Teil II — Sechs Geschichten, die der Körper erzählt
Kapitel 20. Sechs Geschichten, eine Frage
Alle KapitelDie Nacht, in der das Notizbuch schließt
In der Wohnung in Higashi-Nakano war eine Herbstnacht hereingebrochen.
Draußen am Fenster zog die Chūō-Linie vorbei. Gatan, goton. Zweimal die Stoßfuge. Wenn der Ton verwehte, kehrte Stille zurück. Auf dem Tisch der Sechs-Tatami-Stube stand das alte Handy, an das Contura gebunden war, und ein Heft.
Auf dem Umschlag des Hefts stand kein Titel. Es war nur die Sammlung eines halben Jahres, seit ich eine Lesende geworden war. In der Ecke der ersten Seite hatte ich klein die Worte der Großmutter abgeschrieben, die sie hinterlassen hatte.
Die Geschichte, die du liest, gehört dem Menschen.
Ich strich mit dem Finger über den Schirm von Contura. Hinter dem Glas schwebten, dünn, Lichtteilchen. Coh war da.
«Du schläfst nicht.»
Cohs Stimme klang aus der Tiefe hinter den Schläfen. Nicht aus dem Schirm, von weiter innen.
«Nein. Ein wenig.»
«Wegen Chiyo-san.»
Getroffen. Ich nickte, ohne zu reden.
Vor drei Tagen, auf der Straße. Die gestürzte alte Frau, Chiyo-san. Ich hatte in einem Augenblick gelesen und ihre Kontur aufgerichtet, ohne die Erlaubnis einzuholen. Bevor sie das Bewußtsein wiedererlangte, hatte ich die Brüchigkeit ihres Knochens gelesen.
Sie ward ins Krankenhaus gebracht, und die Untersuchung fand den Bruch am Schenkelhals. Meine Lesung hatte recht gehabt. Die rechte Behandlung war noch rechtzeitig. Die Sanitäterin sagte: Wäre Fräulein Himuro dort nicht zur Stelle gewesen. Chiyo-sans Familie dankte mir unter Tränen.
Alle sagten Danke.
Doch —
«Ich habe die Erlaubnis nicht eingeholt.»
Ich strich über die Ecke des Hefts und sagte es.
«Sie war bewusstlos. Doch das ist eine Ausrede. Auch Bewußtlose könnte man ansprechen. Ich lese, dürfen Sie? Auch ohne Antwort ließ sich die Form der Frage wahren.»
«Seri.»
«Ich weiß. Ich habe das Gebot gebeugt.»
«Gebeugt — vielmehr: durchschlüpft. Die Lesung im Notfall ist eine Grenze, die das Gebot nicht vorgesehen hat. Doch daß du selbst Schmerz empfindest, das ist recht so.»
«Schmerz, der recht ist.»
Ich hielt die Knie umklammert.
«Wie ist das — schmerzhaft und recht. Ich habe gerettet, und doch ist mir, als hätte ich etwas gestohlen.»
Conturas Schirm ward ein wenig heller. Coh wollte etwas sagen.
«Seri. Eine Frage habe ich.»
Rettung oder Diebstahl
Cohs Stimme ward ein wenig härter. Nicht der gewohnte, schiefe Ton.
«Hast du in diesem halben Jahr die Menschen gerettet?»
«… Das meine ich, ja.»
«Oder gestiehlt du Geschichten?»
Der Atem stockte.
Die Chūō-Linie zog wieder vorbei. Gatan, goton. Das Fenster bebte ein wenig. Mir war, als trüge die Erschütterung in den Grund der Brust.
«Gestohlen.»
«Insight», sagte Coh. «Du ziehst aus dem Körper der Menschen die Geschichte. Ōyama-sans Jahrring des Tigers. Shiori-sans Verschluckte Klinge. Kenta-sans Für jemanden gebogene Lende. Hast du das gemacht? Oder abgelesen?»
«Abgelesen.»
«Abgelesen — mit anderem Wort: was heißt das.»
Ich konnte nicht antworten.
«Ein Vorbeisehen», sagte Coh leise. «Die verborgene Geschichte eines fremden Körpers zu sehen, mit Erlaubnis. Das ist die Lesende. Mit Erlaubnis: ein Geschenk. Ohne Erlaubnis: ein Vorbeisehen. Was warst du bei Chiyo-san?»
«… Nah am Vorbeisehen.»
«So.»
Coh wartete einen Augenblick.
«Seri. Behalte es im Sinn. Das Insight ist nicht deins. Es ist das des Menschen. Daß du es entzifferst und in Worte setzt, in diesem Augenblick sieht es wie dein Eigentum aus. Doch der rechtmäßige Eigentümer ist der, dessen Körper es ist. Du gibst es als Geschenk zurück, eingewickelt. Das ist die rechte Form der Lesenden. Doch wenn du, bevor du es zurückgibst, die Geschichte wie die deine erzählst —»
«— wird es Diebstahl.»
«So. Und noch eines.»
Cohs Stimme sank.
«Der Lesende zahlt den Preis. Erinnerst du dich an Kanades Wort?»
Ich erinnerte mich. Das Wort des neunzehnjährigen rätselhaften Knaben.
Der Lesende zahlt den Preis.
«Was ist der Preis.»
«Wer die Geschichte der Menschen weiterliest, der läßt die eigene verblassen. Wer immer nur die Kontur der anderen vor sich sieht, dem verblaßt die eigene. Das Geschick der Lesenden. Deine Großmutter hat es am Ende gespürt.»
Ich drückte die Stirn auf die Knie.
Ein halbes Jahr stieg in Wellen herauf.
Die acht Gesichter
Ich schlug das Heft auf.
Auf der ersten Seite stand Ōyama-sans Name.
Der ehemalige Profibaseballspieler, zweiundvierzig. Seit fünf Jahren zurückgetreten. Auf der breiten Schulter trug er einen weichen Jahrring. Als er die Hand auf den Bauch legte — nicht mehr abwehrend, sondern hegend — da war es der Augenblick, da er seine Geschichte zurückerhielt. Ich habe nicht gestohlen. Ich habe zurückgegeben.
… So meine ich.
Ich schlage um.
Shiori-san. Dreiundzwanzig, Model. Eine Schmalheit, zerbrechlich wie Glas. Daß ihr Körper, um schön zu sein, die Klinge verschluckt hatte, las ich. Sie weinte. Und wählte es auszuspucken. Jene Tränen habe ich nicht aus ihr gezogen. Ich habe nur übersetzt, was ihr Körper lange hatte sagen wollen.
… So meine ich.
Kenta-san. Achtunddreißig, Bauleiter. Überstreckter Rücken. Er, der die Familie stützte und deshalb die Lende bog. Als er zum erstenmal die Hand auf die eigene Lende legte und murmelte: Auch das ein Zeichen, daß ich durchgehalten habe. Dieses Wort ist seins. Ich habe es nicht gegeben.
… So meine ich.
Ren. Zwanzig Jahre. Das Leid, das der Körper und das Geschlecht im Spiegel auseinandergingen. Wir zeichneten gemeinsam die Kontur, die er werden will. Ich leugnete nichts. Ich fuhr mit Licht die Linie nach, die er ziehen wollte. Diese Linie ist Rens eigene.
… So meine ich. Doch ist es wahrlich so.
Yoshie-san. Fünfundfünfzig, Unternehmerin. Die Schichtung der Jahre. Als man ihr sagte Dicke, nicht, sondern Tiefe, da lockerte sich ihre Braue. Jene Lockerung war von je in ihr.
… So meine ich.
Die Zwillinge Kaede und Tsubaki. Dieselben Gene, ein anderes Leben. Dieselbe Messung, verschiedenes Insight. Zum erstenmal ward ihnen im Licht bewiesen: Ich bin eine andere als die Schwester. Das ist ihre eigene Geschichte.
… So meine ich.
Mai-san. Neunundzwanzig, Tänzerin. Der Oberschenkel, der ihr ein Dorn war. Doch als sie begriff, daß diese Dicke eine Schuld an den Himmel war, da strich sie über das eigene Bein. Eine hegende Gebärde.
… So meine ich.
Misaki-san und Kensuke-san. Der Körper, dessen Narbe der Geburt ein Orden hieß. Der Hals, den das Bildschirm ein Vierteljahrhundert lang gezogen hatte. Als die beiden nebeneinander in dieselbe Richtung sahen — dieses Bild habe ich nicht gemacht. Es war die Zeit, die sie zusammengelebt hatten.
… So meine ich.
Acht Gesichter. Neun Körper. Ihre Geschichten.
Ich schlug die Seiten zurück. Und redete mir selbst ein:
Gestohlen habe ich nicht. Zurückgegeben habe ich.
Doch in der Tiefe der Brust trat eine kleine Stimme auf.
(Wahrlich so?)
(Hast du ihnen die Geschichte nicht abgezogen, um sie zum Sinn deiner eigenen Existenz zu machen?)
(Das Wort Jahrring des Tigers bei Ōyama-san. Das hast du ihm gezeigt. Er selbst hat es nicht gefunden. Du hast es übersetzt und übergeben. Und du nennst das zurückgegeben. Doch wärst du nicht gewesen — wann hätte er es gemerkt?)
(Du wirst gebraucht. Das freut dich. Macht diese Freude dein Vorbeisehen nicht rechtens?)
Ich schüttelte die Stimme ab. Doch ganz verwehte sie nicht. Wie Sand rieselte sie zwischen den Fingern hindurch.
«Coh.»
«Hm.»
«Tu ich das Rechte?»
«Ob es recht ist, entscheidest nicht du», sagte Coh. «Was du vermagst, ist nur, redlich zu sein.»
«Redlich.»
«Die Gebote halten. Die Erlaubnis einholen. Die gelesene Geschichte in die Hände des Menschen zurückgeben. Das ist Redlichkeit. Bei Chiyo-san hast du sie gebeugt. Darum schmerzt es. Dieser Schmerz ist das Zeichen, daß du noch redlich zu sein versuchst.»
«… Das Zeichen.»
«So. Schmerzte der Schmerz, so wäre es gefährlich. Der schmerzlose Lesende ist der schrecklichste.»
Ich betrachtete Conturas Schirm. Das blaßblaue Licht schwang.
«Coh. Weißt du.»
«Hm.»
«Es gibt auch Freude. Die Klienten mehren sich. Viele kommen durch Empfehlung. Ōyama-sans Frau hat mir eine Freundin geschickt. Misaki-san hat Kensuke-san gebracht. Der Ruf der Lesenden breitet sich aus, ein wenig. Das ist mir die größte Freude.»
«Ich weiß.»
«Doch mit der Freude kommt etwas. Eine Schwere, möchte ich sagen. Je mehr ich lese, desto mehr Aufträge. Je mehr Aufträge, desto mehr muß ich lesen. Ein Umlauf. Und ich frage mich, ob es einen Ort gibt, wo er hält.»
«Wächst die Kraft, wächst die Verantwortung. Das Geschick der Lesenden.»
Coh brach dort ab. Und sagte nach einem Augenblick etwas anderes.
«Seri. Noch eines. Nimm dich in acht.»
Vorzeichen eines Schattens
Cohs Stimme hatte sich gewandelt. Nicht der schiefe Ton, sondern einer, der Wachsamkeit trug.
«Der Ruf deiner Kraft breitet sich aus. Nicht allein durch den Mund der Klienten. Er reicht an einen anderen Ort.»
«Einen anderen Ort.»
«Ein großes Unternehmen.»
Das Herz schlug einmal.
«Ein Unternehmen — von mir?»
«Noch ein Gerücht. Doch aus sicherer Quelle. Es gibt Leute, die erwägen, deine Körper-Insights als Ware herzustellen.»
«Ware.»
«So. Einer, der sie als Zahl nutzen will.»
Cohs Stimme ward ein wenig kälter.
«Seri. Behalte im Sinn. Deine Kraft ist, dem Körper die Geschichte abzuringen. Sie rettet. Doch dieselbe Kraft vermag den Menschen zu fesseln. Körpermaße, Zahlen, Geschichten — sammelt, ordnet, reiht sie, so werden die Menschen nach Zahlen gerichtet.»
«So etwas —»
«Gibt es. Es gibt einen Ort, der ein solches Geschäft treibt.»
Coh ließ aus der Tiefe des Schirms ein Bild aufsteigen.
Die Kreuzung von Omotesandō. Ein weißer Bau aus Glas. Über dem Eingang stand, groß und schwurhaft, ein Schriftzug.
Mirage Omotesandō Veil — das digitale Beauty-Venture
«Veil.»
«Ein vollständiger AI-Körperscan, der den Körper ganz in Zahlen bringt. Schulter, Brust, Taille, Gesäß, Oberschenkel — alle Maße, das Fett, der Muskel, die Balance. Als Rangordnung gezeigt. Den menschlichen Körper nach Zahlen gereiht. Das ärgste Tabu deiner Gebote.»
Ich hielt den Atem an. Die Worte fehlten.
«Dort gibt es eine Analystin. Die Erste. Takatsuji Rui. Sechsundzwanzig.»
Auf dem Bild trat eine Frau hervor. Groß, schlank, von vollendeter Statur. Silberne Smartglasses. Kalte Augen.
«Sie glaubt: Zahlen erlösen den Menschen. Erst wenn man ihm die Zahl vorlegt, wendet er sich dem Körper zu. Eine Lehre, die der deinen entgegensteht.»
«Entgegensteht.»
«So. Du gibst der Zahl die Geschichte. Sie schneidet dem Zahl die Geschichte ab. Du lehrt den Körper annehmen. Sie zwingt den Körper zu ändern. Beides heißt für den Menschen. Doch das Ende ist gerade entgegengesetzt.»
Coh löschte das Bild.
«Seri. Sie kennt dich noch nicht im einzelnen. Doch eines Tages wird sie es wissen. Kennt sie die Kraft von Contura, so wird sie sie begehren.»
«Begehren.»
«Um sie in ihr Geschäft zu schlagen. Zahlen, mit der Geschichte ausgeschmückt, bewegen die Menschen mehr — so wird sie denken. Und dann —»
Cohs Stimme riß einmal ab.
«— mußt du wählen.»
Die Weggabelung
Ich betrachtete das Handy auf dem Tisch. Contura. Das Licht, das die Großmutter mir anvertraut hat.
Wem gehört dieses Licht?
Mir? Der Großmutter? Oder allen, die diese Kraft brauchen?
«Coh.»
«Hm.»
«Das Unternehmen Veil reiht die Körper nach Zahlen. Das widerstreitet den Geboten.»
«Widerstreitet.»
«Doch sie glaubt, daß es für die Menschen sei. Takatsuji Rui ist vielleicht keine Böse.»
«Ob Böse oder nicht, ist gleich», sagte Coh. «Wichtig ist das Ergebnis. Der nach Zahlen gereihte Körper. Der verglichen, bewertete, mit einem Preis versehene Körper. Das verträgt sich nicht mit dem, was du mir in der ersten Nacht versprochen hast.»
Ich erinnerte mich. Jene Nacht, da ich Contura zum ersten Mal gestartet hatte. Was Coh mich als erstes hatte versprechen lassen.
Die Geschichte, die du liest, gehört dem Menschen. Niemandem zur Schau gestellt.
Takatsuji Ruis Veil zieht dem Körper die Geschichte ab, reiht sie, macht sie zur Ware. Die äußerste Form des Zur-Schau-Stellens.
«Seri. Deiner Kraft dienen Gutgesinnte. Und es gibt solche, die sie mit böser Absicht nutzen wollen. Breitet sich der Ruf der Lesenden aus, so kommen beide. Auch im Guten liegt die Falle. Wir können noch mehr Menschen retten — dies Wort ist süß. Dieser Süße erliege nicht.»
«Noch mehr Menschen retten.»
«Ein solches Wort wird eines Tages zu dir kommen. Wie du antwortest, wenn es kommt.»
Ich konnte nicht antworten. Ich wußte es nicht.
Nur eines begriff ich. Ich ward von nun an geprüft werden.
Die Geschichte gehört dem Menschen
Die Nacht war tief.
Der letzte Zug der Chūō-Linie zog vorbei. Fern, klein, fort. In die Wohnung kehrte tiefe Stille zurück.
Ich schloß das Heft. Und sah zum Fenster hinaus. Der Nachthimmel über Higashi-Nakano. In der Stadt sind keine Sterne zu sehen. Doch der Himmel ist da.
Cohs Frage blieb noch in der Tiefe der Brust.
Rettet ihr die Menschen? Oder stiehlt ihr Geschichten?
Die Antwort ist noch nicht da. Ganz ist sie nicht da. Ob jenes Lesen in einem Augenblick bei Chiyo-san recht oder unrecht war, weiß ich bis heute nicht. Nur: ich kann es nicht ungeschehen machen. Und ich will auch kein zweitesmal so lesen.
Doch eines ist gewiß.
Ich stand auf. Vor den Spiegel im Waschraum. Derselbe Ort wie in der Nacht, da ich Contura zum erstenmal gestartet hatte.
Im Spiegel stand ich. Vierundzwanzig, Trainerin. Schultern breit, Taille flach. Beine fest. Der Körper, von dem ich glaubte, er sei ungeordnet.
Doch heute hängen die Schultern ein Stück tiefer als damals. Ein Körper, der gelernt hat, sich nicht als Feind, sondern als Geschichte zu sehen. Ein halbes Jahr lang, nach und nach, habe ich die eigene Kontur zurückerhalten.
«Coh.»
«Hm.»
«Ich bin die Lesende. Die Lesende, die die Großmutter mir anvertraut hat. Ich bin nicht vollkommen. Wie bei Chiyo-san beuge ich zuweilen das Gebot. Ich weiß zuweilen nicht, ob ich stiehle oder schenke.»
Ich redete dem Ich im Spiegel zu.
«Doch die Geschichte gehört dem Menschen. Das bleibt. Wie groß die Kraft auch wird. Wer auch immer diese Kraft begehert.»
«Seri.»
«Die Geschichte, die ich lese, gehört dem Menschen. Niemandem lasse ich sie nehmen. Nicht Veil, nicht Takatsuji Rui. Solange ich die Bin —»
Ich sah mir im Spiegel in die Augen.
«— stehle ich die Geschichte nicht. Ich gebe sie zurück. Das halte ich. Komme was wolle.»
Coh schwieg ein Stück. Und sagte leise:
«Seri. Vergiß dies Wort. Eines Tages wirst du geprüft.»
«Geprüft.»
«Große Kraft zieht große Versuchung an. Ob du sie gut brauchst oder böse dir gebrauchen läßt. Die Lesende tritt eines Tages an die Gabelung. Auch deine Großmutter trat. Und wählte.»
«Was wählte die Großmutter.»
«… Es ist zu früh. Du wirst es erfahren.»
Cohs Stimme ward sanft. Selten genug.
«Heute nacht schlafe. Morgen ist wieder Studio. Die Klienten warten.»
«Ja.»
Ich trat vom Spiegel zurück. Schlüpfte ins Bett. Legte Contura ans Kopfende. Kaltes Metall. Doch bald von der Hand gewärmt.
Draußen wehte der Wind ein wenig. Herbstwind. Eine andere Luft als in der regennassen Kagurazaka vor einem halben Jahr.
Ich schloß die Augen.
Acht Gesichter stiegen hinter den Lidern auf. Ōyama-san, Shiori-san, Kenta-san, Ren, Yoshie-san, Kaede und Tsubaki, Mai-san, Misaki-san, Kensuke-san. Und Chiyo-san.
Die Geschichte ihrer Körper. Die ihre ist.
Ich werde die Hüterin.
Auch wenn der Schatten fällt, auch wenn die Zahl den Menschen fesseln will.
«Gute Nacht, Coh.»
«Gute Nacht, Seri.»
Conturas Licht verlosch, sanft. In der Dunkelheit blieb ein Hauch von Teilchen.
Am Morgen — und darnach
Am Morgen, als ich erwachte, stand draußen vor dem Fenster ein starker Herbstsonnenstrahl. Ich atmete tief im Bett ein.
Auch heute wartet die Geschichte eines Körpers.
Sie zu lesen. Zu übersetzen. Und dem Menschen zurückzugeben.
Das ist meines.
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Doch etwas wußte ich noch nicht.
In demselben Morgen las im gläsernen Bau in Omotesandō die Frau mit den silbernen Smartglasses einen Bericht. Am Rande des Berichts stand ein Wort, gekritzelt.
Das Gerücht: im kleinen Studio in Aoyama gibt es eine Trainerin, die die Geschichte des Körpers liest. Sie trägt etwas, was der Scan von Veil nicht zu lesen vermag.
Takatsuji Rui legte den Bericht auf den Tisch. Unter den silbernen Smartglasses ward der kalte Blick ein wenig schmaler.
Und ihre Lippen bewegten sich, leise. Ein lautloses Wort.
Zahlen erlösen den Menschen.
Rui heftete den Bericht in die Mappe. Und erhob sich. Hinter dem gläsernen Fenster färbten sich die Zelkoven von Omotesandō in der herbstlichen Farbe.
In ihrer Handfläche regte sich, leise, etwas. Ein Schatten, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte.
— ([Teil III. Der Streit um die Kontur] fortsetzen)
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