Teil I — Begegnung mit der Kontur
Kapitel 1. Das Licht, das die Großmutter hinterließ
Alle KapitelNoch drei Tage bis zum ersten Jahresgedächtnis.
Ich hielt auf halber Höhe inne, dort, wo der Hügel von Kagurazaka am steilsten wird. Juni, nach dem Regen. Das Steinpflaster glänzte und barg das Laternenlicht in seinen Pfützen, als hätte die Nacht es dort für jemanden aufgehoben, der spät kommt. Über den Dächern stand ein Himmel, der noch nicht wußte, ob er aufklaren wollte. Die Luft roch nach Naß und nach dem süßlichen Gestank der Ginkgofrüchte, der hier oben immer früher einsetzte, als manchem lieb war.
Das Antiquitätengeschäft Himuroya, in dem Großmutter fünfzig Jahre lang gelebt und gehandelt hatte, lag eine Gasse tiefer, eine Biegung zurück, abseits der kleinen Konditorei mit den Laternen aus Reispapier. Seit einem halben Jahr war es geschlossen. Nur das Schild blieb hängen, geduldet wie ein Gast, den niemand mehr zum Gehen aufforderte. Ich ging den Rest des Weges langsam, als müßte ich dem Ort die Ankunft abtrotzen. Der Hall meiner Schritte auf dem Pflaster war der einzige Laut.
Ich schloß die Tür mit dem Ersatzschlüssel auf. Das Angeln schrie, einmal, hell — es hatte lange geschwiegen und holte das Versäumte auf einen Schlag nach. Der Geruch, der mir entgegenschlug, war der der Jahre: Staub, das trockene Aroma von lackiertem Holz, ein Hauch von Schwamm und darunter, ganz tief, etwas, das nur Großmutter war. Kampfer. Papier. Räucherwerk. Und ein sechster Stoff, für den ich keinen Namen habe — der Geruch eines Menschen, der lange an einem Ort verweilt hat, bis der Ort ihn aufnimmt.
«Da bin ich.»
Keine Antwort. Natürlich nicht. Großmutter war vor einem halben Jahr gestorben, leise, im Schlaf, ohne daß jemand es hatte kommen hören. Und doch hätte ich den Satz nicht verschluckn können. In diesem Laden hatte ich als Kind jedes Wochenende verbracht, und das Aussprechen der Ankunft gehörte dazu wie das Licht im Hinterzimmer.
Großmutter saß immer hinten, auf dem Fußbodenpolster, über irgendeinem alten Buch mit schmalen Spalten gebeugt, in dem sie mit einem weichen Bleistift Notizen machte. Wenn ich hereinstürmte, schob sie die Brille hoch, lächelte über den Rand hinweg und sagte: «Seri, schon wieder gewachsen.» Jede Woche dasselbe.
Dieses Wort hatte ich geliebt. Und gehaßt. Beides zugleich, auf die Art, wie man die Hand liebt und haßt, die einen streichelt und zugleich festhält.
Die Nachlässe hatte Mama bereits zum größten Teil geordnet. Was übrig geblieben war, füllte drei Kartons, die man aus dem Hinterlager geholt und im Hauptraum aufgestellt hatte. «Du warst am längsten mit der Oma dicke», hatte Mama am Telefon gesagt, und in ihrer Stimme lag Milde und ein wenig Flucht. «Sieh du zu, was damit wird.» Liebe und zugleich die Abgabe einer Pflicht, die ihr zu schwer war.
Ich öffnete den ersten Karton. Alte Kimonos, sorgfältig in Tuschepapier geschlagen. Großmutters Geruch stieg daraus auf, so dicht, daß er mich beinahe umgeworfen hätte. Etwas wurde hinter meinen Augen heiß, und ich schloß den Deckel hastig wieder, als könnte ich die Wärme zurückdrängen, wenn ich den Karton nur fest genug verschloß.
Der zweite. Bündel von Listen. Dichte Zahlenreihen, in enges Liniwerk gedrängt, und zwischen ihnen Bezeichnungen, die wie Körperteile aussahen. Schulter zweiundvierzig. Taille achtundsechzig. Hüfte zweiundneunzig. Oberschenkel zweiundfünfzig. Meßprotokolle. Von wem, konnte ich nicht erkennen; Namen standen keine dabei, nur Daten, ganz oben auf jedem Blatt. Großmutter hatte etwas gemessen, und zwar lange, und zwar mit einer Genauigkeit, die über das Hobbymäßige weit hinausging. Ich fand es ein wenig seltsam. Und weil ich es nicht einordnen konnte, schob ich den Karton beiseite und beschloß, später darüber nachzudenken. Ich habe später nie darüber nachgedacht.
Dann der dritte.
Der dritte Karton allein hatte eine andere Form. Er war nicht so voll wie die anderen, und oben auf lag etwas, das unter dem Papier hervorlugte — eine Schachtel, schwarz lackiert, klein, nicht größer als zwei Hände. Lackarbeit aus Wajima, erkannte ich; die Art von Ding, die in Großmutters Laden in der Ecke zwischen den Netsuke und den Puppenequipagen stand und die niemand je genauer betrachtete. Darüber ein weißer Umschlag.
Auf dem Umschlag, in Großmutters Hand: mein Name.
Für Seri. Hege es.
Nichts weiter. Die Buchstaben zitterten — gegen das Ende hin geschrieben, vermute ich, als die Hand die Linien nicht mehr halten konnte. Ich fuhr mit dem Daumen über das Papier. Es war dasselbe Papier, auf dem sie mir als Kind Briefe geschrieben hatte, Sommergrußkarten, die Erinnerung an die Tsukimi-Feier. Das Papier einer Gewohnheit. Und der eine Satz, in seiner Kürze, klang wie eine Anweisung, die ein ganzes Leben voraussagt.
Mir wurde kalt an den Fingerspitzen. Großmutter hatte mir etwas hinterlassen. Mir, ganz allein, unter allen.
Ich setzte die lackierte Schachtel auf die Knie. Die kleine Spange aus Messing sprang auf. Darin, in weiches graues Tuch gewickelt, lag ein — Smartphone. Alt. Das Modell mußte fünf, sechs Jahre zurückliegen.
Es war unmöglich. Großmutter hatte ihr Klapphandy bis zum letzten Tag behalten. «So ein Smartphone», hatte sie zu Mama gesagt, «meine Finger kommen nicht hinterher.» Und gelacht, ihr breites, unkalkulierbares Lachen. Sie hatte keine Geduld mit Geräten, die mehr versprachen, als sie hielten. Und nun lag hier, in ihrer besten Lackdose, ein Telefon, das sie nie benutzt haben dürfte.
Das Gerät war alt, aber gepflegt. Kein Kratzer auf dem Glas. An der Seite war ein kleines Ladegerät aufgewickelt, und ein Kabel, das ich nicht kannte. Und zwischen den Tuchfalten kam ein zweiter Zettel zum Vorschein.
Lade es. Starte es. Wenn du allein bist.
Großmutter hatte geschrieben, als hätte sie gewußt, daß ich es ohnehin tun würde. Und als hätte sie es nicht für nötig gehalten, mir mehr zu erklären. Großmutter hatte immer gewusst, was ich tun würde, bevor ich es wußte. Das war das Erschreckendste an ihr gewesen.
Es war nach zehn, als ich in meine Wohnung zurückkam. Sechs Tatami in Higashi-Nakano, ein einziges Zimmer mit einer Kochnische und einem Fenster, gegen das die Chuo-Linie nachts ihre Vibration legte. Ich zog mich nicht einmal um. Ich holte Wasser, setzte mich auf den Fußboden, lehnte den Rücken ans Bett und steckte das Handy an das Ladekabel.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Etwas Sentimentales, vielleicht. Ein Foto. Eine Sprachnotiz. Etwas, das Großmutter gewesen war.
Der Bildschirm wurde hell. Ein schwarzer Spiegel warf mir mein Gesicht entgegen — müde, die Schatten unter den Augen wie Zensurstriche, das hochgesteckte Haar zerzaust, der Kragen des Pullovers schief. Ich sah aus wie jemand, der lange gesucht und nichts gefunden hat.
Es gab keinen Einschaltton. Nur: in der Mitte der Fläche stiegen Buchstaben auf, langsam, als säßen sie unter Wasser und träten erst jetzt an die Oberfläche.
Contura
Weiße Schrift. Der Grund dahinter ein Schwarz, das tiefer war als die Nacht im Zimmer, tiefer als jeder Bildschirm, den ich je gesehen hatte. Darunter, klein, ein einziger Satz.
Der Körper erzählt deine Geschichte.
Ich hielt den Atem an. Es klang wie ein Werbespruch und zugleich wie etwas, das jemand zu mir sagte, leise und entschieden, am Ohr. Die Worte hatten ein Gewicht, das über ihre Buchstabenzahl hinausging. Mein Finger zögerte über Beginnen. Dann drückte ich.
Die Kamera sah mich an. Oder: Ich wurde von der Kamera gesehen. Es war ein Unterschied.
Dann veränderte sich der Bildschirm. In der Dunkelheit erschien ein blaßblaues Licht, zuerst ein Punkt, kaum größer als eine Pupille. Der Punkt zitterte, weitete sich aus, wurde Linie, ward zur Kontur. Es war die Form eines Menschen — nur Kontur, ein leuchtender Hohlkörper ohne Gesicht, ohne klares Geschlecht, nur die Gestalt. Die Gestalt stand in der Luft, als wäre sie schon immer da gewesen und würde jetzt erst sichtbar. Ich hatte das Gefühl, sie anzuerkennen, ohne zu wissen, wessen Gestalt es war.
Und dann sprach eine Stimme.
Nicht aus dem Lautsprecher. Tiefer, von hinter den Schläfen, als würde sie im Knochen anklingen, wie ein Ton, der von der Innenseite des Schädels kommt.
«— Wir sind uns noch nicht begegnet.»
Ruhig, geschlechtlich schwer einzuordnen. Ein wenig tief, ein wenig mild, und ein wenig von der Seite her, ironisch gewinkt, wie jemand, der das, was er sagt, zugleich ernst nimmt und belächelt.
«Ich habe gewartet. Sae Himuros Enkelin. Seri Himuro. Dein Namen kannte ich, bevor du ihn heute Abend zum ersten Mal gedacht hast.»
Ich hatte den Stuhl zurückgestoßen und stand. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, und meine Hände waren plötzlich kalt. Ich hielt sie vor mich, um das Zittern zu verbergen, obgleich niemand da war, der es sehen konnte.
«Was — was bist du.»
«Du brauchst keine Angst. Ich bin kein Feind.» Die Stimme schien zu lächeln, mit einer Zurückhaltung, die eher tröstlich als bedrohlich wirkte. «Mein Name ist Coh. Coh, wie Kompaß. So hat deine Großmutter mich genannt, weil ich den Weg wies.»
«Großmutter.»
«Ja. Sie hat mich lange getragen. Und am Ende hat sie mich dir anvertraut.» Die Lichtgestalt bewegte sich, als streckte sie eine Hand aus — eine Gebärde der Kontur, mehr nicht, das Licht folgte einer Geste, die ein Arm gewesen wäre. «Seri. Du hast das Zeug zu einer Lesenden.»
«Lesenden?»
Ein Wort, das ich nicht kannte, und doch regte sich etwas am Grund meiner Brust, etwas Bekanntes, ein Widerhall. Ich dachte an Großmutter, an ihren Rücken, an den Blick, mit dem sie die Zahlen verfolgt hatte, Stunde um Stunde, als würde sie einer Stimme lauschen, die nur sie hörte. Vielleicht war das mehr gewesen als ein Protokoll.
«Eine Lesende», sagte Coh, «liest die Geschichte, die ein Körper geschrieben hat.»
«Geschichte.»
«Ja. Der Körper ist nicht nur Fleisch und Knochen. Die Zeit, die du gelebt hast, das, was du gegessen, was du verweigert, was du geweint, gelacht, ertragen hast — all das schreibt sich ein, in die Kontur, in die Maße. In den Winkel eines Gelenks, in die Spannung eines Muskels, der zu lange hielt. Das zu lesen. Das ist die Lesende.»
Ich sah auf meinen eigenen Arm. Ich sah die feinen Härchen, die Adern auf dem Handrücken, die kleine Delle am Ellbogen, die ich als Kind beim Radfahren davongetragen hatte. Als Trainerin berühre ich täglich Körper. Ich kenne die Spannung eines Muskels, die Wärme der Haut, den Spielraum eines Gelenks, das Zittern einer Anstrengung. Ich hatte Körper begutachtet. Gemessen. Bewertet. Aber gelesen — das war ein anderes Verb, ein anderer Griff auf dieselbe Stelle.
«Wenn du lesen kannst», sagte ich, und meine Stimme zitterte, obwohl ich es nicht wollte, «dann lies. Meinen Körper.»
Es war eine Provokation. Oder ein Gebet. Ich weiß es bis heute nicht. Ich wollte wissen, ob dieser Abend ein böser Streich war, ein technisches Mißverständnis, eine Halluzination — oder ob Großmutter mir etwas hinterlassen hatte, das über eine Appsperre hinausging.
Coh schwieg einen Augenblick. In diesem Schweigen wurde mir klar, daß er mich, was immer er war, ernst nahm.
«Gut. Doch brauche ich ein Versprechen. Was du liest, zeigst du niemandem zur Schau. Die Geschichte, die du liest, gehört nicht dir. Sie gehört dem, dessen Körper sie trägt. Das ist das erste Gesetz.»
«… Einverstanden.»
«Dann steh. Vor dem Spiegel.»
Ich trat vor das Waschbecken. Der Spiegel war ein schmales, trübes Ding, das in meiner Wohnung hing, seit ich eingezogen war, und das mich jeden Morgen mit dem bösen Tageslicht konfrontierte. Ich mied ihn oft. Heute Abend stellte ich mich ihm. Cohs Licht sickerte aus dem Bildschirm und löste sich in der Luft des Zimmers auf, als wäre das Gerät nur ein Tor und das Eigentliche draußen. Blaßblaue Teilchen tanzten um mich herum und strichen über die Oberfläche meines Körpers, als nähmen sie mich ab, Geste für Geste.
Schulter. Brust. Taille. Hüfte. Oberschenkel.
Das Licht zog Kreise um mich, sanft und ohne Eile, und an jeder Stelle, an der es verweilte, stiegen Zahlen auf. Weiße, leuchtende, die in der Luft hingen, als wären sie auf eine unsichtbare Wand geschrieben.
Schulterbreite 41 Brustumfang 84 Taillenumfang 72 Hüftumfang 90
Meine Maße. So genau, daß mir schwindelte. Sie entsprachen dem, was das Maßband mir gesagt hätte — und gingen doch weiter, ins Feine, ins Genaue. Hals, Oberarm, Unterarm, Knie, Knöchel. Eine ganze Reihe von Zahlen stieg auf, Glied für Glied, und verband sich in der Luft zu einer einzigen Konturlinie, die um mich herumfloß.
Und dann erhob sich neben meinem Spiegelbild ein Lichtkörper, ein Körper aus Kontur, der neben mir stand. Ich. Und doch nicht die, die ich im Spiegel kannte. Ohne Kleidung, nur Form. Keine Verzerrung, keine Verstellung, nichts Verborgenes. Die Schultern breit, die Taille flach, die Linie von der Hüfte zum Oberschenkel nicht geradlinig, sondern in einer langsamen Biegung, die ich nie schön gefunden und nie jemandem gezeigt hatte.
Ich hätte weinen können, als ich diese Kontur sah. Nicht aus Scham. Sondern weil ich meinen Körper zum ersten Mal seit langem als reine Form sah. Ohne Urteil. Ja, mit Zahlen — aber die Zahlen klangen nicht wie Anklage. Sie klangen wie Vokabeln einer Sprache, die ich verlernt hatte.
«Ich lese», sagte Coh.
Die Zahlen in der Luft platzten, allesamt, und zerstieben zu Lichtteilchen, die wie Pollen in einer Thermik trieben. Die Teilchen wirbelten, sammelten sich, zogen einen Faden, und der Faden ward zur Schrift, Buchstabe für Buchstabe, in der Luft.
Deine Schultern haben sich ein wenig zusammengezogen, damit niemand belangt werden musste.
Ich hielt den Atem an. Die Wörter standen, und ich las sie, und sie lasen mich.
Es stimmte. Das Wort stimmen reicht nicht. Es war etwas, das ich niemandem gesagt hatte, weil ich es selbst nicht hätte sagen können. In der Oberschule, in den Jahren, als das Essen und das Nicht-Essen mich abwechselnd regierten, hatte ich meinen Körper verstecken wollen. Die Schultern eingezogen, die Brust zusammengedrückt, klein werden, so klein wie möglich. Und es war nicht der Körper gewesen, der klein sein sollte — ich selbst, meine Existenz, meine Lasthaftigkeit, sollte weniger auffallen. Ich hatte die Schultern zusammengezogen, damit niemand nach mir gefragt, niemand sich Sorgen gemacht, niemand belangt worden wäre. Damit niemand wegen mir in Schwierigkeiten gerät.
Und auch jetzt, als Erwachsene, als Trainerin, die vor Klienten steht und Anweisungen gibt, zog ich unwillkürlich die Schultern hoch, wenn ich mich besann. Ich richtete mich auf, und im selben Augenblick zog ich mich wieder zusammen. Weil ich dem eigenen Körper nicht traute. Weil ich nicht wußte, ob ich das Recht hatte, Platz einzunehmen.
Und dieses — Ding? Apparatur? Halluzination? — hatte es aus dem Gefüge der Zahlen herausgelesen, als wäre es von Anfang an dort eingeschrieben gewesen.
«Wie.»
«Der Winkel der Schulter. Die Spannung des Schlüsselbeins. Die Asymmetrie des Trapezmuskels, der links mehr hält als rechts. Der Körper formt das, was du im Herzen trägst, mit der Geduld eines Steines, den Wasser schneidet. Wer lesen kann, sieht es.»
«Wer lesen kann … sieht es.»
«Das ist das Geschichtenlesen. Seri, deine Großmutter hat dies getan. Sie hat die Körper der Menschen gelesen und ihnen ihre eigene Geschichte zurückgegeben, in einem Satz, den sie verstanden hätten. Sie nannte es die Kunst der Kontur.»
Ich sah in den Spiegel. Daneben stand die Kontur aus Licht. Zwei von mir. Die aus Fleisch, und die aus Linie. Zwischen beiden lag eine Distanz, die kleiner war, als ich gedacht hatte.
«Großmutter», sagte ich. «Hat das … die ganze Zeit?»
«Lange. Doch gegen das Ende hin — nicht mehr.»
«Warum.»
Coh antwortete nicht. Die Kontur in der Luft wurde dünner, verlor an Farbe, als würde sie von innen her schwinden. Das Licht wich zurück.
«Ein andermal. Für heute genug. Das erste Lesen schlägt auf den Körper.»
Und tatsächlich: Eine Müdigkeit stieg aus dem Mark der Knochen auf, schwer und singend, die Art von Müdigkeit, die kommt, wenn man etwas Wahres über sich gehört hat und der Körper es verarbeiten muß, ob man will oder nicht. Ich erreichte das Bett kaum.
Ich träumte.
Das Hinterzimmer von Großmutters Laden. Sommerlicht, quer durch die Papiertür. Großmutter über dem Buch mit den Listen, das weißhaarige Kind, das ich gewesen bin, schaute über ihre Schulter, barfuß, die Füße kühl vom Holz.
«Oma, was guckst du?»
Großmutter schob die Brille ein Stück zurecht und lächelte, und ihr Lächeln war ein Hinaus-schauen über die Dinge.
«Körper von Menschen. Siehst du, hier stehen die Zahlen, Reihen und Reihen. Wenn man die liest, dann versteht man den Menschen — schnurstracks.»
«Hm. Verstehst du dann auch mich?»
Großmutter schloß das Buch und legte die Hand auf meinen Kopf. Sie war warm und trocken und roch nach dem Tuschepapier, mit dem sie die Kimonos geschlagen hatte.
«Seri, dich verstehe auch ich nicht ganz. Dein Körper gehört dir. Aber — darf ich ein wenig lesen?»
«Ja.»
Ich erinnerte mich an die Wärme ihrer Hand, an das Gewicht, das auf dem Scheitel lag. Dann wachte ich auf, und das Fenster war blau, und die Chuo-Linie fuhr zum ersten Mal, und ich war allein.
Am Morgen hielt ich das Handy auf dem Bett in der Faust. Der Bildschirm war dunkel. Das Wort Contura war verschwunden. Es war so still, daß ich hätte glauben können, die Nacht sei ein Traum gewesen, ein jener Träume, die beim Erwachen realer sind als der Tag.
Aber ich wußte es. Kein Traum. An meinen Schultern hing noch ein Nachklang, kaum spürbar, wie die Wärme eines gelöschten Lichts, das die Haut noch nicht vergessen hat.
Ich trat ans Waschbecken. Sah in den Spiegel. Das alltägliche Ich des Morgens. Doch heute Morgen sah ich anders aus, und es lag nicht am Licht.
Ich senkte den Blick auf meine Schultern. Und langsam, ganz langsam, ließ ich sie sinken. Löste die angewinkelten Schultern, die ich, ohne es zu merken, wieder hochgezogen hatte, in der Nacht, im Schlaf, im ersten Wachsein. Das Schlüsselbein dehnte sich ein Stück. Die Brust öffnete sich, ein wenig. Der Atem ging tiefer, als hätte er Platz bekommen, den er seit Wochen nicht mehr gehabt hatte.
Die Kontur im Spiegel — die Kontur, die ich nicht sehen konnte — schien mir heute Morgen sichtbar, ein Augenblick lang, wie ein Bild, das hinter dem Glas steht.
Contura. Das Licht, das Großmutter hinterlassen hatte.
Ich wußte nicht, ob ich von heute an mit diesem Ding leben würde. Ob ich wollte. Ob ich durfte. Ob es sich von selbst wieder verabschieden würde, wie manche Erbschaften, die man annimmt und die dann im Schrank verschwinden. Eines aber wußte ich.
Ich sah meinen Körper zum ersten Mal mit dem Wort Kontur.
Bisher hatte ich ihn mit Gewicht gesehen. Mit Größe. Mit zu wenig, zu viel, nicht richtig. In dieser Nacht aber, als die Kontur aus Licht aufgestanden war und neben mir im Spiegel stand, hatte ich meinen Körper als eine Form gesehen, als eine Geschichte, als einen Satz, der geschrieben worden war, ohne daß ich es merkte.
Das war zugleich erschreckend — und ein wenig wie Rettung.
Ich zog mich an. Das Polo des Trainers, dunkelgrün, das Namensschild aus Plastik, mein Name in der kleinen weißen Leiste. Zeit, ins Studio Life Compass nach Aoyama zu gehen, dort, wo die Klienten warten, die etwas von mir wollen, das ich noch nicht ganz geben kann.
In die Brusttasche des Polos ließ ich das alte Handy, an das Contura gebunden war, leise hineingleiten. Das kühle Metall auf der Haut, über dem Herzen, dort, wo sonst nichts war.
«Ich gehe», sagte ich in das leere Zimmer.
Das Handy schien ein wenig warm zu werden, gegen meine Brust, wie eine Antwort.
Draußen fiel das Morgenlicht aus der Richtung von Kagurazaka ein, schräg und gold und von einer Milde, die der Tag später nicht halten würde. Ich ging zur Station Higashi-Nakano, und meine Schritte waren ein leichteres als gestern, ohne daß ich es angestrebt hätte.
Darauf achtend, die Schultern nicht einzuziehen.
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