Teil I — Begegnung mit der Kontur

Kapitel 9. Die Zielkontur

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Rin kehrte an dem folgenden Samstagmittag in den Kreis zurück. Nur fünf Tage waren seit der letzten Messung vergangen.

Ich hatte das Licht im Meßraum unter der Erde gedämpft. Nur die indirekte Beleuchtung an der Wange warf, dumpf, ein paar Töne auf den Boden. In jener Dämmerung stieg Cohs Licht schärfer auf. Ich hatte geahnt, daß Rin etwas in Worte fassen wollte, etwas, das reifte.

«Sensei», sagte Rin, auf der Platte in der Mitte stehend, und schürfte mit der Fußspitze über den Boden. «Ich habe nachgedacht. Ich möchte so werden.»

Ich, das Maßband in der Hand, blickte auf.

Dass Rin das Wort so werden aus dem eigenen Mund gab, war zum erstenmal. Bis dahin hatte sie nur dünner werden besessen, ein Wort, das nur eine Fluchtrichtung wies. Das jetzige so werden klang anders. Es hatte ein Ziel vor sich, nicht nur ein Entkommen.

«Magst du es mir sagen?»

Rin streckte das Handy aus. Auf dem Bildschirm stand eine schmale Frau im Badeanzug. Die Taille war, balltief, eingeschnürt. Die Beine schienen fast ohne Fleisch. Im Kommentarfeld reihten sich Worte: Sehnsucht. Ziel. Vorbild.

«Ich möchte so werden wie dieser Mensch in dem Netzwerk. Schmaler. Die Taille, so weit. Die Beine auch, ein wenig schmaler.»

Ich betrachtete die Bilder eine Weile.

Ich leugnete nicht. Wer leugnet, macht dicht — das hatte ich gelernt, an Rin, und früher an mir selbst.

Aber zugleich kühle es mich am Grund der Brust. Einst war ich dieselben Bilder durchgegangen, hunderte Male, in den Nächten der Oberschule, das Handy unter der Bettdecke, der Daumen blätterte, Bild um Bild, als wäre in der Aufeinanderfolge ein Pfad, der mich aus meinem Körper herausgeführt. Dieselbe Taille, dieselben Beine, dieselbe Sehnsucht. Ich hatte versucht, sie auf meine Kontur abzutragen, und meine Kontur war nicht aufgegangen, war nie aufgegangen. Tage, da es nicht abging, nahm ich das Essen heraus. Tage, da es abging, hielt ich den Hunger für Stolz. An beiden Tagen strafte ich mich. An beiden Tagen war der Körper der Feind, und das Bild im Handy die Richterin, die mir das Urteil vorlas.

Und nun stand Rin da, sechzehn, mit demselben Bild in der Hand, und ich wußte, daß das Bild kein Bild war, sondern eine Stimme. Eine Stimme, die sagte: Du bist nicht richtig. Und ich wußte auch, daß man diese Stimme nicht bekämpft, indem man sie widerlegt. Man bekämpft sie, indem man eine andere Stimme findet, die lauter ist.

«So», sagte ich und gab Rin das Handy. «Du möchtest schmaler werden.»

«Ja.»

«Darf ich fragen?»

«Ja.»

«Schmal — und was dann?»


Rin starrte mich an.

«Was dann.»

«Daß du ein Bild hast, wie du werden willst, ist gut. Aber sag mir das, was dahinter kommt. Wenn du schmal bist, was möchtest du tun?»

Rin öffnete den Mund und hielt inne. Sie senkte den Blick. Die Fußspitze schürfte wieder den Boden.

«… Laufen, glaube ich.»

«Laufen?»

«Ich bin im Leichtathletik-Club. Mittel- und Langstrecke. Aber ich bekomme gleich keine Luft, wenn ich laufe… Bei der Übung bin ich stets die letzte, und das ist beschämend. Die Älteren sagen, ich solle besser laufen lernen, aber es geht nicht.»

Rins Stimme ward ein wenig feucht.

«Und da sah ich in den Netzwerken: Wenn man den Körper strafft, kann man besser laufen. Leichter werden heißt schneller werden. Darum, dachte ich, möchte ich vielleicht so werden.»

Ich hörte schweigend zu.

Die Hälfte davon war wahr. Wenn der Körper leichter wird, läuft er leichter, das gibt es. Aber die Schmalheit auf jenem Bild war nicht ein Körper zum Laufen. Es war ein Körper zum Angesehenwerden. Ein Körper zum Abtragen. Ein Körper, der zum Laufen gemacht ist, hat eine andere Form.

«Aber, um ehrlich zu sein, muß ich wohl nicht ganz so schmal sein. Nur — es schämt mich, beim Laufen, wenn ich nach Luft ringe. Auch im Spiegel schämt es mich.»

Rin brach hier ab. Und hob das Gesicht.

«Sensei, was möchte ich eigentlich werden.»

Diese Frage war echter als das Bild auf dem Handy. Wahrer als die Taille der Fremden.

«Hör mal», sagte ich. «Dann laß uns das Laufenwollen ein wenig ausgraben. Schmal werden ist nicht das Ziel. Besser laufen können, ist das nicht das Ziel? Schmal werden ist — vielleicht die Folge, vielleicht nicht. Aber wenn du laufen willst, baust du einen Körper, der laufen kann.»

Rin sah mich mit runden Augen an. Und nickte, langsam.


«Dann laß uns ihn zeichnen», sagte ich. «Die Kontur, wie du werden willst.»

«Kontur?»

«Die Zielkontur nennen wir das. Contura hat eine Eigenschaft, mit der über deiner heutigen Kontur die Gestalt, die du anstrebst, dünn aufgetragen wird.»

Rins Augen leuchteten ein wenig auf.

«Kann ich sie sehen?»

«Du kannst. Darf ich messen?»

«Ja.»

Ich richtete Contura. Cohs Licht umkreiste, langsam, die auf der Platte stehende Rin. Schulter. Brust. Taille. Gesäß. Oberschenkel. Der Lichtring umrundete den Körper, Maße stiegen auf. Und in der Luft erhob sich Rins Kontur, das blaßblaue Lichtgebilde.

Ein sechzehnjähriger, gerader Körper. Die Schultern noch etwas eingezogen, die Taille weich in der Linie. Die Oberschenkel begannen, fürs Laufen, ein wenig Spannung zu tragen. Ein unvollendeter, aber in Bewegung begriffener Körper.

«Das bist heute du.»

Rin betrachtete ihre Kontur, staunend, als träfe sie eine alte Bekanntschaft.

«… Ein wenig dick.»

«Beine zum Laufen», sagte ich. «Laß uns die Zielkontur zeichnen. Sag mir in Zahlen, wie du werden willst. Taille, wie weit?»

Rin warf einen Blick auf das Handy und sagte: «Achtundfünfzig.» Jetzt sei es dreiundsechzig, etwa. «Die Beine, Oberschenkel, fünfundvierzig etwa.»

«Gut.»

Ich trug die Zahlen in das Zielfeld ein.

Und — über Rins Kontur in der Luft lief eine zweite Linie.

Deutlich schmaler als die heutige. Die Taille ward tiefer eingeschnürt, der Oberschenkel schmollte zusammen. Zwei Konturen leuchteten übereinander. Heutiger Ort und Zielort. Und um die Differenz — Taille, Oberschenkel, Bauch — ward das Licht heller. Weiß, fast blendend. Als würde es drängen: trage das ab, trage das ab.

Rins Gesicht erstarrte.

«… Es blendet.»

«Ja.»

«Das — alles abtragen?»

Rins Stimme zitterte. Die Lichtlinie war zu stark. Die Strecke zwischen heute und Ziel war zu weit. Das Licht war kein Wegweiser, es sah aus wie die Schneide eines Urteils, und ich erkannte diese Schneide. Sie hatte zehn Jahre lang auf mir gelegen.

Ich sah, für einen Wimpernschlag, meine eigene Vergangenheit. Jene Zahlen. Noch soundsoviel Kilo. Noch soundsoviel Zentimeter. Das Ziel kam stets auf mich zu, um abzutragen. Abgetragen ward ich. Rin sah jetzt dasselbe, und ich wollte sie nicht dorthin schicken, wo ich gewesen war. Nicht in jene Jahre, in denen das Ziel eine Klinge war, die jeden Tag ein Stück abtrug, bis nichts mehr war, außer dem Hunger und dem Stolz auf den Hunger.


«Coh», sagte ich, die Stimme gesenkt. «Ist das nicht zu stark?»

«Das Ziel ist fern», antwortete Coh. «Je größer die Differenz zwischen Heutigem und Ziel, desto stärker das Licht. Das ist keine Strafe. Es ist nur die Entfernung.»

Ich sah Rins starres Gesicht.

«Rin, laß uns ein wenig umzeichnen.»

«Wie.»

«Das Ziel mag bleiben. Jene Kontur legen wir dorthin, als den Ort, den du einmal erreichen willst. Nur dorthin legen. Aber daß das Licht zu stark ist, heißt, das Ziel ist zu fern. Mit einem Schritt ist es nicht zu tun. Darum zeichnen wir dazwischen eine Zwischenstation.»

Ich trug neue Zahlen in Contura ein.

«In drei Monaten. Taille einundsechzig. Oberschenkel siebenundvierzig. Ein Stück voraus von heute.»

Da wandelte sich die Zielkontur. Das blendend weiße Licht erblaßte. An seine Stelle trat, zwischen der heutigen und der dreimonatigen Kontur, eine Linie in weichem Wasserblau. Die Linie war schmal. Eine Nähe, als wäre sie zu greifen.

«Das ist der erste Schritt. Das ferne Ende bleibt stehen, aber davor setzen wir einen Abschnitt.»

Rin betrachtete die Linie, aufmerksam.

«… So viel», sagte sie, und ich verstand, was sie meinte: so wenig, so erreichbar.

«Ja. So viel ist zu tun. Was tust du, um dorthin zu gelangen?»

Rin dachte nach.

«… Laufen, vermute ich. In den Club gehen. Nicht schwänzen.»

«Ja.»

«Und die Dehnung, die Sie mir gezeigt haben. Richtig machen.»

«Ja.»

«Und — Schlaf. Ich habe in letzter Zeit, bis spät in die Nacht, am Handy gelesen, und kaum geschlafen. Das, hab ich gehört, ist auch schlecht zum Laufen.»

«Schlecht. Der Körper wird im Schlaf gebaut. Wer nicht schläft, baut nicht. Der Muskel, der sich bei der Übung zerreißt, heilt im Schlaf. Der Knochen, der sich richtet, richtet sich im Schlaf. Schlaf ist kein Nichtstun. Schlaf ist eine Werkstatt.»

Rin hörte zu, und ich sah, wie die Worte bei ihr ankamen, nicht als Strafe, sondern als Nachricht. Ihr Gesicht verriet, daß sie zum erstenmal dachte: Schlaf ist etwas, das dem Körper dient. Ich erinnerte mich daran, wie ich selbst das nicht gewußt hatte, in den Jahren, in denen ich den Schlaf mied, weil im Schlaf die Zeit verstrich, in der ich hätte verbrennen können.

«Schlecht. Der Körper wird im Schlaf gebaut.»

«Dann zuerst: um elf ins Bett. Das Handy nicht ins Schlafzimmer.»

Rin sagte es selbst. Von niemandem ermahnt. Es war der Moment, da die Zielkontur in Rin sich wandelte, von einer Zahl der Strafe zu einer Kontur des Handelns. Und ich sah, wie ihre Schultern dabei sanken, ein Stück, wie die Schultern eines Menschen sinken, der eine Last ablegt, die er sich selbst aufgebürdet hatte, ohne zu wissen, daß er es tat. Die Zahlen waren nicht mehr Richterin. Sie waren Wegweiser. Und Wegweiser tragen nicht, sie zeigen nur.

Coh sagte leise:

«Seri. Die Zielkontur ist kein Maß der Strafe. Sie ist ein Wegweiser. Sag ihr das.»

Ich übersetzte diese Worte, in einfacheres Deutsch.

«Hör mal, Rin. Das Ziel ist nicht da, um dich zu strafen. Es ist da, um zu wissen, wohin man geht.»

Rin sah mich an, mit runden Augen.

«… So. Nicht zum Strafen.»

«Nein. Das Ziel macht das Gehen nur leichter. Ohne Ziel geht es auch, aber mit Ziel ist es ruhiger, nicht?»

«… Ja.»

Rins Schultern sanken ein Stück. Die Spannung wich, und ich sah, wie das Mädchen, das da stand, ein wenig mehr wurde zu dem Mädchen, das sie sein könnte, wenn niemand ihr sagte, wie sie zu sein hätte. Die wasserblaue Linie leuchtete, still, über ihrer Kontur, und sie hatte nichts von einer Klinge. Sie hatte etwas von einer Hand, die in eine Richtung weist, ohne zu drängen.


Während Rin sich umzog, blieb ich allein im Kreis.

In der Luft war niemandes Kontur mehr. Nur Contura wartend, dünn leuchtend.

«Seri», sagte Coh. «Du könntest es auch zeichnen.»

«Meine?»

«Deine Zielkontur.»

Ich zögerte.

Die eigene Gestalt, die ich anstrebte. Ich hatte sie lange nicht gedacht. In den Jahren der Eßstörung war die Gestalt, die ich anstrebte stets das Werkzeug der Strafe gewesen. Noch soundsoviel Kilo. Noch soundsoviel Zentimeter. Das Ziel war stets die Zahl, mit der ich mich geißelte. Darum war mir das Ziel-Haben selbst furchtbar. Ziel-Haben war mit Sich-Strafen gleichgesetzt.

«… Furchtbar.»

«Furcht darf sein», sagte Coh. «Aber einmal zeichne. Die du heute bist, mag sie vielleicht nicht als Strafe, sondern als etwas anderes zeichnen.»

Ich richtete Contura von neuem. Und maß mich.

Der Lichtring umfuhr meinen Körper. Schulter. Brust. Taille. Gesäß. Oberschenkel. Zahlen stiegen auf, und in der Luft erhob sich meine Kontur. Breite Schulter, flache Taille, feste untere Glieder. Die vertraute eigene Gestalt.

«Die Gestalt, die ich anstrebe», sagte ich leise.

Die Schmalheit einer Modelfigur? — Nein. Das ist nicht mehr meine Geschichte. Die Muskeln einer Sono? — Sehnsucht, ja, aber für die heutige ich zu fern.

Was dann.

Ich dachte nach. Und ein Wort stieg auf.

Den Kern bauen.

FFMI. Die Kernzahl. Meine ist noch niedrig. Die verborgene Grundkraft des Muskels reicht nicht. Sie, Stück für Stück, aufschichten. Einen Körper, der das Gewicht nicht fürchtet. Einen Körper, den die Zahlen nicht schütteln. Einen Kern, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Es war merkwürdig. Die ich von vor einem halben Jahr hätte das Wort Muskeln aufbauen nicht aussprechen können. Muskel ist schwer. Schwer war mir lange Feind. Daß die Zahl der Waage stieg, daß die Kontur im Spiegel breiter ward — das war alles Niederlage. Aber heute wünsche ich, dieses Schwer mir zu eigen zu machen. Wie Rin laufen will. Auch ich wollte einen Ort, auf eigenen Beinen zu stehen.

«In drei Monaten», trug ich in Contura ein. «Das Gewicht darf steigen. Muskel. Die FFMI, ein wenig.»

Die Zielkontur ward gezeichnet.

Über meiner heutigen Kontur lag die von in drei Monaten. Die Schulter spannt ein wenig mehr. Die Taille ward, weil der Muskel kommt, verhältnismäßig ein klein wenig tiefer. Der Oberschenkel strafft sich.

Die Lichtlinie war nicht stark. Das Ziel war nicht fern. Eine Nähe, als wäre sie zu greifen. Weiches, wasserblaues Licht.

Ich sah die Linie an und ward eines merkwürdigen Gefühls gewahr, eines Gefühls, das ich nicht einordnen konnte, weil ich es nie gekannt hatte.

Das war keine Strafe.

Ein Ziel als Sanftheit mir selbst — gezeichnet zu haben, war vielleicht das erstemal. Zuvor war das Ziel stets das Maß des Noch-nicht. Noch nicht. Nicht genug. Mehr. Stets eine Abrechnung mit dem, was fehlte, und die Abrechnung war täglich, stündlich, bei jedem Blick in den Spiegel, bei jedem Tritt auf die Waage. Aber heute, diese wasserblaue Linie, drängte mich nur: geh dorthin. Sie strafte mich nicht. Am Ende der Linie war keine Strafe, sondern die Verheißung, daß die ich in drei Monaten dort wartete, und ich hatte das Gefühl, als würde mir jemand entgegenkommen, der meine Züge trug und freundlich war.

«… Eine schöne Kontur», sagte Coh leise.

«Coh.»

«Hm.»

«Kann ich, mit dieser, gehen.»

«Gehen kannst du», sagte Coh, sanft. «Du bist schon gegangen. Seit jener Nacht, da du dich selbst gemessen hast, gehst du. Du hast es nur noch nicht gemerkt, weil das Gehen still ist und das Alte laut. Aber das Alte wird leiser. Das Gehen wird hörbar. Laß dir Zeit.»


Rin kam umgezogen zurück. Über dem Sportzeug trug sie einen Hoodie.

«Sensei, das hier», sagte Rin und zeigte auf den Bildschirm von Contura. «Darf ich fotografieren und mitnehmen?»

«Natürlich.»

Rin photographierte — ihre heutige Kontur, die dreimonatige Zielkontur, und die weiche Linie dazwischen.

«Wenn ich das ansehe, wird mir irgendwie ruhig. Nicht so sehr ein Ziel, mehr ein Wegweiser.»

«Ein Wegweiser.»

«Ja. Weil ich weiß, wohin ich gehe. Weil ich nicht irre. Weil ich nicht eilen muß.» Rin hielt inne. «Daß ich durchs Scrolling jener Frau nacheiferte und es eilig hatte — das fühlte sich fern an. Diese Linie hier fühlt sich eher wie meine an.»

Rin drückte das Handy an die Brust, und die Geste war, als hielte sie etwas Festes, etwas, das sie brauchen konnte, wenn das Scrolling sie wieder anzugreifen versuchte.

«Sensei, danke. Bis nächsten Monat.»

«Ja. Laß uns messen. Geschichten haben Frische.»

«Ich erinnere mich. Die Füße, die sich bewegt haben — das bin heute ich, nicht.»

Rin lachte und rannte die Treppe hinauf. Der Gang war, sicher, leichter als beim Kommen.


Im leer gewordenen Kreis sah ich zu, wie das Licht in der Luft verging.

Coh sagte leise:

«Seri. Das Werkzeug ist beisammen.»

«Werkzeug?»

«Der Konturblick. Die Messung. Das Geschichtenlesen. Die Kernzahl. Der Körpertyp. Die Frische der Geschichte. Und die Zielkontur. Das Werkzeug der Lesenden liegt, vollständig, in deiner Hand.»

Ich sah auf meine Hand. Nichts hielt sie. Aber gewiß war etwas darin.

«Aber ich komme mir noch nicht wie eine Lesende vor.»

«Weshalb.»

«Nur weil man das Werkzeug hat, ist man noch nicht die Lesende. Es fehlt der Name.»

«Der Name.» Coh ließ einen Moment zu. «Der Name der Lesenden. Den kann ich nicht geben. Den mußt du selbst finden.»

«Dann muß ich ihn finden.»

«Finde ihn.»

Ich steckte Contura in die Tasche, stieg die Treppe aus dem Kreis. Von oben, aus dem Studio, hörte ich Sonos Lachen, von weitem.

Draußen war der Abendhimmel von Aoyama lachsfarben. Die Menschen eilten zum Bahnhof.

Ich hielt inne und sah den Himmel an.

Die Zielkontur. Das Ziel. Der Wegweiser. Ich trug mein Ziel in der Tasche, ein weiches, wasserblaues Licht. Es war nicht da, mich zu strafen, sondern eine kleine Verheißung, die ich mir selbst gegeben hatte.

Der Name der Lesenden.

Der war noch nicht gefunden. Aber das Werkzeug, ihn zu suchen, lag bereit. Das Werkzeug, die Kontur zu lesen, das Werkzeug, das Ziel zu zeichnen, und die Einsicht, das Ziel nicht als Strafe, sondern als Wegweiser zu halten. Nun noch mußte ich den Namen selbst auflesen.

Ich ging zum Bahnhof. Neben mir lief ein Kind, schnell. Mir kam ein alter Mann entgegen, langsam. Jeder trug die eigene Kontur, die eigene Geschichte. Und ich fragte mich, beim Gehen, wie viele von ihnen ein Ziel hatten, das ihnen Feind war, und wie wenige eines, das ihnen Wegweiser war. Ich wollte zu den letzteren gehören. Ich wollte den Namen der Lesenden finden, und ich wollte, wenn ich ihn gefunden hatte, ihn nicht als Krone tragen, sondern als ein Wort, das mir half, weiterzulesen.

In ihrer Mitte, mein Schritt.

([Kapitel 10. Der Name der Lesenden] fortsetzen)