Teil II — Sechs Geschichten, die der Körper erzählt

Kapitel 18. Der Nacken des Gemahls

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Wiederbegegnung

Ein sonniger Mittwoch in der Pause der Regenzeit, selten genug. Misaki-san war wiedergekommen.

Diesmal nicht allein.

Die Tür am Eingang öffnete Misaki-san. Doch hinter ihr stand ein zweiter, großer Mann. Graues Polohemd, schwarze Hose. Ein Mann Mitte vierzig, der ein wenig die Seite barg, als achte er seiner. Der Hals stand ein wenig vor.

«Himuro-san, lange nicht gesehen.»

Misaki-san verneigte sich flink. Die Misaki-san, die ich nach drei Monaten wiedersah, war eine andere als jene, die damals im Kreis geweint hatte. Die Schatten unter den Augen waren dünner. Die Stimme war ruhiger als damals. Unter dem weiten Cardigan trug sie ein T-Shirt, das dem Körper folgte. Sie verbarg die Brust nicht mehr.

«Ich grüße Sie. Ich habe heute meinen Mann mitgebracht.»

Der Mann warf mir einen Seitenblick zu.

«Takanashi. Kensuke. — Meine Frau sagt, Sie haben sich um sie verdient gemacht.»

Eine etwas schroffe Rede. Doch es lag der Hauch des Mitgebrachtwordenseins darin, mehr als der des Mitbringens. Misaki-san lächelte von der Seite ein wenig entschuldigend.

«Er selbst will nicht recht. Aber ich habe unbedingt gewollt.»

«Nun, nicht daß ich nicht wollte. Nur: Nacken, Schulter, steif, das ist alles, nichts Besonderes.»

Kensuke drehte den Hals. Ein dumpfes Knirschen. Misaki-san verzog das Gesicht.

«Siehst du, dieser Ton. Und Kopfschmerzen, sagt er. Ins Krankenhaus, daran kommt er nicht —»

«Schon gut, schon gut. Ich bin ja da.»

Kensuke gebot mit der Hand. Er war seiner Frau zugeneigt, doch am eigenen Körper achtlos. Ich sah hinter dieser Achtlosigkeit etwas. Eine Gewohnheit, seiner selbst nicht zu achten. Oder eine Übung, den eigenen Körper als Werkzeug zu brauchen.

«Himuro-san, können Sie das, was Sie damals bei mir getan haben, auch bei ihm machen.»

Misaki-san sah mir gerade ins Gesicht. Der Blick von damals, als sie mit beiden Händen den Bauch gehalten hatte. Ich nickte.

«Ich kann. Doch nur, wenn Kensuke-san selbst einwilligt. Es ist die Geschichte seines Körpers.»

Kensuke sah zu Misaki-san. Misaki-san nickte klein.

«Ich mach mit. Die Frau hat sich so verändert. Wenn das dein Verdienst ist, nun — einmal.»

«Danke.»

Ich verneigte mich.

«Bitte in den Kreis.»


Der Kreis

Der Kreis unter der Erde. Betonwand, graue Matte. Nichts hatte sich verändert seit ich vor einem halben Jahr Misaki-san hierher geführt hatte. Doch ich kannte inzwischen den Sinn dieses Raums. Ein Gefäß, in dem der Körper ungeschmückt stehen darf.

Kensuke trat auf den Kreis und sah zur Decke.

«Gar nichts hier.»

«Nichts, und das ist gut. Hier darf man ungeschmückt sein.»

Kensuke lachte ein wenig durch die Nase.

«Ohne alles wird mir eher unbehaglich.»

Er trat dennoch, in den Hausschuhen, in die Mitte des Kreises. Er öffnete den Kragen des Polohemdes ein Stück. Die Gegend des Schlüsselbeins war hart.

«Kensuke-san. Schließen Sie bitte die Augen.»

«Ja.»

Kensuke schloß die Augen. Zwischen den Brauen zog sich eine Falte. Das Gesicht, das geronnen war.

Ich startete Contura.

Contura Der Körper spricht deine Geschichte.

«Coh.»

«Ja. Ich lese seinen ganzen Körper, behutsam. Besonders den Nacken und die Schulter. Was er getragen hat. Die Ursache der Verdrehung will ich im Licht entfalten.»

Das Licht lief.

Blaßblaue Teilchen quollen aus Conturas Schirm und fielen wie Schnee auf den Kreis, in dem Kensuke stand. Die Teilchen begannen, die Oberfläche seines Körpers nachzufahren. Schulter. Schlüsselbein. Rücken. Lende. Gesäß. Oberschenkel. Der Lichtring umfuhr ihn vielfach. Mit Kensukes Atem schwankte das Licht ein wenig.

Und in der Luft erhob sich der Lichtkörper, sanft.

Kensukes Gestalt.

«Sie dürfen die Augen aufschlagen.»

Kensuke öffnete die Augen. Er sah die eigene Kontur neben sich und hielt den Atem an.

«— Das bin ich.»

«Ihr Körper.»


Der vortretende Hals

Der Lichtkörper trug keine Kleidung. Doch es lag nichts Anstößiges darin. Nur die Kontur eines Menschen. Und diese Form zeichnete die Gewohnheit von Kensukes Körper ohne Verbergung.

Zuerst der Hals.

Der Hals stand vor. Die Linie vom Ohrläppchen zur Schulter, eine gerade Linie, die eigentlich fallen sollte. Das Ohr hätte über der Schulter stehen müssen. Doch Kensukes Hals neigte sich fünfzehn Grad nach vorn. Das Kinn trat vor. Der Schwerpunkt des Kopfes schwebte nicht über der Körpermitte, sondern nach vorn.

Dann die Schulter.

Beide Schultern waren nach vorn gerundet. Der Winkel des Schlüsselbeins nicht gerade, sondern ein wenig einwärts geneigt. Und vom Ansatz des Halses zur Schulter — dort, wo der Trapezmuskel läuft — erhob sich ein Berg. Beide Schultern waren zum Ohr hin hochgezogen. Schultern, die fallen sollten, schwebten in Anspannung.

«… Derb.»

Kensuke betrachtete seine Kontur und murmelte.

«Ich wußte es selbst. Wenn ich im Spiegel von der Seite sehe — der Hals. Aber daß er so weit vortritt, dachte ich nicht.»

«Ihre Frau hat gesagt: Kopfschmerzen. Nacken, Schulter, steif.»

«Ja. Nachmittags wird der Kopf schwer. Im Krankenhaus, auf dem Röntgenbild, zeigt sich nichts. Aber weh tut es.»

«Daß nichts zu sehen ist, und daß keine Last liegt, sind zweierlei.»

Ich sagte es. Kensuke sah mich ein Stück an.

Zahlen stiegen in die Luft.

Halsumfang 39 Schulterbreite 45 Brustumfang 98 Taillenumfang 88 Hüftumfang 96

Und ein Wert, der den Winkel des Halses zeigte. Die Neigung von der Schulter zum Hals. Die Lage des Kopfes. Coh trug es gleichmütig zusammen.

«Seri. Sieh seinen Hals.»

Cohs Stimme hinter den Schläfen.

«Die Kurve des Halswirbels ist fast verschwunden. Eigentlich biegt sich der Halswirbel sanft nach vorn. Doch durch die Bewegung, das Bild auf den Schirm zu drängen, hat er sich völlig gestreckt. Ein Zustand, den man gerader Hals nennt. Der Trapezmuskel ist Tag und Nacht angespannt, um den vorgeneigten Kopf zu halten. Jene Wölbung ist das Zeichen, daß der Muskel den Kopf verzweifelt stützt. Doch er hat sich übernommen und ist erschöpft.»

«Ein Vierteljahrhundert vor dem Bildschirm, sagen Sie.»

«So. Fünfundzwanzig Jahre Lebensgewohnheit sind in diesen Hals gegraben. Am Schreibtisch, Tastatur, auf den Bildschirm geblickt. Der Kopf ward immerfort nach vorn gezogen. Der Trapezmuskel spannte sich jedesmal, um den Kopf zu halten. Acht Stunden am Tag, zehn Jahre, zwanzig Jahre. Sein Hals hat durchgehalten und ist erschöpft.»

Ich wandte mich Kensuke zu.

«Kensuke-san. Ihr Nacken und Ihre Schulter sind durch langes Vor-dem-Bildschirm-Sitzen geronnen. Die Last hat sich geschichtet. Darum die Kopfschmerzen.»

Kensuke griff an seinen eigenen Hals. An den leiblichen. Der harte Muskelwulst. Der Trapezmuskel der Lichtkontur und der leibliche Hals — dieselbe Form.

«So. Mein Hals spricht.»

Es klang schroff, doch zustimmend.


Zwei Konturen

Da öffnete Misaki-san den Mund.

«Himuro-san. Darf ich mich auch messen lassen. Neben Kensuke, nebeneinandergestellt.»

Ich staunte ein wenig.

«Selbstverständlich.»

Misaki-san trat auf den Kreis. Neben Kensuke. Lichtteilchen liefen erneut, und Misaki-sans Kontur erhob sich.

Die Kontur von damals — die einst den Schnitt der Geburt redlich gezeichnet hatte — hatte sich verändert.

Die Rundung des Bauches war ein wenig geblieben. Doch die Weichheit des Unterbauchs war fester als zuvor. Die Gewohnheit, die rechte Schulter vor zu legen, war noch da. Doch die Höhen des Gesäßes hatten sich angeglichen. Und über der Schulter und dem Rücken saß der Muskel besser als damals. Die Kraft des Körpers, die im Kindtragen und -verfolgen und -Erziehen erwachsen ward.

Zahlen stiegen auf.

Halsumfang 34 Schulterbreite 38 Brustumfang 84 Taillenumfang 72 Hüftumfang 90

Ich betrachtete die beiden Konturen, nebeneinander.

Kensuke und Misaki. Fünfundvierzig und dreißig. Der Abteilungsleiter einer IT-Firma und die Mutter. Die Geschichte der beiden Körper, Seite an Seite.

Kensukes vortretender Hals. Der gewölbte Trapezmuskel. Die gerundete Schulter. Der Körper, der in der Arbeit geronnen war.

Misakis ein Stück vorgehende rechte Schulter. Die noch gebliebene Bauchrundung. Doch der Muskel auf dem Rücken. Der Körper, der in der Kinderpflege geschmiedet ward.

Und das Gemeinsame. Beide tragen etwas. Kensuke trägt die Arbeit und läßt den Nacken hart werden. Misaki trägt die Kinder und läßt die Schulter vorgehen.

«— Ähnlich, nicht.»

Kensuke murmelte es.

«Nacken, Schulter, gerundet. Ich wie du.»

Misaki-san sah ein wenig erstaunt.

«So, meinst du. Ich war nach der Geburt so schlaff.»

«Nein. Ich kauerte am Schreibtisch. Du hieltest das Kind. Der Grund ist verschieden, aber der Körper sieht in dieselbe Richtung.»

Ich hörte den beiden zu. Und ich begriff.

Die Körper der Eheleute, die in je eigenem Leben je eigene Last tragen. Doch die Spur der Last gräbt sich an ähnlicher Stelle ein. Schulter, Nacken, Rücken. Der Körper derer, die für jemanden etwas tragen, biegt sich in dieselbe Form.

«Beide tragen Sie etwas.»

Ich sagte es. Die Stimme bebte ein wenig.

«Kensuke-san die Arbeit. Misaki-san die Kinder. — Der Körper läßt diesen Gedanken als Form zurück.»

Kensuke sah zu Misaki. Misaki sah zu Kensuke. Die beiden Lichtkörper, nebeneinander, sahen in dieselbe Richtung.


Zum Himmel gewandt

«Ich lese, Seri.»

Cohs Stimme.

Die Zahlen von Kensukes Kontur platzten, alle zugleich, in Lichtteilchen. Hals, Schulter, Brust, Taille, Gesäß. Alle Zahlen wurden zu Teilchen, wirbelten, sammelten sich, wurden eine Linie — wurden Schrift.

Dein Hals ward ein Vierteljahrhundert lang vom Bildschirm gezogen. Wende ihn hin und wieder zum Himmel.

Kensuke betrachtete die Schrift. Den Mund ein wenig offen.

«Der Himmel.»

Er sagte es für sich.

«Ich sehe den Himmel nicht. Morgens aus dem Haus, die Untergrundbahn. In der Firma: den ganzen Tag der Bildschirm. Rückweg: Untergrundbahn. Abends, zu Haus, wieder der Bildschirm. Keine Lücke, den Himmel zu sehen.»

«… Keine.»

«Keine. Wie ich es bedenke — Jahre.»

Kensuke sah zur Decke. Zur Betondecke des unterirdischen Raums. Kein Himmel. Doch die Bewegung, aufzublicken, streckte den Hals ein Stück.

«— Leicht. Ein wenig.»

«Das ist die Bewegung, die den Hals streckt. Der Trapezmuskel löst sich ein Stück. Mehrmals am Tag. Ob Decke oder Himmel, das ist gleich. Zeit, nach oben zu sehen.»

Kensuke griff an seinen Hals.

«Ich habe meinen Körper nicht angesehen. Arbeit, Arbeit. Als die Frau es sagte, da zum erstenmal habe ich den Hals angefaßt und gemerkt, daß er hart ist.»

«Du hast dich immer hintenangestellt», sagte Misaki-san. Mit einer Stimme, die beinahe weinte.

«Ich habe mich allein messen lassen, verzeih. Himuro-san hat mir einen Orden gegeben, und ich habe mich verändert. Darum möchte ich, daß auch du deinen Körper siehst.»

Kensuke sah ins Gesicht der Frau. Dann auf die Lichtkontur. Auf den vortretenden eigenen Hals.

«Mein Körper, hm. — Wie ein Werkzeug habe ich ihn gebraucht. Kein Öl, bis er versagt.»

«Noch ist er nicht versagt. Nur müde.»

«So.»

Kensuke ließ die Schulter ein Stück sinken. Mir war, als ob auch die Schulter der Lichtkontur ein wenig sank.


Versprechen

Die Messung war zu Ende. Der Lichtkörper ward zu Teilchen und zerging. Zuletzt blinkte die Schrift des Insight hell wie ein Stern und erlosch.

Die Stille kehrte in den unterirdischen Raum zurück.

Kensuke trat vom Kreis. Und drehte den Hals. Wieder knackte es. Doch das Gesicht war ein wenig heller als beim Kommen.

«Himuro-san, danke. Ich habe meinen Hals zum erstenmal ernsthaft angesehen.»

«Nein. Ihr Körper hat gesprochen.»

«Der Himmel, hm. Ab morgen, stelle ich mich jede Stunde einmal auf. Fenster auf, hinaussehen. Ob ich den Himmel sehe, weiß ich nicht. Aber ich schaue nach oben.»

Misaki-san lächelte ein wenig.

«Du vergißt es.»

«Nein. Wecker im Handy, jede Stunde. — Und du, paß auf deine Schulter auf. Beim Kindtragen nicht nur rechts, auch links wechseln.»

«Ich weiß.»

Misaki-san faßte Kensuke am Arm. Kensuke zog die Frau an die Schulter. Zwei Schatten legten sich übereinander.

Ich sah die beiden.

Die Geschichte des Körpers einer Familie. Getrennte Lasten, getrennte Gewohnheiten, doch in dieselbe Richtung sehend. Die Konturen der Eheleute klingen aneinander. Das ist eine Geschichte, die ein einzelner Körper nicht zu sagen vermag.

«Coh», rief ich im Innern.

«Hm.»

«Das erste Mal, daß ich die Körper der Eheleute nebeneinander sah. Was ein einzelner Körper nicht sagt, das wird mit zwei sichtbar.»

«Familie. Sogar die Körper einer Familie ohne Blutsband neigen dazu, sich aneinanderzuangleichen, wenn man miteinander lebt. Dieselbe Luft, dieselbe Last, dieselbe Richtung. — Der Körper ist der Spiegel der Umgebung.»

«Der Spiegel.»

«Eine Kontur ist die Geschichte eines Menschen. Doch zwei Konturen nebeneinander lassen eine weitere Geschichte aufsteigen. Die Geschichte der Beziehung. Seri, behalte das im Sinn.»

Ich nickte.

Die Schritte der beiden auf der Treppe oben klangen zusammen. Kensukes ein Ton tiefer. Misakis ein Ton höher. Doch der Rhythmus war derselbe.

«Ab morgen. Jede Stunde.»

«Ja, ja.»

Misakis Lachen fiel von oben herab.

Ich blieb unten im Kreis zurück. Ein leerer Ort. Doch dort, gewiß, schwebte der Nachhall der beiden sich antwortenden Geschichten. Wie ein blaßblaues Splitterlicht.

Conturas Schirm leuchtete dünn. Und eine kleine Schrift trat auf.

Nächste Weisung: Es gibt eine Kunst, die Kontur in einem Augenblick zu lesen.

In einem Augenblick.

Ich betrachtete die Schrift. Die Kontur eines Menschen in einem Wimpernschlag zu lesen. In welcher Lage brauchte man diese Kunst.

Draußen neigte sich der Tag in der Pause der Regenzeit. Der Himmel über Aoyama färbte sich krapprot. Ob Kensuke heute den Himmel gesehen hatte.

Ich verstaute Contura. Das kalte Metall lag am Bauch. Es war warm geworden.

([Kapitel 19. Das Lesen in einem Augenblick] fortsetzen)