Teil II — Sechs Geschichten, die der Körper erzählt

Kapitel 15. Die Schichtung der Jahre

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Gegen Ende Juli hatte die Stadt Aoyama eine schwüle Hitze eingespeichert.

Im Kreis, dem Meßraum unter dem Life Compass, wechselte ich den Bezug neben der Meßplatte. Der Nachmittagstermin kam durch Kurosawas Empfehlung. Der Name: Yuki Yoshie. Fünfundfünfzig Jahre. Betreiberin einer Restaurantkette. Mehr hatte ich nicht gehört.

Die Schritte auf der Treppe waren langsam. Doch jeder einzelne trug das Gewicht der Entschlossenheit ohne Zögern. Die Schritte eines Menschen, der lange selbst entschieden und selbst gegangen war.

«Gestatten Sie.»

Eine tiefe, gefaßte Stimme. Die Frau, die die Tür öffnete und eintrat, blinzelte einen Augenblick gegen die Dämmerung des Meßraums.

Es war eine vornehme Erscheinung. Ein seidengrauer Jacke guter Glanz. Am Kragen eine dünne silberne Brosche. Das Haar zu einem Knoten an der Schulter gebunden, hier und dort mit Weiß durchzogen. Doch dies Weiß war nicht etwas, das verborgen werden müßte — es stand licht und gerade darin. Die Haltung war gerade. Nur zu gerade. Um die Mitte des Bauches zog sich, unter der Jackenlinie, eine Spannung, die verriet, daß sie das Bewußtsein anspannte, den Bauch einzuziehen.

«Ich bin Yuki. Kurosawa-san ist ein großer Gönner.»

«Himuro Seri. Seien Sie willkommen.»

Yoshie-san betrachtete mich und lächelte ein wenig. In diesem Lächeln lag Würde, und zugleich ein feiner Schatten, als halte sie etwas zurück.

«… Wenn ich ehrlich bin, Himuro-san. Bis ich hierherkam, habe ich dreimal überlegt, umzukehren.»

«So.»

«In letzter Zeit ist mir der Spiegel ein wenig bang geworden.»

Yoshie-san brach ab. Und legte die flache Hand leicht an die Bauchgegend. Die Gebärde war die eines Menschen, der etwas Verzeihliches berührt — Scheu und Scham zugleich. Ach, dachte ich, auch sie. Dieselbe Gebärde wie Ōyama-san damals. Irgendwo hielt sie den eigenen Körper für den Feind.

«Bitte, setzen Sie sich.» Ich zog den Stuhl zurück. «Darf ich Sie zuerst etwas fragen, bevor ich messe.»


Yoshie-san begann zu sprechen, ruhig, doch als hätte ein Damm gebrochen.

In den Zwanzigern hatte sie eine kleine Gaststätte eröffnet. Drei Filialen wurden daraus, zehn, und heute hielt die Kette mehr als zwanzig Häuser, vor allem im Kanto. Jeder Tag war ein Umlauf zwischen Einkauf, Menschen, Zahlen und der Baustelle. Dreißig Jahre lang hatte sie so gelebt.

«In der Jugend war ich, wissen Sie, derb. Von früh bis spät stand ich, und es machte mir nichts aus. Ich aß und aß und ward nicht dick. Seit drei, vier Jahren nun hat sich das schnell verändert.»

«Verändert.»

«Die Kleider, die ich trug, gehen nicht mehr zu. Im Spiegel steht eine Fremde. Bist du das?, frage ich mich. Ich halte das Bild von vor fünf Jahren neben das von heute und sehe zwei Menschen.»

Yoshie-san senkte ein wenig den Blick.

«Ich möchte zurück. In die Größe der jungen Jahre. Will ich ehrlich sein, so will ich vielleicht gar nicht in jene Größe zurück, sondern in jenes Ich zurück.»

Hinter diesen Worten spürte ich, was lag. In dem Wort Größe waren Jugend und Wert ineinander geschlungen. Diese Frau vermochte das Dickwerden nicht bloß als Dickwerden zu sehen. Sie trug das Älterwerden irgendwo als eine Niederlage.

Ich wählte die Worte.

«Yoshie-san. Verheissen kann ich es nicht. Daß sich der Körper in die Größe der jungen Jahre zurückführt. Aber —»

Ich legte Contura neben die Meßplatte. Der Schirm leuchtete dünn.

«— daß der fünfzigjährige Körper heute spricht, wollen wir hören. Nicht zurückkehren. Sondern lesen, welche Geschichte der jetzige Körper in die Kontur eingraben trägt.»

Yoshie-san betrachtete das Licht von Contura. Dann mich.

«… Sie sagen Merkwürdiges.»

«Ein wenig merkwürig, ja.»

«Kurosawa-san hat gesagt, Sie seien ein eigenwilliges Kind. Darf ich hoffen.»

«Prüfen Sie mit Ihren eigenen Augen.»

Yoshie-san lächelte ein wenig. Der Schatten war ein Stück dünner geworden.

«… Gut. Lesen Sie. Diesen gealterten Körper.»

«Nicht gealtert», sagte ich. «Sondern: die Jahreszeiten geschichtet.»


Die Messung vollzog sich wie immer.

Yoshie-san trat auf die Meßplatte. Das Hemd durfte sie anbehalten, sagte ich. Im Innern prüfte ich zwei Gebote. Vor dem Messen Erlaubnis. Das Gemessene nicht zur Schau.

Conturas Schirm ward heller. Blaßblaues Licht fiel als Teilchen auf die Umgebung ihres Körpers.

Das Licht fuhr langsam über ihre Oberfläche, als hege es. Als besteige es einen Gipfel. Yoshie-san hielt einen Moment den Atem an.

Schulter. Brust. Taille. Gesäß. Oberschenkel. Oberarm. Hals.

Der Lichtring umfuhr ihren Körper. Zahlen traten in die Luft.

Schulterbreite 39 Brustumfang 92 Taillenumfang 82 Hüftumfang 98 Oberschenkelumfang 56

Zahlen verbanden sich zur Konturlinie. Der Lichtkörper in der Gestalt von Yoshie-sans Körper erhob sich in die Luft.

Ich betrachtete die Kontur redlich.

Es lag Rundung darin.

Die Linie von der Schulter zur Brust zog einen sanften Bogen. Die Taille war flach, die Kurve zum Gesäß hin breit, warm, reich. Der Oberschenkel war kräftig, die Beine voll Kraft. Der ganze Körper war rund, weich, hatte die Form eines Gefäßes. Eines, das etwas umschließt, birgt.

Und unter dieser Rundung lag der Hauch des Muskels. An den Beinen, besonders an den Oberschenkeln, eine dichte Fülle. Die Beine einer Frau, die lange in der Küche gestanden und die Stätte durchschritten hatte. Beine, die trugen.

«… Ah», sagte Yoshie-san und sah zu ihrer Kontur hinauf. «Das bin ich.»

«Ja. Yoshie-sans gegenwärtiger Körper.»

«Rund, nicht.»

Yoshie-san sagte es gleichgültig. Keine Farbe der Selbstspötung darin. Nur die Ruhe des Feststellens.

«Rund.»

«Früher war die Linie feiner. Es war ein Winkel darin, möchte ich sagen. Heute ist alles, überall, rund.»

«Ist das ein Schlechtes?»

Yoshie-san schwieg ein Stück.

«… Schlecht, möchte ich meinen. Die Welt sagt es jedenfalls.»

«Was die Welt sagt, und was Yoshie-san fühlt, sind zweierlei. Hier.»

Yoshie-san sah mich an und nickte ein wenig.

«Seri», sagte Cohs Stimme hinter den Schläfen, mir allein hörbar. «Lies den Typ.»

«Endomorph», sagte ich, laut genug für Yoshie-san. «Festes Skelett, eine weiche Schicht, ein warmer, gerundeter Körper. Der Typ, der speichert.»

«Der Typ, der speichert.»

«Ja. Der Körperfettanteil liegt jetzt bei zweiunddreißig Prozent. Im Blick auf das Alter ist das keine krankhafte Zahl. Die Muskelmenge liegt über dem Durchschnitt der Altersgruppe, besonders an den Beinen und im Rumpf.»

Yoshie-san zog bei dieser Zahl ein wenig die Braue.

«Zweiunddreißig. Im Frauenarzt wurde dasselbe gesagt. Aber damals fühlte ich nichts. Nur: hoch. Heute — kommt es mir ein wenig anders zu Gehör.»

«Zahlen gewinnen erst durch den Zusammenhang an Bedeutung», sagte ich.


«Seri», sagte Coh in mir, «erkläre den endomorphen Typ recht. In deinen Worten.»

Ich nickte.

«Yoshie-san. Endomorph ist keineswegs der schlechtere Typ. Es ist einer der drei — endomorph, mesomorph, ektomorph — und jeder ist ein Typ der Geschichte, mit der man geboren ward.»

«Ein Typ der Geschichte.»

«Ja. Endomorph ist der Typ, der speichert. Warm, weich, ein Körper, der das Leben birgt. Unter diesem Typ finden sich viele Körper der Mütter. Nicht, weil er schwach wäre, sondern weil er Wärme zu speichern vermag.»

Yoshie-san öffnete die Augen ein Stück.

«Das Leben birgen.»

«Die Rundung des Bauches, die Weichheit der Hüfte sind nicht bloß überflüssiges Fett. Sie speichern Energie, halten die Wärme, schützen die inneren Organe, bergen den Menschen. Es ist eine Form des Reichtums. Nicht minder, sondern anders reich.»

Coh fuhr leise fort: «Wie Seri sagt. Die drei Typen haben keine Rangordnung. Mesomorph kämpft, ektomorph fliegt. Und endomorph birgt. Welcher, das darf man nicht fragen. Alle sind Formen des Lebens.»

Yoshie-san streckte die Hand nach der runden Bauchgegend ihrer Kontur aus. Die Finger glitten durch das Licht. Doch die Gebärde war dieselbe wie die, mit der Ōyama-san damals die Hand auf den Rücken gelegt hatte: eine hegende Gebärde.

«… Das Leben birgen. Fufu. Zwanzig Jahre lang habe ich wohl an die dreitausend Mitarbeiter gesehen. Die Kinder, die zu mir kommen, tragen meist etwas. Die Familie, Schulden, Krankheit. Wenn sie in meinem Haus essen und ein wenig zu Kräften kommen, habe ich mich gefreut. Birgen, wenn das das Wort ist — ich habe es, so glaube ich, die ganze Zeit getan.»

«Ja. Wie Sie die Menschen bergen, so birgt auch Ihr Körper.»

Yoshie-san senkte ein wenig die Augen. Und sah dann wieder auf. Die Augen waren ein wenig sanfter als beim Kommen.


«Ich lese», sagte Coh.

Die Zahlen in der Luft platzten, alle zugleich, in Lichtteilchen. Die Teilchen wirbelten, sammelten sich, wurden eine Linie, wurden Schrift.

Dein Körper hat fünfzig Jahre die Jahreszeiten geschichtet. Diese Schichtung ist keine Dicke, sondern eine Tiefe.

Der Meßraum ward still.

Yoshie-san las. Lange. Ich drängte nicht. Die Geschichte gehört dem Menschen.

«… Dicke, sagen Sie, nicht», murmelte Yoshie-san. «Tiefe.»

«Ja.»

«Ich, Himuro-san, habe dreißig Jahre lang meinen Körper nicht alle Tage für den Feind gehalten. In der Jugend trug ich Stolz. Derb, dachte ich. Ich kann arbeiten. Doch nach dem Vierzigsten folgte der Körper nicht mehr nach. Jedesmal im Spiegel spürte ich: ich gehe zugrunde. Verfall, dachte ich.»

«Und heute?»

Yoshie-san sah die Schrift ein zweitesmal an.

«Heute — klingt es ein wenig anders. Tiefe. Jahreszeiten geschichtet. Das ist keine Dicke, sondern eine Tiefe. So gesagt — kommt mir vor, diese dreißig Jahre seien nicht umsonst gewesen. Alles, was ich aufgehäuft, alles liegt in diesem Körper.»

Yoshie-san legte ein zweitesmal die Hand auf die Bauchgegend. Diesmal prüfend. Annehmend. Nicht mehr jene Gebärde, in der Scheu und Abwehr lagen.

«Dick sein heißt also nicht, schlechter sein. Es heißt nur: es hat sich geschichtet. Jahreszeit um Jahreszeit.»

«Ja. Das Älterwerden ist ein Absetzen. Die Zeit, die Sie gelebt haben, setzt sich fest, wird zur Schicht, zur Dicke der Geschichte. Nicht ein Körper, um zurückzukehren, sondern ein Körper, der geschichtet hat. Das ist der jetzige Körper.»

Yoshie-san schloß die Augen. Lange. Als sie sie öffnete, lag ein Glänzen in ihrem Winkel.

«… Danke. Himuro-san. — Nach dreißig Jahren habe ich das Gefühl, mich endlich selbst erlassen zu haben.»


Über der Kontur sammelte sich Licht.

Ein heller Glanz trat als Schrift über die Kontur. Coh meldete sich leise.

Titel — Die die Jahreszeiten Geschichtete

«Die die Jahreszeiten Geschichtete.»

Yoshie-san wiederholte den Titel. Und lachte, leise auf. Ein sanftes, tiefes Lachen.

«… Steht mir das.»

«Er steht Ihnen wohl.»

Yoshie-san betrachtete die Kontur ein weiteresmal. Und sah auf die Rundung, diesmal mit dem Blick, der etwas stolz trug.

«Himuro-san. Darf ich fragen.»

«Ja.»

«Ich habe in der Jugend getanzt. Einen kleinen Schritt Jazztanz. Dreißig Jahre lang habe ich nicht getanzt.»

Und dort lächelte Yoshie-san schelmisch. In diesem Lächeln lag ein Mädchen-Licht, das das Alter nicht ahnen ließ.

«Mit dem fünfzigjährigen Körper — kann ich noch tanzen?»

Ich hielt den Atem an.

Denn die Frage war zu schön.

Eine, die zurückkehren gesagt hatte, sprach jetzt nicht von der Rückkehr, sondern davon, mit dem Körper von heute zu tanzen. Das war ein Schritt, der nicht klein war. Eine, die lange den Spiegel als Feind gehalten hatte, sah statt des Spiegels die Kontur, erblickte darin die Tiefe und sagte: mit diesem tiefen Körper will ich tanzen.

«Tanzen können Sie», sagte ich. «Yoshie-san. Ihr Körper hat die Jahreszeiten geschichtet. Was er geschichtet hat, ist Tiefe. Eine Tänzerin mit Tiefe läßt sich von einer flachen Tänzerin nicht nachahmen.»

Yoshie-san ließ die Augen ein wenig feucht werden. Und nickte.

«… Darf ich wiederkommen.»

«Jederzeit. Das nächste Mal ziehen wir gemeinsam die Zielkontur. Wohin Sie wollen, in Ihren eigenen Worten.»

«Ja. Jetzt möchte ich selbst wissen, wohin ich will. — Es war nicht nur: zurück in die Jugend.»

Yoshie-san stieg von der Meßplatte. Der Schritt war gewiß leichter als beim Kommen. Die Spannung, den Bauch einzuziehen, war gewichen.


Als Yoshie-san die Treppe gestiegen war, stand ich allein im gedämpften Licht des Kreises.

«Seri», sagte Coh leise. «Wie hast du es empfunden.»

Ich suchte Worte.

«… Es gibt einen Jugendkult, das fiel mir heute wieder auf. Die Welt handelt den jungen, schlanken, festen Körper, als sei er der rechte Körper. Doch das ist nur eine Geschichte unter vielen. Ein Körper, der fünfzig Jahre lebte und die Jahreszeiten schichtete, trägt eine Tiefe, die ihm entspricht. Diese als Dicke zu schelten und zu richten, ist ein armer Blick. Ich als Lesende möchte das Älterwerden als ein Absetzen lesen. So habe ich beschlossen.»

«Ja.»

«Yoshie-san hat dreißig Jahre lang Menschen geborgen. Die Kraft zu bergen zeigt sich am Körper. Das als minder zu sehen, ist Armut des Blicks.»

Coh wartete einen Augenblick.

«Seri. Eine gute Lesung. Doch vergiß eines. Auch das Älterwerden ist bei jedem anders. Der eine nimmt es als Tiefe. Der andere trägt es als Schmerz. Darfst du Tiefe niemandem aufzwingen. Daß Yoshie-san heute Tiefe sah, lag daran, daß sie selbst die Kraft hatte, es so zu sehen. Du hast nur die Kontur aufgestellt.»

«… Ja. Ich weiß.»

«Du weißt, hm. Nun gut.»

Ich verstaute Contura in der Tasche.

Das Licht in der Luft erlosch langsam. Yoshie-sans Kontur verblaßte, ward zu Teilchen, zerging in die Dämmerung.

Doch ich schloß die Augen. Hinter den Lidern blieb jene runde, warme Kontur wie ein Gefäß. Eine tiefe Kontur, fünfzig Jahre geschichtet.

Die Schichtung der Jahre.

Sie ist keine Dicke. Sie ist eine Tiefe. Die gelebte Zeit setzt sich im Körper fest, wird zur Schicht, wird zur Dichte der Geschichte. Der Spiegel zeigt sie nur als Dicke der Oberfläche. Doch die Kontur vermag die Tiefe dahinter zu lesen.

Ich dachte an meinen eigenen, vierundzwanzigjährigen Körper. Noch ein flacher Körper. Wie viele Jahrzehnte an Jahreszeiten werde ich noch schichten. Möge ich dann nicht den Spiegel zum Feind nehmen, sondern eine Lesende sein, die redlich liest.

Als ich hinaustrat, färbte der Abendhimmel von Aoyama den westlichen Rand in Krapprot. Die Farbe des Sommerendes.

Beim Hinaufsteigen über die Treppe dachte ich nach.

Wer wäre der nächste. Welche Geschichte sein Körper spricht.

In der Tasche trug Contura ein wenig Wärme. Wie eine Antwort.

([Kapitel 16. Die Taille der Zwillinge] fortsetzen)