Teil II — Sechs Geschichten, die der Körper erzählt
Kapitel 12. Das Mädchen aus Glas
Alle KapitelEin Dienstag gegen Ende Juli, als die Regenzeit noch nicht ganz weichen wollte.
Um drei Uhr nachmittags, während Sono auf der Flur einen Kunden betreute, summte die Gegensprechanlage am Empfang. Kurosawa rief mich heran. «Himuro, eine Neubuchung. Der Nachmittagstermin um vier ist noch frei, nicht.»
Ich trat an den Empfang. Vor der Glastür stand eine große Frau.
«Verzeihen Sie — hier könnte man den Körper vermessen lassen, so hieß es.»
Die Stimme war gepflegt. Durchsichtig, von höflichen Worten getragen. Doch in der Tiefe dieses Tons war etwas — eine Leere. Ein Klang, der wohl tonte, aber keinen Inhalt trug. Wie ein leerer Krug, an den man klopft.
«Ja. Willkommen. Im Life Compass.»
Ich formte ein Lächeln und nahm die dargebotene Hand.
Sie war kalt.
Obwohl der Juli-Nachmittag heiß und feucht war, waren ihre Finger kalt wie winterliches Metall. Die Temperatur eines halb geschmolzenen Eisstücks am Rande eines Glases. Keine Feuchte. Nur Kälte.
«Ich heiße Shindō Shiori.»
Shindō Shiori. Dreiundzwanzig Jahre. Fashion-Model, sagte sie. Magazin, Laufsteg, Arbeiten für die sozialen Netze.
Ich betrachtete sie.
Genauer: Ich tat so, als betrachtete ich sie nicht. Aus der Gewohnheit des Trainerberufs lese ich, wenn ich einen Menschen sehe, unwillkürlich die Haltung und den Sitz des Muskels. Doch Shioris Körper zu betrachten fühlte sich an wie ein heimliches Vorbeisehen. So nackt lag er vor Augen.
Das Wort schlank reichte nicht. Der Hals war schmal, das Schlüsselbein trat unter der Haut hervor, die Arme waren von zerbrechlicher Feinheit. Es war, als trüge das Kleid den Körper, nicht der Körper das Kleid. Das Gesicht war in der Tat schön. Eine geschliffene Kontur, die einen glauben machte, sie müsse Model sein. Doch diese Schönheit war die der Glaskunst. Geschliffen, durchscheinend, und jederzeit bereit zu zerspringen.
«Was wünschen Sie sich», sagte ich und zog den Empfangsstuhl zurück.
Shiori wartete einen Schlag.
«Ich möchte noch ein wenig fester werden.»
Als ich diese Worte hörte, sank in der Tiefe meiner Brust etwas — kalt, schwer — zu Boden.
«Fester werden, sagen Sie —»
«Die Taille, um zwei Zentimeter. Und die Beine, hier etwa, die möchten ich schlanker haben.»
Shiori zeigte auf ihre Hüfte und die Oberschenkel. Die Finger, mit denen sie zeigte, waren knöchern und dünn.
Ich wählte die Worte sorgsam.
«Wie sieht es gegenwärtig aus, mit dem Essen und der Bewegung?»
«Auf das Essen achte ich. Kohlenhydrate lasse ich weg, so gut ich kann. Die Zeit, in der ich esse, halte ich innerhalb von sechs Stunden.»
Sechs Stunden. Das hieß: achtzehn Stunden lang aß sie nichts.
«Und die Bewegung?»
«Das Fitnessstudio, viermal die Woche. Ausdauer, jedes Mal neunzig Minuten. Dazu Pole-Pilates.»
Ich hielt das Gesicht ruhig. Das Gesicht der Trainerin. Doch der Magen zog sich zusammen.
Das war keine Mühe, schlank zu werden. Das war ein Grabenkrieg, die Schlankheit zu verteidigen.
«Ihre Arbeit — Sie sind Model —»
«Ja. Im nächsten Monat habe ich eine Aufgabe für die Pariser Kollektion, hier in Japan. Ein Kleid, das mich unbedingt in jener Größe tragen muß.»
Shiori sprach gleichgültig. Mit hohler, erschöpfter Stimme. Als spräche sie über den Körper eines anderen.
Als sie jene Größe sagte, sah ich ihr in die Augen. Große, schöne Augen. Doch das Licht in ihnen war dünn. Keine Lebenswärme. Ein ruhender Glanz, wie Glas.
Ich spürte, wie meine eigene Hand kalt wurde. Nicht Shioris Kälte. Die Kälte meiner eigenen Erinnerung.
«Darf ich Sie um einen Moment bitten.»
Ich führte Shiori zu dem Stuhl vor dem Kreis, dem Meßraum unter der Erde, und sagte: «Bevor wir messen, möchte ich Sie etwas fragen.»
Dann erhob ich mich unter dem Vorwand, die Toilette aufzusuchen, stieg die Treppe ein Stück hinauf und trat in den leeren Flur. In der Brusttasche des Polohemdes trug das Handy eine leichte Wärme.
«Coh.»
«— Ich habe zugehört, Seri.»
Cohs Stimme klang aus der Tiefe hinter den Schläfen.
«Diese Frau ist in Gefahr.»
«Ja.»
«Zieht sie noch fester, reißt sie. Der Körper ist nahe am Äußersten.»
«Nahe am Äußersten, würde ich sagen. Die angeborene Schmalheit des Ektomorphen ist weit überschritten. Sie hat sich selbst weggeschnitten.»
Ich lehnte den Rücken an die Wand.
«Wie soll ich lesen.»
Coh wartete einen Augenblick.
«Seri. Ein Lesender liest den anderen durch die eigene Wunde hindurch.»
«Die eigene Wunde.»
«Du hast einst deinen Körper als Feind bekämpft. Diesen Schmerz. Er lehrt dich heute, was du an diesem Körper lesen kannst. Ein Lesender ohne Wunde liest nur die Oberfläche. Ein Lesender mit Wunde liest bis in den Grund.»
Ich biß mir auf die Lippe.
«Heißt das nicht — ich mache mir meinen Schmerz zum Werkzeug des Vorbeisehens?»
«Das heißt es. Wenn du es falsch gebrauchst. Darum gibt es die Gebote. Die Geschichte, die du liest, gehört dem Menschen. Mit deiner Wunde darfst du ihre Geschichte nicht umschreiben. Was du vermagst, ist: zu hören, was ihr Körper spricht. Behutsam. Und es ihr zurückzugeben. Nichts weiter.»
«… Verstanden.»
Ich atmete tief ein. Und stieg hinab.
Als ich zum Stuhl zurückkam, betrachtete Shiori stumm ihre eigene Hand. Eine knöcherne, weiße Hand.
«Shiori-san.»
«Ja.»
«Ich werde Sie gleich messen. Doch vorher darf ich Sie eine Frage fragen.»
«Bitte.»
«Weshalb sind Sie ins Life Compass gekommen?»
Shiori senkte ein wenig die Augen.
«— Eine Freundin hat es mir genannt. Hier sei die Messung ein wenig anders, sagte sie. Nicht nur Zahlen. Irgendetwas vom Körper, ein Ganzes, könne man sehen.»
«Ein Ganzes.»
«Ja. Ich habe mich schon an vielen Orten messen lassen. Im Studio, in der Klinik. Körperfettanteil, Muskelmenge, BMI. Alles Zahlen. Aber jedesmal, wenn ich diese Zahlen sah —»
Shiori brach ab.
«— kam mir Angst. Als würde mich die Zahl richten.»
Ich nickte. Ich verstand es bis in den Schmerz.
«Shiori-san, ich bitte vor jeder Messung um Erlaubnis.» Ich sagte es leise. «Darf ich die Kontur Ihres Körpers lesen. Was ich lese, gehört Ihnen. Ich werde es niemandem ohne Ihren Willen sagen.»
Shiori öffnete die Augen ein Stück. Und nickte, klein.
«— Ja. Bitte.»
Der Kreis unter der Erde war still. Die Wandleuchte legte ein fahles Orange auf den Boden.
«Bitte entspannen Sie sich und stehen Sie.»
Shiori hatte sich in Sportkleidung gewandelt und stellte sich in die Mitte des Kreises. Unter der Kleidung trat die Schmalheit erst recht hervor. Vom Oberarm bis zum Ellenbogen zeigte sich der Knochen gerade. Der Oberschenkel war so schmal, daß eine Hand ihn faßte.
Ich stellte das Handy auf. Contura startete.
«Schließen Sie die Augen.»
Blaßblaues Licht fuhr über Shioris Körperfläche, als zeichnete es nach. Lichtteilchen strömten von den Fingerspitzen, vom Hals, von der Schulter, von der Hüfte fort. Der Lichtring umfuhr den Körper, und weiße Zahlen stiegen in die Luft.
Schulterbreite 35 Brustumfang 76 Taillenumfang 56 Hüftumfang 79
Ich hielt den Atem an. Taillenumfang 56. Mehr als zehn Zentimeter schmaler als der Durchschnitt der erwachsenen Frau.
Der Lichtring fuhr weiter. Hals, Oberarm, Unterarm, Knie, Knöchel. Zahl auf Zahl stieg auf und verband sich zur Linie. Und in der Luft erhob sich der Lichtkörper in der Gestalt von Shioris Körper.
Er war schön.
Ich dachte es aufrichtig. Eine Kontur von der Feinheit der Glaskunst, geschliffen und durchscheinend. Klarer noch als die bekleidete Shiori sprach er ihr Wesen aus. Das hervortretende Schlüsselbein, die flache Brust, die Linie von der Taille zur Hüfte, fast gerade. Jene Silhouette, die die Mode liebte.
Doch zugleich war er schmerzvoll.
«Der Typ ist ektomorph», sagte Cohs Stimme in mir. «Angeboren schmal, lang, mit Neigung zu wenig Fett. An sich ist das kein Vorzug und kein Mangel.»
«Aber.»
«Dieser Körper hat das Maß des Ektomorphen überschritten. Die angeborene Schmalheit ist weit übertroffen. Knochen und Haut, und dazwischen fehlt, was den Raum füllt.»
Der Lichtkörper wurde durchscheinend. Unter der Haut — ich staunte über die Dürftigkeit der Fettschicht — stieg dahinter ein rötliches Licht auf, der Muskel. Doch es war dünn. Dünner als meine 13,8. Kein Muskel, eher der letzte Glutrest eines Muskels, ein unsicheres Rot.
In der Luft stieg eine Zahl auf.
Kernzahl 13,0
Und daneben ein Vermerk.
Ihre Kernzahl liegt deutlich unter dem Durchschnitt Ihrer Altersgruppe.
«13,0 …»
Eine niedrige Zahl, am selben Ort wie die meine. Doch die Bedeutung war eine andere. Ich hatte zehn Jahre lang den Körper bekämpft und den Muskel abgetragen. Shiori hatte sich, angetrieben von der Forderung nach Schönheit, den Körper selbst weggeschnitten. Das Ende war dasselbe. Doch die Klinge hatte eine andere Form.
Shiori öffnete die Augen und sah ihre Kontur. Ich wußte nicht, was in ihrem Gesicht lag. Überraschung vielleicht. Oder die stille Beruhigung dessen, was man lange geahnt hatte und nun in Zahlen bestätigt sah.
«Ich lese», sagte ich.
Die Lichtteilchen sammelten sich, wurden eine Linie, wurden Schrift.
Dein Körper hat, um schön zu sein, die Klinge verschluckt. Du darfst sie jetzt ausspucken.
Shiori las.
Und sagte nichts.
Eine lange Stille. Die Wandleuchte im Kreis glühte, ohne sich zu rühren, orange. Shioris Schulter bebte ein wenig.
«Die Klinge», sagte Shiori endlich. «Ich habe sie verschluckt. Die ganze Zeit.»
«Shiori-san —»
«Ich bin seit vierzehn in diesem Beruf. Seitdem, die ganze Zeit. Werde schmaler, hieß es. Am Anfang, gewiß, nur ein wenig. Doch es reichte nicht. Mehr, mehr. Ich nahm das Brot weg, dann das Öl, dann eines Tages nur den halben Apfel am Tag. Und es hieß noch: es reicht nicht.»
Shioris Stimme bebte.
«Wenn der Hunger kommt, zittern die Hände, und ich kann nicht arbeiten. Doch wenn ich nicht esse, gelingen die Bilder schöner. Der Fotograf lobt. Der Redakteur lobt. Diese Statur, vollkommen, sagen sie. Darum hielt ich mich leer. Die ganze Zeit.»
Ich konnte nichts sagen.
«Seit wann es war, weiß ich nicht mehr. Aber wenn ich aß, kam Schuld. Wenn der Bauch nach dem Essen voll war, kam mir vor, als sei ich unrein. Darum —»
Shiori brach ab. Und lächelte dünn. Dieses Lächeln glich einem Riß in der Glaskunst.
«— Verzeihen Sie. Beim ersten Besuch so etwas zu sagen.»
«Verzeihen Sie sich nicht», sagte ich. «Daß Sie hierher kamen und sprachen, dafür danke ich.»
Ich erinnerte mich meiner eigenen Vergangenheit. Wie ich nachts den Kühlschrank öffnete. Wie ich auf dem Fußboden der Toilette saß und weinte. Wie ich mich morgens auf die Waage stellte und die Zahl mir den Tag zerbrach.
Shioris Schmerz und meiner waren nicht derselbe. Doch wir hatten eine Klinge von derselben Art verschluckt. Ich hatte gegessen und beschränkt, um mich zu strafen. Shiori hatte, weil man es von ihr verlangte, das Essen weggeschnitten, um schön zu sein. Die Form der Klinge war verschieden. Doch der verschluckte Schmerz stach am selben Ort.
Eine Träne fiel aus Shioris Auge. Still. Wie eine klare Tropfe, die vom Auge einer Glasfigur springt und zerbricht.
«Ich —», sagte Shiori mit zitternder Stimme, «ich sollte schön sein, hieß es immer. Doch das —»
«Eine Strafe.»
Shiori hob den Blick und sah mich an.
«— Ja. Es war eine Strafe. Die Strafe der Schönheit. Sie haben sie mir die ganze Zeit auferlegt.»
Ich sagte leise:
«Shiori-san. Ich bin Trainerin. Ich kann den Körper messen und bei der Bewegung helfen. Doch Ihr gegenwärtiger Körper, fürchte ich, läßt sich nicht im Studio, nicht durch eine App, nicht durch mich in Ordnung bringen.»
Shiori hörte schweigend zu.
«Die Klinge, die Sie verschluckt haben — sie sind zu viele, um sie allein auszuspucken. DarumRate ich: lassen Sie sich von Fachleuten helfen. Ein Arzt, der Eßstörungen behandelt. Ein klinischer Psychologe. An einem ehrlichen Ort der Medizin.»
«Ein Krankenhaus.»
«Ja. Es ist keine Schande. Es ist vielmehr der Ort, an dem Sie Ihren Körper zurückerobern, um zu leben.»
Shiori betrachtete ihre kalte Hand. Dann sah sie hinauf zur Lichtkontur — der Lichtkörper, der noch immer als dünne Gestalt in der Luft schwebte, ihr eigener.
«Nicht schmal werden, sagen Sie.»
«Ja. Den Körper zurückerobern, um zu leben. Das ist es, was Sie brauchen.»
In der Tasche spürte ich, wie Contura ein wenig Wärme trug. Coh sagte nichts. Doch sein Schweigen war Zustimmung.
Shiori betrachtete lange ihre Kontur. Die Glaskontur. Der Lichtkörper, schön und zerbrechlich und bis an die Grenze weggeschnitten.
Dann nickte sie, klein.
«Morgen — werde ich in ein Krankenhaus gehen.»
Die Stimme war noch immer hohl. Doch auf dem Grund des leeren Kruges schien, wie ein kleiner harter Stein, ein Entschluß zu liegen.
Nachdem Shiori gegangen war, ließ ich mich auf den Boden des Kreises sinken.
Der Lichtkörper war verweht. Doch in der Luft schien das Nachbild der Glaskunst zu bleiben.
«Coh.»
«Hm.»
«Ich habe meine Vergangenheit gebraucht. Beim Lesen von Shioris Körper bin ich durch die eigene Wunde gegangen.»
«Ja.»
«Darf man das.»
Coh wartete einen Schlag.
«Ob es erlaubt ist, entscheidet der gelesene Mensch. Nicht du, der du dich selbst richtest.»
«Hat sie — etwas empfangen.»
«Sie hat empfangen. Sie sagte, sie werde morgen ins Krankenhaus gehen.»
«Ja.»
«Seri. Dein damaliger Schmerz war nicht umsonst. Die Jahre, da du den Körper bekämpftest, hungertest, weintest — sie sind heute zur Wunde geworden, durch die du den Schmerz eines anderen verstehst.»
Ich schloß die Augen. Wieder stiegen Tränen.
Meine Vergangenheit war zur Wunde geworden, die jemanden retten half.
Das war eine schmerzhafte Rettung. Eine, die sich nicht beschönigen ließ. Doch sie war, gewiß, eine Rettung.
Ich umschlang meine eigene Schulter. Damit sie sich nicht zusammenzog. Damit sie sich öffnete. Die Schulter, die ich jene Nacht vor dem Spiegel zum erstenmal gelöst hatte.
«Coh.»
«Hm.»
«Danke.»
«— Ja.»
Von oben über die Treppe fiel Sonos Stimme herab. «Himuroo? Der nächste Kunde ist daaa.»
Ich wischte mir das Gesicht und stand auf.
Das Mädchen aus Glas wird morgen ins Krankenhaus gehen.
Ich aber werde hingehen, die Geschichte des nächsten Körpers zu lesen. Auch der nächste, der diese Tür drückt, wird etwas auf den Schultern tragen, auf der Hüfte oder an einem unsichtbareren Ort. Eine Last, die schwer ist.
Vielleicht war der Körper, der als Nächstes kommt, nicht aus Glas. Vielleicht aus Stein. Oder aus einem Stoff, dessen Namen ich noch nicht kenne. Doch alle warten sie auf die Buchstaben, die ich lese.
Ich verstaute Contura in der Tasche und stieg die Treppe hinauf. Der Nachmittag in Aoyama war noch hell. Die Zikaden sangen.
([Kapitel 13. Der tragende Rücken] fortsetzen)
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