Teil I — Begegnung mit der Kontur
Kapitel 5. Die eigene Kontur
Alle KapitelCohs Wort ließ sich aus dem Ohr nicht vertreiben.
Liest du dich selbst nicht weiter, kannst du andere nicht weiterlesen.
Vier Tage waren ins Land gegangen. Jede Nacht legte ich das alte Handy, an das Contura gebunden war, an das Kopfende des Kissens. Der Bildschirm blieb dunkel und sprach nicht. Nur das Kühle des Metalls verriet, daß es da war.
Am Montag entfloh ich Sonos Einladung zu einer Besprechung. Am Dienstag stand ich vor dem Spiegel, die Finger zitterten, und ich brach den Start ab. Am Mittwoch hielt mich Kurosawa für Überstunden fest. Am Donnerstag suchte ich einen Grund und ging früh zu Bett. Ich floh. Den eigenen Körper zu lesen, erschreckte mich weit mehr, als einen fremden zu lesen.
Am Freitagabend kehrte ich nach Hause zurück und öffnete das Fenster. Die Feuchte des Juli strömte herein, zusammen mit dem letzten Ansagemodu der Chūō-Linie. Ich zog das Polohemd aus und wechselte in ein T-Shirt. Im Waschbeckenspiegel stand ich auf. Das alltägliche Ich. Und doch sah ich heute anders aus. Als würde das Bild im Glas warten.
«Heute Nacht messe ich.»
Ich sagte es zu niemand. Als ich es laut sagte, wurde der Entschluß ein Stück fester.
Im Zimmer allein
Nicht im Kreis unten in Aoyama. In jenem Meßraum des Studios waren Kurosawa und Sono. Heute Nacht wollte ich von niemandem gesehen werden. Was ich maß, war kein anderer. Ich selbst. Meine eigene Geschichte.
Das dritte Gebot — die Geschichte, die du liest, gehört dem Menschen. Dann durfte ich die eigene Geschichte ganz allein tragen.
Ich legte das Handy auf die Handfläche. Tief eingeatmet. Ausgeatmet. Der Finger drückte.
Weiße Schrift stieg auf.
Contura
Und die Stimme.
«— Willkommen zurück, Seri.»
Coh. Vom jenseitigen Ufer des Bildschirms ein Hauch von Lächeln.
«Endlich.»
«… Sei still.»
«Vier Tage hast du gezögert. Dreimal gestartet und gelöscht. Ich habe gewartet.»
Er hatte zugesehen. Ich biß mir auf die Lippe. Aber dass er gewartet hatte, tat ein wenig gut.
«Ich messe mich.»
«Ich weiß. Dann steh. Nicht vor den Spiegel — heute Nacht geh in die Mitte des Zimmers. Deine eigene Kontur sollst du selbst, mit klarem Blick, ansehen.»
Das Licht umfährt den Körper
Die Mitte der sechs Tatami. Vorbei fuhr ein Zug, das Rattern trug sich über den Boden fort. Ich stellte das Handy auf das Regal, aufrecht.
«Schließ die Augen.»
Cohs Stimme kam heute Nacht von tiefer innen, hinter den Schläfen. Nicht aus dem Lautsprecher.
Ich schloß die Augen. Das blaßblaue Licht strich über die Oberfläche meines Körpers, als nähme es mich ab. Einmal hatte ich das gespürt. Damals war die Angst vorausgegangen, und ich hatte es nicht ordentlich kosten können. Heute Nacht war es anders. Jede Fingerspitze, die Aushöhlung am Schlüsselbein, Rippe für Rippe, der harte Winkel des Hüftbeins — das Licht fuhr alles sorgsam nach. Warmes, wasserartiges Licht. Wie eine Hand, die behutsam aufgelegt wurde. Ein Hauch von Fürsorge.
«Bei der Schulter beginnen.»
Das Licht zog einen Ring. Über dem Schulterblatt lief eine Linie aus Licht. Weiße Zahl in der Luft.
Schulterbreite 41
Brust. Das Licht fuhr vorsichtig über die Wölbung.
Brustumfang 83
Taille. Hüfte. Oberschenkel.
Zahlen stiegen auf, eine nach der anderen. Hals, Oberarm, Unterarm, Knie, Knöchel. Von der Schulter bis zur Fußspitze maß der Lichtring meinen Körper aus.
Und — für einen Wimpernschlag erhob sich in mir eine Stimme.
Zu viel. Zu wenig. Zu dick. Zu dünn.
Die Stimme, die mich vor zehn Jahren gebunden hatte. Die Stimme, die mich auf der Waage verurteilt hatte, bei jedem Blick auf den Zeiger.
«Seri.»
Coh, leise.
«Vergiß den Atem nicht.»
Das Netz der Zahlen
Ich hatte den Atem angehalten. Die Zahlenreihe knüpfte sich zum Netz und wollte mich fangen.
Ich atmete aus. Lang, langsam. Die Schulter sank ein Stück.
Zahlen waren nur Zahlen. Eine Zahl verurteilt nicht. Verurteilt das Auge, das ihr einen Sinn aufzwingt. So hatte Coh es in den Geboten gesagt.
Ich sah die Zahlen noch einmal an.
Taillenumfang 71 Hüftumfang 89
Das waren nur Punkte einer Kontur. Linien. Buchstaben, die meine Form zusammenhielten.
«… Es ist gut», sagte ich zu mir.
«Ja», sagte Coh leise.
Die Zahlen in der Luft platzten, alle zugleich, zerstoben zu Lichtteilchen, wirbelten, sammelten sich. Und erhoben sich als Lichtkörper, in der Gestalt meines Körpers, in der Luft.
Die Kontur, zum zweitenmal
Zum zweitenmal. Einmal hatte ich sie gesehen. Damals stand Schrecken dazwischen, und ich hatte sie nicht recht betrachten können.
Heute Nacht sah ich hin.
Der Lichtkörper trug meine Gestalt. Ohne Kleidung, nur Kontur. Die Schultern breit, die Taille flach. Die Linie von der Hüfte zum Oberschenkel in einer langsamen Biegung. Die Brust zurückhaltend, und doch bestimmt, da.
Es war nicht schön und nicht häßlich. Es war schlicht da. Meine Form.
«Das ist das jetzige Ich.»
«Ja. Das ist Seris Kontur.»
«Sie scheint mir eine andere als damals.»
«Sie ist eine andere. Du lebst jeden Tag. Ißt, schläfst, bewegst dich, weinst. Der Körper verändert sich. Keine Geschichte gibt es zweimal.»
Ich streckte die Hand nach dem Lichtkörper aus. Aber ich berührte ihn nicht. Er schien zu zergehen, wenn ich ihn fasse.
«Ich lese», sagte Coh.
«— Lies.»
Die Teilchen sammelten sich. Diesmal zu einem einzigen Satz.
Dein Körper hat lange als Feind gekämpft. Du darfst jetzt aufgeben.
Die Übergabe
Ich las.
Und die Knie gaben nach.
Nicht, daß sie brachen. Die Kraft entwich ihnen. Ich saß auf dem Boden. Die raue Tatami unter der Handfläche.
Feind.
Dies eine Wort löste zehn Jahre auf.
In der Oberschule hatte ich begonnen, meinen Körper als Feind zu sehen. Bei jedem Spiegel stieg Ekel auf. Bei jedem Umziehen fürchtete ich, daß die Form zum Vorschein kam. Mit dem Maßband um die Taille, mit der Waage unter den Füßen — jede Zahl war ein Stich. Ich fürchtete das zu viel weit mehr, als daß ich das zu wenig erstrebt hätte. Morgens, als erstes, die Waage. Stieg die Zahl, brach der Tag.
Essen. Erbrechen. Essen. Beschränken. Immer von vorn. Der Verein, die Freunde — alles trat zurück. Im Kopf nur Kalorien, Maße, das morgige Gewicht. Der Körper war der Feind. Das Gerät, mit dem ich mich bestrafte.
Und dieser Körper — sagte nun: Du darfst aufgeben.
«Du weinst», sagte Coh leise.
«… Ich weiß.»
Die Tränen hielten nicht. Kein lautes Schluchzen. Nur heiß quoll es aus dem Grund der Augen. Zehn Jahre voll Tränen. Oder länger.
Ich sah meinen Körper zum erstenmal als etwas, das nicht der Feind war. Der Lichtkörper stand still vor mir. Wie ein Gegner, der nach langem Kampf die Waffe niederlegt und die Hand ausstreckt.
«Danke.»
Ich weiß nicht, wem ich es sagte. Dem Körper. Der Großmutter. Contura. Allen.
«… Hast du angenommen», sagte Coh.
«Ja. Ein wenig. Stück für Stück. Aber jetzt kann ich es denken.»
Der Lichtkörper wurde einen Hauch heller. Als würde er lächeln.
Die Kernzahl
Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende.
«Seri. Es gibt noch etwas, das ich dir zeigen will.»
Cohs Stimme veränderte sich. In der Milde lag ein Zögern.
Der Lichtkörper in der Luft wandelte sich. Die Teilchen sanken unter die Hautoberfläche. Die Kontur wurde von außen nach innen durchsichtig. Unter der Haut, hinter der Fettschicht, stieg ein rötliches Licht auf. Muskel. Knochen.
«Die äußere Form ist nicht die ganze Kontur. Der Körper hat einen Kern.»
«Einen Kern —»
«Die Kernzahl. Sie mißt die verborgene Kraft des Muskels. Eine Achse, die nichts mit der sichtbaren Dünnheit oder Stärke zu tun hat. Der fettfreie Körpermasse-Index.»
In der Luft stieg eine Zahl auf.
Kernzahl 13,8
Und daneben, klein, ein Vermerk.
Deine Kernzahl liegt unter dem Durchschnitt deiner Altersgruppe.
Der Atem stockte mir.
13,8. Unter dem Durchschnitt.
Gerade als ich den Kampf aufgegeben hatte, kam aus der Tiefe meines Körpers das Wort: Die Kraft reicht nicht.
«Das ist niedrig.»
«Niedrig. Der Muskelanteil in deinem Körper ist, verglichen mit Frauen deines Alters, deutlich gering.»
In Cohs Stimme war kein Trost. Nur Redlichkeit.
«Der Preis des jahrelangen Kampfes. Ein Körper, der ißt und beschränkt, verbrennt, bevor er Fett abgibt, den Muskel. Muskel ist der einfachste Brennstoff, den der Körper zur Hand hat.»
Ich biß mir auf die Lippe.
Soeben hatte ich den Körper angenommen. Soeben hatte ich gedacht, er sei kein Feind. Und nun, da ich ihn öffnete, kam kein Trost, sondern ein neues Urteil.
«… Dann ist mein Körper doch fehlerhaft.»
«Seri.»
Cohs Stimme wurde schärfer.
«Wie oft soll ich es sagen. Die Zahl verurteilt nicht. Verurteilst tust du.»
Die Frische
Ich hob das Gesicht.
Cohs Stimme fuhr fort.
«Seri. Das Bild, das du von deinem Körper trägst — fehlerhafter Körper, schwacher Körper, Körper des Feindes —, das ist alles alte Geschichte.»
«Alte Geschichte.»
«Ja. Die Geschichte deines Körpers von vor zehn Jahren. Oder vor fünf. Vor drei. Du hast sie die ganze Zeit mitgetragen. Sie hat deinen Blick auf den Körper getrübt.»
In der Luft standen zwei Konturen, nebeneinander.
Die eine: blaß, verblaßt, die Linien unscharf, hier und dort unterbrochen.
Die andere: die Kontur von heute Nacht, leuchtend blaßblau.
«Die linke ist das alte Bild, das du im Herzen mit dir getragen hast. Die rechte bist du. Die frische Kontur, heute Nacht gemessen.»
«Frische —»
«Die Frische der Geschichte. Die Geschichte eines Körpers veraltet. Verblassen. Der Körper von vor einem Monat ist nicht mehr der heutige. Der von vor zehn Jahren ist nirgends.»
Ich betrachtete die verblaßte Kontur. Sie war in der Tat der Körper, den ich im Kopf getragen hatte. Der feindliche, häßliche, zu strafende. Der Körper, dem nichts reichte, dem alles zu viel war.
Aber sie war nicht das jetzige Ich.
«Der Feind, den du bekämpft hast, war längst nicht mehr da, Seri.»
Cohs Stimme sagte es still.
Ich sah die verblaßte Kontur genauer an. Und ich verstand. Sie war die Erinnerung an meinen Körper von damals. Die Oberschule, die Universität, die Jahre der Eßstörung. Der Körper, den ich am meisten gehaßt hatte.
Aber mein jetziger Körper war nicht dieser. Zehn Jahre lang hatte ich gelebt, gegessen, geschlafen, mich bewegt, geweint, gelacht. Ein anderer Körper.
«Die alte Geschichte darfst du loslassen.»
«… Ja.»
«Aber», sagte Coh, «die Frische hält sich nicht von allein. Sie verblaßt wieder. Wenn du in einem Monat versuchst, dich an die heutige Kontur zu erinnern, bist du nicht mehr die heutige. Darum mußt du weitermessen. Dich weiterlesen. Das ist der einzige Weg, die Frische zu wahren.»
«Weitermessen.»
«Dasselbe gilt beim Lesen fremder Körper. Bei einer gelesenen Geschichte darfst du nicht stehenbleiben. Menschen verändern sich. Beim nächsten Mal ist es ein anderer Körper. Den liest du neu. Das ist die Redlichkeit der Lesenden.»
Der Anfang
Ich saß lange auf dem Boden und sah die beiden Konturen an.
Die verblaßte alte und die leuchtende neue. Und darin, dünn, das rötliche Licht des Muskels. 13,8, die niedrige Kernzahl.
Ich hatte den Körper angenommen. Ich konnte denken, er sei kein Feind. Aber dieser Körper hatte zu wenig Kern.
Annehmen und Verändern — waren sie Verschiedenes?
«Coh.»
«Hm.»
«Darf ich annehmen und trotzdem verändern?»
Coh ließ einen Moment zu.
«— Ja. Es ist sogar das Einzige.»
«Wie meinst du das.»
«Wer annimmt und dann verändert, der schreibt weiter. Wer nicht annimmt und verändert, der straft. Ich werde den fehlerhaften Körper in Ordnung bringen — das ist ein Kampf. Aber annehmen und verändern ist etwas anderes. Es heißt: Mit diesem Körper schreibe ich den nächsten Satz.»
Ich wiederholte das Wort.
Annehmen und verändern. Nicht strafen, sondern schreiben.
«Sono hat immer gesagt: Muskel wird gemacht. Freue dich am Machen.»
«Sono Kiryū. Ihre Kernzahl liegt über sechzehn. Fast der obere Wert für Frauen ihres Alters.»
«Sechzehn —»
Eine Zahl aus einer anderen Welt als meine 13,8.
«Sono hat einen Kern.»
«Sie hat ihn weniger besessen als gemacht. Die Muskelmasse aus Jahren des Ringens. Einen Kern hat man mit, aber man kann ihn auch bauen.»
Bauen.
Ich betrachtete meinen schwachen Kern. Es war keine Schande. Nicht mehr. Die Zahl 13,8 war kein Strafwort. Sie zeigte nur, wo ich ansetzen mußte. Annehmen und Verändern widersprachen sich nicht. Nur am angenommenen Ort ließ sich eine neue Geschichte schreiben. So hatte Coh es im fünften Gebot gesagt — die Kontur ist nicht einzig zum Verändern da. Aber sie ist auch zum Annehmen da.
Das war der Anfang des nächsten Satzes.
«Coh.»
«Hm.»
«Ich werde Muskel aufbauen. Schritt für Schritt. Langsam. Aber ich werde es tun.»
«— Ja.»
«Und dafür frage ich Sono. Ich bitte sie, ihren Körper zu messen. Zu erklären, wie man einen Kern baut.»
Coh schien ein wenig zu lächeln.
«Gut. Das ist ein guter Plan.»
Der Lichtkörper in der Luft wurde dünn. Das Licht wich zurück.
«Für heute enough. Sich selbst messen ist schwerer, als andere messen.»
Ich nickte und ließ mich aufs Bett fallen.
Ich sah zur Decke. Die raue Tatami unter der Handfläche. Die Spur der Tränen trocknete auf der Wange.
Ich legte die Hand auf den Bauch. Unter dem dünnen T-Shirt. Dort, wo ein wenig Muskel sein müßte. Der Kern von 13,8.
«Gute Nacht.»
Das Handy wurde ein wenig warm. Wie eine Antwort.
Morgen ist Samstag. Sono hat Frühschicht. Ich werde sie als erste ansprechen. Die Frau mit dem starken Körper, der den Kern trägt.
Meinen kernlosen Körper, nicht als Schande, sondern so.
«Sono. Erzähl mir. Was heißt es, einen Kern zu bauen?»
—