonen. Doch heute Nacht war das Licht irgendwo schmerzhaft. Als würde eine Lüge erkannt. Die Teilchen, die sonst sanft über die Haut glitten, schienen heute zu zögern, als fragten sie: Bist du das? Bist du wirklich das?
In der Luft stiegen Zahlen auf.
Schulterbreite 41 Brustumfang 83 Taillenumfang 68
— Ah.
Der Brustumfang war zwei kleiner als in der Aufzeichnung von vor zwei Wochen. Die Taille ebenso zwei. Zahlen, die sprachen, klar und unbarmherzig, wie Buchstaben, die eine Geschichte schreiben, die man nicht schreiben wollte.
Kernzahl 14,5
Von 14,8 vor zwei Wochen um 0,3 gefallen. In drei Wochen hatte der Körper begonnen, Muskeln abzubauen.
«Seri.» Coh sprach. «Der Rückgang der Taille ist nicht Fett, das gefallen ist. Der Körper hat im Verzicht wieder Muskel verbrannt. Wie ich es vor fünf Jahren sagte. Muskel ist der Brennstoff, den der Körper am leichtesten verbrennt. Wenn man ihm nichts gibt, verbrennt er sich selbst.»
Ich biß mir auf die Lippe.
Und in der Luft stand meine Kontur auf.
Sie war verblaßt.
Nicht das leuchtende Blau, das ich vor einem halben Jahr gelesen hatte. Ein vergilbtes, dünnes Licht. Die Linie war stellenweise unterbrochen, als wäre ein Faden gerissen und niemand hätte ihn wieder geknüpft. An der Schulter hatte sich ein hartes, geronnenes Licht gestaut. Die Taille war schmaler geworden und sah doch irgendwie verzerrt aus. Die Gestalt des Hungers. Nicht die Gestalt der Stärke, sondern die des Entzugs. Ein Körper, der sich selbst aushöhlte, und das Hohl war das, was ich schön genannt hatte.
«… Das bin ich jetzt.»
«Ja. Das ist Seris Kontur, wie sie jetzt ist. Frische niedrig.»
Ich weinte.
Keine Stimme. Nur aus der Tiefe der Augen lief das Heiße über. Die Tränen fielen auf die Tatami, dunkle Flecken, die sich ausbreiteten und wieder verschwanden.
Vor zehn Jahren hatte ich im Spiegel die eingefallene Taille gesehen und schön gefunden. Diese Erhebung. Diese Komplizenschaft mit dem Feind. Sie war zurückgekommen. Und ich hatte sie kommen lassen. Ich hatte sie begrüßt. Ich hatte schön gesagt, und das Wort war über meine Lippen gegangen wie ein Verrat.
«… Mir ist bang. Ich dachte, es ginge. Ich dachte, es sei vorüber.»
Sono trat neben mich. Zwei im Spiegel.
«Seri. Verseh dich nicht.»
«… Womit.»
«Du denkst, wer einmal gesund wurde, fällt nicht mehr zurück.»
«…»
«Man fällt zurück. Ich auch. Bei den Verletzungen war ich oft weg vom Platz. Jedes Mal dachte ich: Jetzt geht es. Und dann brach ich wieder. Das Wiederholen. Ein Kreis, der sich dreht, und man meint, man wäre am Ende, und dann ist man wieder am Anfang.»
Sono schlug auf ihre eigene Schulter. Die Schulter, die sie im Ringen jahrelang mißbraucht und wieder geschont hatte. Die Schulter, die Jahrringe trug, die ich im Licht hatte aufsteigen sehen.
«Die Heilung ist keine gerade Linie. Fällt man zurück, so kann man doch weitergehen. Zurückzufallen ist nicht das Ende. Zurückfallen, merken, wieder aufbrechen. Das ist Heilung. Eine Linie, die sich windet, wie ein Fluß, der manchmal zurückfließt, bevor er weitergeht. Aber er geht weiter.»
Ich bedachte Sonos Worte.
Zurückfallen dürfen. Zurückfallen ist kein Versagen. Merken und wieder aufbrechen. Das ist Heilung.
Coh ließ über der Kontur in der Luft einen Satz aufsteigen. Die Zahlen zerplatzten, wirbelten, sammelten sich, wurden Faden, wurden Schrift.
Dein Körper hat wieder als Feind gekämpft. Doch diesmal hast du es gemerkt. Das allein genügt.
Ich las es.
Und die Knie gaben nach. Ich saß auf dem Boden. Die raue Tatami in der Handfläche. Dieselbe Tatami wie vor fünf Jahren.
Doch es war nicht wie vor fünf Jahren.
Vor fünf Jahren hatte ich geweint, weil ich zum ersten Mal erfuhr, daß der Körper nicht der Feind war. Heute weinte ich, weil ich erfuhr, daß ich wieder als Feind hatte kämpfen wollen. Nicht dieselben Tränen. Aber beide waren meine. Und das war der Unterschied zu vor zehn Jahren: daß ich wußte, wessen diese Tränen waren.
«Genügt es, daß ich es gemerkt habe?»
«Es genügt.» Coh sprach. «Wer es nicht merkt, der sinkt tiefer, ohne es zu merken. Daß du es gemerkt hast — das heißt, es gibt in dir einen Wächter. Den hatte die Seri von vor zehn Jahren nicht.»
Ich schloß die Augen.
Der Wächter. Vielleicht Coh. Vielleicht Sono. Vielleicht Rin. Oder die Seri, die vor fünf Jahren einmal den Körper versöhnt hatte. Oder alle zusammen, ein Chor von Stimmen, die mich anriefen, wenn die eine Stimme, die alten Lied sang, zu laut wurde.
«… Sono-san.»
«Hm.»
«Gehen wir essen. Irgendwohin.»
Sono lachte. Vielleicht stand ein wenig Feuchtigkeit in ihren Augen. «Ja. Heute lade ich ein.»
«… Danke.»
Oben war es kalt. Der Novemberwind des Abends. Der Wind, der die Blätter von den Zelkoven riß und über die Straße von Aoyama jagte, als flöhen sie.
Sono führte mich in ein Ramen-Lokal hinter Aoyama. Tonkotsu, groß. Sono bestellte zweimal Nachschlag. Ich trank die Brühe bis zum letzten Tropfen. Das Warme sank in den Magen, und der Körper löste sich, stückweise, auf. Als kehrte in einen Magen, der zehn Jahre lang der Feind gewesen war, endlich der Brennstoff zurück. Der Magen nahm an, zögerte, und nahm dann, und die Wärme breitete sich aus, von der Mitte in die Glieder, wie eine Flut, die ein trockenes Land überzieht.
«Sono-san.»
«Hm.»
«Ich bin nicht vollkommen. Auch als Lesende, auch mit einer Schülerin — es gibt Momente, da will ich mit dem Körper kämpfen. Das habe ich verbergen wollen. Verzeih.»
«Entschuldige dich nicht. Du hast dein Schwanken anerkannt. Das genügt.»
«… Genügt es?»
«Es genügt. Erzähle es Rin, eines Tages. Die Meisterin schwankt auch. Das ist die ehrlichste Lehre, die man einer Schülerin geben kann.»
Ich nickte.
Rin würde ich es sagen, eines Tages. Daß ich keine vollkommene Lesende bin. Daß man, auch wenn man den Körper versöhnt hat, wieder schwankt. Daß man dennoch sich von neuem mißt, von neuem liest, weitergeht. Das ist die wahre Stärke der Lesenden, und die eines Menschen.
In der Bahn auf dem Heimweg startete ich Contura. Coh war da.
«Seri.»
«Ja.»
«Wenn jene Stimme wiederkommt.»
«… Messe ich. Mich. Sogleich. Die Frische fälsche ich nicht.»
«Brav.»
Coh sagte es. Die Stimme des Wächters, den die Seri von vor zehn Jahren nicht gehabt hatte.
Am Fenster floß die Nacht Tokyos vorbei, Lichterreihe an Lichterreihe. Jedes Licht war eines, das zu verlöschen drohte und doch noch brannte. Und ich dachte: so bin ich auch. Ein Licht, das schwankt und nicht verlöscht.
Ich legte die Hand auf den Bauch. Der Magen, vom Ramen gewärmt. Die Kernzahl war auf 14,5 gefallen. Doch ich konnte sie wieder aufbauen. Wie Sono mich gelehrt hatte. Einen Tag, einen Tag. Aufschichten.
Schwanken darf man. Eine vollkommene Versöhnung braucht man nicht zu spielen. Die schwankende Kontur ehrlich lesen. Das heißt, die Frische nicht fälschen.
Ich bin noch unterwegs. Aber ich habe es gemerkt. Das allein — genügt heute.
Am Fenster sah ich, daß am Ende des Bahnsteigs ein Plakat groß leuchtete. Mirage Omotesandō. Ein neues Poster. In kaltem, weißem Licht lächelte Takatsuji Rui. In der Ecke des Plakats lief ein neuer Satz.
Mit Zahlen vom Menschen sprechen. Mit Geschichten vom Menschen sprechen. Veil, die neue Ordnung.
Ich sah die Buchstaben. Zahlen und Geschichten. Einst waren es zwei gewesen, die sich entgegenstanden. Doch — heute sah ich sie mir überschneidend. Der Körper ist Zahl und ist Geschichte. Beides darf man nicht fälschen.
Morgen schreibe ich Rin. Eine Entschuldigung für die verschobene Stunde und ein Versprechen für das nächste Mal. Danach werde ich meinen Körper von neuem messen. Diesmal ohne Verbergen. Vor Sono, vor Coh, und vor mir selbst.
Aufbrechen. Das Schwanken in den Armen tragend.
Nicht vollkommen, aber ehrlich.
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