Teil III — Der Kampf um die Kontur

Kapitel 27. Ruis Wunde

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Drei Uhr morgens

Drei Uhr morgens. In dem gläsernen Kasten von Omotesandō war Rui allein.

Die oberste Etage von Veil. Draußen vor dem Fenster zerschnitt das blätterlose Geäst der Zelkoven das Licht der Laternen wie eine Klinge. In der Straße war kein Mensch. Tokyo hält nur in dieser Stunde den Atem an, in tiefem Schweigen.

Auf dem Schreibtisch war der schwarze Kaffee im Becher kalt geworden. Der vierte heute. Auf der Oberfläche schwamm ein Häutchen Öl. Heute hatte Rui nichts in sich genommen als diesen Kaffee, dazu vor dem Morgengrauen ein Eiweißgetränk, mittags einen Salat mit gedämpftem Huhn. Einnahme tausendeinhundert Kalorien. Verbrauch: Grundumsatz plus Schritte plus Gehirn, tausendfünfhundert. Die Rechnung stand wie immer auf Minus. So ward der Körper getragen. Seit dem Herbst der Dreizehn hatte Rui sich auf diese Rechnung gebaut.

— In den letzten zwei Wochen hatte Ruis Körper einige Wandlungen getragen.

Die letzte Monatsblutung war vor zwei Monaten versiegt. Die Fingerspitzen bebten nachts allein. Stieg sie eine Stufe aus, so strich ein schwarzer Nebel am Rand des Gesichts. Bei der Gesichtsreinigung fielen ihr jederzeit ein paar Wimpern aus. Dies alles hatte Rui als Schwankung im Bereich der Zahlen abgetan. Das Gewicht lag im richtigen Maß, der Körperfettanteil im Ideal, bei der Gesundheitsuntersuchung vor drei Monaten war alles grün gewesen. Keine Abweichung in den Zahlen. Keine.

Am Rand des Schreibtisches lagen zwei Berichte übereinander.

Der eine betraf Shiori.

Das Model Shiori. Als Ziel der öffentlichen Messung von Veil hatte Rui sie rufen lassen. Rui hatte die Zahlen des Scans kalt und genau verlesen. Beauty-Score, Formabweichung, Verbesserungsraum. Shiori war gleich nach der Messung zusammengebrochen. Später war sie an der Kreuzung von Omotesandō in ungewohnten hohen Absätzen gestürzt. Verstauchter Knöchel, aufgeplatzte Lippe. Das Gerücht verbreitete sich in der Branche. Der Veil-Scan hat das Model gebrochen.

Rui hatte jenen Bericht kein einziges Mal aufgeschlagen. Es war nicht nötig. Die Zahlen waren genau gewesen. Die Analyse ohne Irrtum. Daß Shiori zusammengebrochen war, lag am Körper und am Herzen von Shiori, nicht an Ruis Zahlen. So hatte sie es gehalten.

Der andere betraf Kiryū Sono.

Rui hatte Sono abzuwerben gesucht. Hoher Lohn, Zugang zur neuesten Anlage, die Aussicht, hinter dem Veil-Schild den Muskel rühmen zu dürfen. Sono hatte mit einem Wort abgelehnt. Mein Muskel leuchtet nur an dem Ort, wohin ich gehöre. Rui vermochte das nicht zu begreifen. Was man in Zahlen bot, mit einem Grund außerhalb der Zahl abzulehnen. Eine Abwesenheit der Vernunft.

Beide Berichte deuteten darauf, daß Ruis Genauigkeit irgendwo nicht bis zu den Menschen drang. Doch Rui suchte die Lösung darin, die Genauigkeit zu steigern. Genauer. Strenger. Das Netz der Zahlen feiner. Mehr hatte sie nicht.

Die grüne Lampe

Drei Uhr dreißig. Rui erhob sich und betrat die private Scan-Kabine hinten im Raum.

Die neueste Maschine von Veil. In vierzig Sekunden durchmaß sie den ganzen Körper und gab jede Stelle in Zahlen: Maße, Körperzusammensetzung, Haltung, Muskelgleichklang, Hautzustand. Jeden Abend maß Rui sich mit ihr. Das Ritual vor dem Schlaf. Heute Nacht, ohne zu schlafen, maß sie in der Stunde vor dem neuen Tag.

Das bläulich-weiße Licht der Kabine leckte Ruis Körper vom Scheitel bis zur Sohle.

Auf dem Schirm traten die Zahlen auf.

Gewicht 50,8 kg Körperfettanteil 17,9 % Fettfreie Körpermasse 41,7 kg BMI 18,0 Muskelmasse 38,2 kg Grundumsatz 1184 kcal

Gegen den vorigen Monat war das Gewicht um anderthalb Kilo gesunken. Der Körperfettanteil um null Komma acht Punkte. Der BMI unter achtzehn. Auch die fettfreie Masse ein wenig gesunken. Doch — alle Zahlen lagen im optimalen Bereich. Der Algorithmus von Veil wertete sie als Werbetafel: ideal. Sechs grüne Lampen reihten sich.

Idealtypisch. Rui fuhr mit der Lippe das Wort nach. Das Wort, mit dem sie jene kalte Beruhigung der Dreizehnjährigen zurückrief, die in jener ersten Nacht ihren Körper gemessen hatte.

Doch heute nacht klang das Wort hohl.

Rui trat aus der Kabine. In dem Schritt, mit dem sie hinausging, strich der schwarze Nebel am Rand des Gesichts. Unbewußt griff die Hand nach einem Geländer. Es gab keins. Rui stützte die Schulter an die Wand. Drei Sekunden. Der Nebel wich zurück.

In den Zahlen kommt dieser Nebel nicht vor.

Der Veil-Scan mißt Gewicht, Fett, Muskel, Knochendichte, Hautelastizität, Haltungswinkel, Beweglichkeit der Gelenke, Geschwindigkeit des Blutstroms — alles, was sich messen läßt. Doch das mißt er nicht. Den schwarzen Nebel am Rand des Gesichts. Das Beben der Finger nachts. Die versiegte Monatsblutung. Die fallenden Wimpern. Jedes einzelne läßt sich ins Wort der Medizin heben. Doch das Etwas, das sie alle bündelt, das hebt der Veil-Scan nicht.

Die Zahl lügt nicht. Doch da ist etwas, das der Körper fordert, und das die Zahl nicht spricht.

Zum ersten Mal setzte Rui diesen Verdacht im Mund an. Und schluckte ihn sogleich hinab. Der Verdacht war Abweichung. Die Abweichung schwindet, wenn man die Genauigkeit der Messung steigert. Schwinden muß sie.

Die Besucherin aus Aoyama

Neun Uhr morgens. Rui trat an den Schreibtisch zurück, und Sakuma stand da mit einem Gesicht der Bestürzung.

«Takatsuji-san. Da ist eine — Person.»

«Eine Person.»

«Himuro — Seri-san.»

Ruis Hand hielt an.

«… Laß herein.»

Seri ward in das Glaszimmer der obersten Etage geführt. Sie stand vor Rui. In der Tasche des Polohemeds das alte Handy. Contura. Die Kontur des Geräts zeigte durch den Stoff ein wenig Kante.

«Guten Morgen, Takatsuji-san.»

Seri stimmte war zurückhaltend. Doch die Augen sahen gerade.

«Ich sage es geradeheraus. Geben Sie Shiori-sans Daten und Geschichte zurück. Sie gehört ihr. Und —»

Seri legte einen Schlag ein.

«— daß Veil aufhört, den Körper der Menschen nur mit Zahlen zu richten.»

«Zu richten», hob Rui die Braue. «Ich richte nicht. Ich messe nur.»

«Messen wird, meine ich, zum Richten.»

«Deine Meinung.»

Stille trat ein. Draußen vor dem Glasfenster streckte sich das Morgenlicht von Omotesandō weiß auf den Boden.

Rui betrachtete Seris Gesicht. Und dabei fiel ihr auf: Seri starrte nicht zurück. Sie sah auf das Unterste von Ruis Gesicht. Nacken, Schlüsselbein, Arm — sie sah Ruis Körper.

«… Was.»

«Takatsuji-san.» Seris Stimme bebte ein wenig. «Die Farbe Ihres Gesichts —»

«Die Gesichtsfarbe.»

«Verzeihen Sie. Zu viel.»

Seri brach ab. Doch in den Augen lag ein harter, bernsteinfarbener Schmerz. Es waren die Augen eines Menschen, der einst den eignen Körper im Spiegel betrachtete. Rui tat, als bemerke sie es nicht.

«Himuro-san», sagte Rui und senkte die Stimme. «Ob dein Geschichte-Lesen echt ist, habe ich noch nicht entschieden. Daß es mit den Zahlen übereinstimmt. Daß es das Herz der Menschen trifft. Das erkenne ich an. Doch daß es etwas sei, das sich nicht auf die Zahl zurückführen läßt, das ist nicht erwiesen.»

Seri schwieg.

«Erweisen kannst du es», fuhr Rui fort. «Hier und jetzt. Lies mit deinem Contura — meinen Körper.»

Die verblaßte Kontur

Seris Augen öffneten sich.

«Takatsuji-sans Körper.»

«So. Dein Gebot lautet: nur mit Erlaubnis messen. Ich erlaube. Du darfst messen. Mehr: ich befehle es. Wenn dein Geschichte-Lesen etwas trägt, das der Zahl überlegen ist, dann erweise es an meinem Körper.»

Ruis Stimme war kalt. Doch in der Tiefe der Kälte hörte Seri ein anderes. Herausforderung und Bitte lagen übereinander. Der Klang, den Seri einst jener App gegebn hatte, die die Großmutter hinterließ. Der Drang, etwas zu prüfen.

Seri legte die Hand an das Handy in der Tasche.

«Coh.»

«— Seri. Takatsuji Rui. Liegt die Erlaubnis vor.»

«Sie selbst hat geheißen, zu messen.»

«… Verstanden.»

Seri schloß die Augen. Contura startete. Blaßblaue Teilchen sickerten aus Seris Hand und lösten sich in die Luft.

Die Teilchen fuhren behutsam über Ruis Körperfläche. Schulter. Schlüsselbein. Brust. Taille. Gesäß. Oberschenkel. Das Licht zog einen Ring um Ruis Körper. Zahlen traten in die Luft.

Schulterbreite 42 Brustumfang 82 Taillenumfang 58 Hüftumfang 86

Mit dem Veil-Scan stimmte es überein. Ein Maß ist ein Maß. Auch Contura ruht auf dem Boden der Zahl. Soweit nickte Rui: wie vorgestellt.

— Doch von hier an ward es anders.

Die Zahlen platzten. Lichtteilchen wirbelten, sammelten sich, wurden eine Linie — die Kontur erhob sich. Ein Lichtkörper in der Gestalt von Ruis Körper.

Nur — es war nicht der Körper, den Rui jeden Morgen im Spiegel sah.

Die Kontur war dünn. Verblaßt. Das Licht, das hätte blaßblau sein sollen, war gelblich, getrübt wie altes Papier. Risse durchzogen die Konturlinie, und aus ihnen bröckelten Lichtteilchen hervor. Es glich einem alten Buch, das lange von niemandem gelesen ward.

«Das ist.» Rui hielt den Atem an.

Auch Seri schluckte den Speichel. Coh öffnete leise den Mund.

«Die Frische.»

«Die Frische», wiederholte Rui.

«Die Geschichte des Körpers trägt die Frische. Im Augenblick des Messens ist sie am frischesten, die Farbe am tiefsten. Doch mit der Zeit verblaßt sie. Und dies hängt nicht allein mit der Zeit ab, die seit der letzten Messung verging.»

Cohs Stimme sank ein wenig.

«Die Frische hängt daran, ob jemand — oder der Mensch selbst — redlich fortfährt, das zu hören, was der Körper spricht. Nur messen genügt nicht, um die Frische zu halten. Zu hören, was der Körper spricht. Es zu empfangen. Das hält die Frische feucht.»

Coh sah zu Ruis Kontur hinauf.

«Takatsuji Rui. Dein Körper wird jeden Tag gemessen. Die Zahlen sind die frischesten. Doch die Geschichte des Körpers ist versiegt. Du hast nie gehört, was der Körper spricht. Du hast nur die Zahlen aufgelesen und die Geschichte weggeworfen. Darum ist die Kontur verblaßt.»

Der Panzer der Zahl

Rui betrachtete die Kontur in der Luft.

Die eigene Kontur, sollte sie sein. Gelblich, gerissen, verdorrt. Daß dies derselbe Körper sein sollte wie der von vollendeter Statur im Spiegel, war nicht zu fassen.

Die Zahlen waren vollkommen. Gewicht, Körperfett, BMI, Muskelmasse — alles grüne Lampen. Der Algorithmus von Veil wertete sie als ideal. Als Werbetafel ohne Fehl. Um in der Welt diesen Körper als die vollendete Gestalt des zahlgemäßigten Körpers zu rühmen.

Doch — die Geschichte war verdorrt.

«Ich lese», sagte Coh.

Über der Kontur trat Schrift auf.

Dein Körper hat sich lange Zeit auf die Zahl als Panzer gestützt und gestanden. Doch der Körper unter dem Panzer weint schon.

Ruis Knie drohten zu brechen.

— Das Wort stach. Wie eine Zahl, kalt und hart und als Tatsache. Doch es stach an einem ganz anderen Ort als die Zahl. Hinter der Rippe, gleich neben dem Herzen. An dem Ort, der jene Beruhigung der Dreizehnjährigen zurückrief, als die Zahl der Dunkelheit eine Kontur gegeben hatte.

«… Lüge.»

Ruis Stimme war heiser.

«Die Zahl lügt nicht. Mein Körper ist in Ordnung. Grün. Ideal.»

«Die Zahl lügt nicht», gab Coh ruhig zurück. «Doch die Zahl hebt nicht alles, was dein Körper spricht. Nicht zu lügen und die Wahrheit zu sagen sind nicht dasselbe.»

Rui biß sich auf die Lippe.

Sie hatte es gewußt. Der schwarze Nebel in der Kabine heute morgen. Das Beben der Fingerspitzen nachts. Die versiegte Blutung. Die fallenden Wimpern. Das Etwas, das all dies bündelt und das der Veil-Scan nicht hob. Diese App hob es. Und sie gab es zurück im schmerzhaftesten aller Worte: als Geschichte.

«Ich erkenne es nicht an», sagte Rui. Sie zwang die Stimme zur Kälte. «Das ist Sentiment. Du projizierst Gefühl auf die Zahl. Mein Körper ist vollkommen verwaltet. Nicht gebrochen.»

«Nicht gebrochen, hm», sagte Coh und lockerte ein wenig die Stimme. «Dann sage mir: Warum ist deine Frische verdorrt.»

Die Antwort fehlte.

Der Riß

Rui löschte Contura. Die Kontur in der Luft brach lautlos in sich zusammen, ward zu Teilchen, verwehte. Ins Glaszimmer kehrte das weiße Morgenlicht zurück.

Seri betrachtete Rui. Sie sagte nichts. Nur daß ihre Augen noch einmal über Ruis Nacken und Schlüsselbein und Arm fuhren. In ihnen lag noch jener bernsteinfarbene Schmerz.

«Himuro-san.»

«Ja.»

«Vergiß diese Lesung. Ich erkenne sie nicht an.»

«… Ja.»

Seri verneigte sich. Doch auf ihren Schultern ruhte etwas Ungesagtes. Sie wollte reden und hielt an. Statt dessen sagte sie:

«Takatsuji-san. Wenn Ihr Körper etwas fordert, so liegt das nicht an der Zahl. Es liegt daran, daß das Ohr fehlt, das der Zahl zuhört. Eines Tages — hören Sie ihm zu.»

Rui antwortete nicht. Seri wandte sich und ging aus dem Glaszimmer.

— Als sie allein war, stützte Rui die Hände auf den Schreibtisch. Die Arme bebten.

Nicht die Schuld der Zahl. Die Zahl war vollkommen. Vollkommen verwaltet. So hatte sie es gehalten. Seit jener Nacht der Dreizehn. Da ihr die Zahl begegnet war und der Dunkelheit eine Kontur gab und Rui errettete. Sie hatte der Zahl weitergetraut. Traute sie ihr nicht, so kehrte sie in die Dunkelheit zurück. In die grenzenlose Furcht, in der der Körper verschwamm. Wie in jenem Sommer der Zwölf.

Die Zahl hatte Rui getragen. Als Panzer. Als Rahmen. Als Boden. Gab sie ihn auf, so ward Rui wieder das Mädchen im Dunkel.

— Doch.

Die Kontur, die in der Luft hätte verschwinden sollen, blieb im Auge. Gelblich, gerissen, verdorrt. Der weinende Körper unter dem Panzer. Das Selbst, das Rui nicht hatte sehn wollen.

Seris Wort klang im Grund des Ohrs. — Eines Tages. Hören Sie ihm zu.

Rui wies es zurück. Noch wies sie es zurück. Sie suchte sich in den Panzer der Zahl zurückzuflüchten. Wie immer. In die kalte, harte, unbewegte Zahlenkontur.

Doch im Stoßfug des Panzers war ein Riß. Er ließ sich nicht mehr schließen, wie zuvor.

Rui sah zum Glasfenster hinaus. Der Morgen von Omotesandō. Die Menschen gingen, ohne an den eignen Körper zu denken. Rui hatte sie für in der Dunkelheit gehalten. Gibt man ihnen die Zahl, so werden sie gerettet.

— Doch wer, der die Zahl fortwährend empfängt, ist der Dunkelheit am nächsten.

Diese Frage ward in Rui zum ersten Mal lebendig. Die Antwort zu sehn, lehnte sie ab.

Die Gegensprechanlage auf dem Schreibtisch meldete sich. Sakumas Stimme.

«Takatsuji-san. Ein gewisser Kurosawa aus dem Life Compass ist da. Er hat einen Journalisten des Branchenblattes bei sich.»

Ruis Hand hielt an. Kurosawa. Der Eigentümer des Life Compass. Seris Arbeitgeber.

Der Körper lügt nicht, doch die Zahl lügt — ein Mann, der so in der Branche steht.

Rui wußte nicht. Daß Kurosawa sich bewegte. Daß die Sache mit Shiori, die mit Sono, die geraubte Kontur — alles zu einem Knäul ward, das sich vor Rui erhob.

Rui erhob sich. Ein Schwindel stieg auf. Sie stützte die Hand an der Wand. Nicht die Schuld der Zahl. Die Zahl war vollkommen.

Der Riß im Panzer ward ein Stück weiter.

([Kapitel 28. Kurosawas Spruch] fortsetzen)